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Ein jüdischer Straßenmusiker in der Cottbuser Synagoge

Alex Jacobowitz mit seinem Xylofon.
Alex Jacobowitz mit seinem Xylofon. FOTO: Christian Steiner
Zum Abschluss des 25. Cottbuser Bücherfrühlings präsentiert die Interessengemeinschaft Bücher in Cottbus gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Cottbus und der Oberkirche am 28.

Juni, 18 Uhr, eine Konzertlesung mit Alex Jacobowitz in der Synagoge am Schlosskirchplatz. Die RUNDSCHAU sprach mit dem jüdischen Musiker über die Magie der Straße und seines Xylofons.

Alex Jacobowitz, Sie kommen zu einer klassischen Klezmer-Konzertlesung nach Cottbus. Was erwartet uns da?
Jacobowitz Menschen, die wenig über jüdische Musik wissen, werden diese Musik nicht nur hören können, sondern ich helfe ihnen auch, sie zu verstehen. Ich erkläre, wie sich die Musik mit der gesellschaftlichen Entwicklung verändert hat, stelle sie in den Kontext jüdischen Lebens. So werden inmitten meines Klezmer-Konzertes auch Reiseabenteuer und jüdische Geschichten ihren Platz finden. Aber am meisten beeindrucken wird wohl mein Xylofon.

Das ist ein recht ungewöhnliches Instrument. Worin steckt seine Magie?
Jacobowitz Das Instrument ist drei Meter groß und 120 Kilo schwer. Es ist für mich wie eine Frau. Ich kann nicht ohne sein (lacht). Das Xylofon stammt aus Afrika. Es hat Klangstäbe, die wie Tasten eines Klaviers arrangiert sind. Mit vier Schlegeln kann ich die unterschiedlichsten Töne hervorlocken. Man darf es nicht mit dem gleichnamigen Kinderspielzeug verwechseln. Das ist aus Metall. Meines aber ist nicht nur groß, sondern aus edlem Palisanderholz. Das steckt schon im Namen. Xylo kommt aus dem Griechischen und bedeutet Holz. Es ist aber nicht nur ein Stück Holz, es sind 60! Stücke, fünf Oktaven. Man kann mit diesem Instrument regelrecht zaubern, Bach neu interpretieren, andere Klassiker oder eben jüdische Musik. Da können die Lausitzer auf ungewöhnliche Fassungen gespannt sein.

Warum haben Sie als studierter Orchester-Perkussionist die Sicherheit des Jerusalemer Sinfonieorchesters mit der Straße eingetauscht?
Jacobowitz Auf der Straße kann ich nicht nur einige Konzertbesucher verzaubern, sondern Zehntausende. Außerdem ist es ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, auf der Straße zu spielen. Ich bin mein eigenes Orchester - Solist, Dirigent, Intendant - alles in einem. Gerade mit so einem unbekannten Instrument ist es gut, den Menschen sehr nah zu kommen, um es ihnen auch nah bringen zu können, es zu erklären.

Ein orthodoxer Jude mit Schläfenlocken, Bart und Kippa steht auf der Straße und entlockt einem unbekannten Instrument klassische Töne. Wie reagieren die Leute?
Jacobowitz Erstaunt. Neugierig. Offen. Sie staunen, wie ich es überhaupt mit so einem großen Instrument in die Fußgängerzone geschafft habe. Und dann hören sie nicht nur unerwartete Musik, sie können auch unerwartete Fragen stellen. Da geht es auch um die Gesellschaft, um Toleranz, unterschiedliche Kulturen und Religionen. Es passiert schon, dass mich 100 Leute umringen, und man fühlt eine gewisse Aura, eine ganz besondere Beziehung. Es gibt Leute, die werden von diesem wunderbaren Klang angezogen und wollen wissen, wie ich das schaffe, mit nur vier Schlegeln Bach und Mozart zu spielen. Jeder hat seinen Grund, stehen zu bleiben. Da entsteht ein gewisser Zauber, der die Leute verharren lässt, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes vorhaben. Die Magie lässt sich schwer erklären, aber man kann an ihr teilhaben.

Kann man denn von Straßenmusik leben?
Jacobowitz Aber ja, ich lebe damit seit 37 Jahren und habe die ganze Welt bereist: Von New York ging es nach Afrika, China, Japan und durch ganz Europa. Für mich ist es wunderbar. Ich liebe meine Arbeit, und die Leute lieben die Musik.

Aber ist es nicht auch eine unsichere Sache?
Jacobowitz Das Einzige, was unsicher ist, ist das Wetter. Aber wenn es in Cottbus regnet, kann ich ja nach Barcelona ausweichen.

Für den Nachmittag des 28. Juni haben wir in Cottbus gutes Wetter bestellt.
Jacobowitz Das ist gut, denn ich möchte draußen vor der Synagoge musizieren, bevor ich am Abend darin die Konzertlesung gebe, damit die Menschen meine Kunst wirklich erleben. Und ich freue mich sehr, in der Synagoge zu spielen, die früher eine Kirche war. Was kann es Größeres geben als authentische Musik an einem authentischen Ort? Es ist beispielhaft, wie sich Cottbus öffnet, diese besondere Geste der Christen an die jüdische Gemeinde.

Sie stammen aus New York, sprechen aber frappierend gut Deutsch.
Jacobowitz Ich lebe seit 15 Jahren in Berlin und finde es wichtig, dass man sich versteht. Auch über die Musik hinaus. Deshalb versuche ich nicht nur englisch und deutsch zu sprechen, sondern mich auch französisch und hebräisch verständlich zu machen.

Zum Abschluss des Cottbuser Bücherfrühling geht es natürlich auch um Ihr Buch "Ein klassischer Klezmer: Reisegeschichten eines jüdischen Musikers". Können Sie denn schon mal eine Anekdote daraus zum besten geben?
Jacobowitz Extra für die Cottbuser (lacht): Nicht immer kann man das mit anhören, was auf der Straße gespielt wird. Wenn einer kein Talent hat, ist es besser, den Platz zu übernehmen. Dann sage ich schon manchmal: "Entschuldigung, nehmen Sie Schweigegeld?" In den meisten Fällen klappt das.

Sie sollen ja ohnehin immer einen flotten Spruch auf Lager haben?
Jacobowitz Ich verspreche, mit Inbrunst und jüdischem Humor das Publikum in Cottbus zu begeistern. Und sogar mal die richtigen Noten zu spielen.

Mit Alex Jacobowitz

sprach Ida Kretzschmar