Diese Suite ist eine Seltenheit im Konzertbetrieb; kaum begreiflich, warum. Das Stück hat Charme, Eleganz, Opulenz und Humor. Es ist "etwas unendlich Graziöses, Urfeines im Klang, zierlich in Musik und spinnwebfein instrumentiert" - besser als Max Reger selbst kann man das Werk kaum beschreiben. Die Einleitung ist ein Marsch, pompös beginnend, voller Grazie sich fortspinnend. Die folgenden drei Sätze charakterisieren einige Figuren der commedia dell'arte. Colombine, die zarte weiße Taube, schwebt im ruhigen Adagietto vorbei, Harlequin schmachtet in ätherischen Tönen nach Colombine wie in irdischeren nach dem Braten in der Küche seines Herrn, Pierrot und Pieretta hüpfen über die imaginäre Bühne.

Verspielter Zauber
Eine sacht angeschrägte Valse d'amour folgte und mit einem flotten Finale ist der verspielte Zauber vorbei. Judith Kubitz dirigierte das groß besetzte Orchester, als läge die kleine Nachtmusik auf dem Pult. Differenziert und präzise horchte sie den einzelnen Stimmen nach, fing die Helligkeit jedes einzelnen Satzes ein. Beim Walzer legte sie sich mit den Musikern ins Zeug, als gelte es, mit Max Reger der Operette Konkurrenz zu machen.
Es folgte Chopins zweites Klavierkonzert, das eigentlich sein erstes ist. Kaum irgendwo sonst sind Chopins klassische Wurzeln so deutlich hörbar, wie in diesem kammermusikleichten Konzert. Ein beiläufiger Aufschwung des Orchesters, ein Atemholen und das Klavier legte los, aber wie! Der Solist kaute und biss sich wütend durch seinen Notentext, Höhepunkte, Aufschwünge, Atemzüge existierten nicht, wo die Chopin-sprichwörtlichen Rosen verborgen sein sollen, breitete sich kratziger Bodendecker über die musikalische Wüstenei; die dazugehörigen Kanonen waren auch nicht zu vernehmen. Das Orchester sorgte mit seinem ersten größeren Einschub für aufmunternde Erholung. Weiter ging es im grobkörnig durchlaufenden Klavier-Mezzoforte, bis die Posaunen im zweiten Orchesterpart geradezu drohend ihre Stimmen erhoben.
Der zweite Satz ging irgendwie vorbei, uninspiriert, kein Klang-Bogen spannte sich, kein noch so duftig musiziertes Streichertremolo provozierte wirkliche Musik des Tasteninstruments. Der eigentlich komponierte, leicht elegisch abgedunkelte tänzerische Schwung und die Eleganz des dritten Satzes glichen dem Charme Klumpenturnschuh tragender Pubertierender hiesiger Landstriche bei der ersten Tanzstunde. Rumpel pumpel, holper stolper, endlich war's vorbei.
Wie ein solcher Klaviertrakteur das Cottbuser Konzertpodium, auf dem sich nach der Pause ein Wunder zutragen sollte, erklimmen konnte, ist rätselhaft. Bei jedem mittleren Klavierwettbewerb fällt in der ersten Runde ein Dutzend besserer Pianisten aus. Mit steinernem Gesicht hörten die Orchestermusiker die Akklamation aus dem Saal.
Nach der Pause Mozarts Es-Dur-Sinfonie, die erste, "einfachste" aus der Trias der letzten großen Sinfonien. Was Judith Kubitz mit dieser Sinfonie und dem Philharmonischen Orchester fertig brachte, kann kein Metropolen-Maestro mit einem Hochglanz-Orchester besser. Auf der Basis schlanker, elastischer Tongebung entfaltete sie klingend jenen Mozart-Kosmos des dramma giocosa, über den in diesem Jahr so viel gesprochen wird. Eine singende Melodie, dann ein Streicheraufschrei, später flüsternd und kichernd vorbeihuschende Bläserläufe entfalteten das durch stetigen Wechsel untrennbare Spiel von Licht und Verschattung, von Heiterkeit und Bitternis, von schneidender harmonischer Kühnheit und lieblich anschmiegsamer Melodik.

Ein wandernder Puls
Unerbittlich dröhnende Pauken und Hörner signalisieren die Nähe zur schaurigen "Don-Giovanni"-Welt, die Klarinetten im Trio des 3. Satzes assoziieren die Heiterkeit einer Landpartie. Alles klang derart plastisch, als sprächen die Instrumente. In der Es-Dur-Sinfonie hat Mozart die disparatesten Gedankengänge, manchmal sind es nur blitzkurze Einfälle, zusammengebracht. So etwas wie einen Gesamteindruck hat der Komponist hier vermieden. Man freut sich vielmehr an seiner kühnen geistigen Beweglichkeit, und Judith Kubitz hat gerade diese großzügige Fülle wunderbar detailversessen vor ihren Zuhörern ausgebreitet. Ein von Instrument zu Instrument wandernder, immerfort vorwärts treibender Puls war der Energiespender der Interpretation.
Judith Kubitz spricht gern davon, die Musik Mozarts müsse nur einfach zugelassen werden. Nach solcher beglückenden künstlerischen Tat denkt man dennoch an das Leichte, das so schwer zu machen ist.
Ovationen für diese Interpretation, glückliche Musikergesichter.