Man sieht, das Stück hat doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, es wurde 1934 uraufgeführt. An Bord der MS America gehen nun die leichten Verbrecher, zwei undurchsichtige Chinesen, einer Alkoholikel, der andere Falschspielel, Moonface Martin und Miss Erma sowie die schwereren Jungs, Elisha Whitney und Billy Crocker, der eine ein ausgewachsener Börsenmanager, der andere sein kleiner Gehilfe und vorerst noch liebenswert. Im Schlepptau dieser Persönlichkeiten der übliche Käfig voller Narren: die zur Bußpredigerin bekehrte Nachtklubsängerin Reno Sweeny nebst Gefolge, die verwitwete und von Whitney heiß begehrte Dame Evangeline Harcourt, welche ihr Töchterlein Hope zwecks Sanierung der Familienfinanzen zwangsverheiraten möchte und der dazu vorgesehene Bräutigam, der liebenswürdig spleenige Lord Evelyn Oakleigh. Dass natürlich einige als blinde Passagiere, die anderen mit falschen Pässen und die dritten als Hochstapler reisen, dass alle mit jedem verwechselt werden, dass Billy Crocker die reiche Hope Harcourt liebt und Lord Oakleigh lieber die nicht übermäßig fromm gewordene Reno zur Dame machen möchte, füllt einen amüsanten Abend. Am Ende heiraten mindestens vier Paare, weil auch Gangsterbraut Erma solide werden will und ein Matrose die eheliche Tauglichkeitsprüfung im Maschinenraum erfolgreich überstanden hat. Was in Cottbus fehlt, ist der schier unübersetzbare Wortwitz der von Cole Porter nicht nur komponierten sondern auch getexteten Songs. So blieb man bei den englischen Originalen, deren Texte zwar für die meisten Zuschauer so auch unverständlich blieben, aber immerhin gut klangen. Die Dialoge waren neu gefasst und wimmelten von aktuellem Witz, den man streckenweise vielleicht noch ein bisschen hätte pfeffern können; zu irgendwas muss unsere Finanzkrise doch auch gut sein. Ohne Einschränkung gut und besser war das, was die Darsteller, Sänger, Tänzer, Musiker auf und unter der Bühne boten. Das Orchester unter Marc Niemann spielte den Swing als würde es nie etwas anderes tun; nicht zu dick aufgetragen, nicht zu steif, eben gerade richtig. Besonderer Glücksfall Als besonderer Glücksfall erwies sich das Engagement von Camilla Kallfaß als Gast für die Hauptrolle der singenden, tanzenden, schauspielernden Reno Sweeny. Sie zeigte alles, was man an einer Universität im Fach Musical lernen kann. Camilla Kallfaß sang mit geschulter Mezzo-Stimme und bestens sitzenden Akzenten, sie tanzte je nach Wunsch schlangengleich im verruchten Mieder-und-Strapse-Kostüm mit Goldkettchen am BH oder steppte im glitzernd-hautengen Abendkleid, sie gab schauspielernd den guten Kumpel und bot zum guten Schluss auch noch die kleine Plinzessin Pflaumblüte, geheiratet vom englischen Lord. Dazu sieht Camilla Kallfaß blendend aus, Model-Gardemaß und gertenschlank. Das wunderbare war aber, dass das Personal des Cottbuser Theaters durchaus mithalten konnte, allen voran Hardy Brachmann als verliebter Billy Crocker. Das ist im Stück der seriöse Part und darin der Komik aller anderen Figuren standzuhalten, ist so einfach nicht. Hardy Brachmann tanzte fast so gut wie die in ihn verliebte Reno, sang wie der gestandene Opernsänger, der er ja ist, spielte nicht schlechter als mancher Schauspieler, schmachtete verliebt seine Hope - Cornelia Zink in dieser durch und durch rosafarbenen, leider etwas undankbaren Rolle auch sehr passend - an und war zum Schluss irgendwie auch ein Chinese. Carola Fischer braucht sowieso nur über die Bühne zu gehen und neben ihr verschwinden selbst solche Schwergewichte wie Wolfgang Kaul: Am Ende sind beide ein schönes Börsenmaklerpaar mit flauschigem Hündchen an der Glitzerleine. Die skurrilste Nummer Wenn Andreas Jäpel nicht ohnehin in Cottbus beschäftigt wäre, hätte man ihn vermutlich aus Tausenden Bewerbern für den Lord Oakleigh gecastet. Komisch, beweglich und blendend bei Stimme, besser geht es kaum. Sein Zigeunerballett war die skurrilste Nummer des ganzen Abends. Heiko Walter, routiniert auf dem Parkett der leichteren Muse, gab erquickend ungefährlich den Kleingangster Moon, während seine Partnerin Erma, Ilonka Vöckel, durchaus eine Überraschung parat hatte. Drei Viertel des Abends gab sie die Verona in blond und plötzlich setzt sie zu einem Step an, der sich sehen und hören lassen konnte. Der Chor und vor allem das fein und streckenweise sogar witzig choreografierte Ballett - ein klassischer Pas de deux trifft Cole-Porter-Melodie, im Orchestergraben wird sychrongeschwommen - fundierten das feine Solistenensemble. Der Knalleffekt mit Schreckensschrei kam zum Schluss und dann der herzliche Beifall für das Spektakel, bei dem sogar die marmornen Musen und die Buffettdamen im Foyer mitmachten.