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| 10:54 Uhr

Münster
Ein Jahr Kirche erkunden

Münster. Valerie Schönian hat einen Priester begleitet. Bekehrt hat sie das - ein bisschen. Dorothee Krings

Valerie Schönian hat einen Priester begleitet. Bekehrt hat sie das - ein bisschen.

Sie hat ein Jahr in einer fremden Welt verbracht: Valerie Schönian, 28, Journalistin aus Berlin, die sich selbst als politisch links beschreibt, als Feministin und kirchlich ungebundenen Menschen. Im April 2016 ist sie in die katholische Provinz gezogen, hat zwei Wochen pro Monat den Alltag eines Priesters geteilt, hat im westfälischen Dorf Roxel nahe Münster das Leben des Kaplans Franziskus von Boeselager begleitet. Während dieser Zeit hat Schönian einen Blog geschrieben über Messdienertreffen, Hochzeitsgespräche, den Weltjugendtag, über ihr anfängliches Befremden im Kreise frommer Menschen, über ihre zögerliche Annäherung an die katholische Liturgie, über ihre Gespräche mit Franziskus. Die Themen setzte sie, die Kirche zahlte ihr für das Experiment ein monatliches Gehalt. Den Blog lasen im Schnitt monatlich 60.000 Menschen.

Im Mai ist Schönians "Versuch, die katholische Kirche zu verstehen" zu Ende gegangen. Sie ist noch immer Agnostikerin, findet noch immer viele Positionen der Kirche etwa zu Frauen oder Homosexuellen befremdlich. Doch spurlos war das Jahr für sie nicht. Sie hat jetzt "ein vertrautes Gefühl in der Kirche", sagt sie. Und sie glaubt, das werde auch so bleiben.

Sie musste ein wenig Abstand gewinnen, ihre Eindrücke sortieren. Und nun hat Schönian über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. "Halleluja" heißt es und ist ein erfrischend persönlicher Bericht über die Auseinandersetzung einer jungen Frau mit theologischen Fragen, vor allem aber mit gelebtem Katholizismus. Denn nach manchem Befremden und vielen Streitgesprächen mit dem Kaplan über allgemeine Reizthemen und persönliche Zweifel werden die Menschen wichtig. Schönian entdeckt, dass der Kaplan lebt, was er predigt, und dass Glauben für ihn eine Kraftquelle ist. Außerdem trifft sie andere Gläubige aus der Gemeinde. Und weil sie ihr Experiment wie eine Feldforscherin angelegt hat, also offen ist, diesen Menschen respektvoll bis neugierig zu begegnen, spürt sie irgendwann, dass es Löcher gibt in der Wand, die ihre Welt von der des Priesters trennt.

Inzwischen wohnt Schönian wieder in Berlin, arbeitet für die Wochenzeitung "Die Zeit" in Leipzig, geht nicht in die Kirche. "Aber ich nehme die Kirchengebäude in Berlin anders wahr", sagt sie, "als tröstliches Zeichen der Beständigkeit." Nach einem Jahr in katholischen Kreisen glaubt sie, dass die Kirche sich mehr klarmachen müsse, wie schwer es für Nichtgläubige sei, Zugang zu dieser Welt zu finden. "Belehrungen helfen da nicht weiter, überzeugend sind Menschen, denen man abnimmt, dass Glauben für sie ein Geschenk ist, das sie weitergeben möchten."

Mit Kaplan Franziskus ist Schönian weiter in Kontakt, würde ihn heute sogar einen Freund nennen. "Ich teile nicht alle seine Positionen, aber ich finde überzeugend, wie er lebt", sagt sie. Das führt in ihrem Buch zu einem widersprüchlichen und darin wahrscheinlich zeittypischen Bekenntnis: "Ich glaube nicht an Gott", schreibt Schönian, "aber ich glaube Franziskus, wenn er von Gott spricht."