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| 15:52 Uhr

Interview mit Ulrike Kremeier
Die Fusion – schneller und reibungsfreier als gedacht

Die Direktorin des Landesmuseums Ulrike Kremeier in der Cottbuser „Schlaglichter“-Ausstellung, die die Fusion einläutete, mit den Kuratoren Herbert Schirmer (l.), und Armin Hauer.
Die Direktorin des Landesmuseums Ulrike Kremeier in der Cottbuser „Schlaglichter“-Ausstellung, die die Fusion einläutete, mit den Kuratoren Herbert Schirmer (l.), und Armin Hauer. FOTO: Patrick Pleul
Cottbus. Ein Jahr Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst: Wie sieht die Bilanz aus? Von Renate Marschall

Es ist gerade ein Jahr her, dass das Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk und das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) zum Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst fusionierten. Ulrike Kremeier, die Direktorin der Einrichtung, gibt Auskunft über Erreichtes und noch zu Leistendes.

Frau Kremeier, welche Bilanz ziehen Sie nach einem Jahr?

Kremeier Eine durchweg positive. Wir konnten die Fusion deutlich schneller und reibungsfreier vollziehen, als ich das erwartet hatte. Die Teams haben sich schnell zusammengefunden, obwohl es im Vorfeld ja Bedenken auf beiden Seiten gab. Für die neu geschaffenen Stellen haben wir kompetente und zum Team passende Personen gefunden. Das alles hat uns das Arbeiten erleichtert: die Ausstellungsprogramme sind miteinander verzahnt und doch voneinander unabhängig, die gemeinsame Sammlungsarbeit läuft gut und wir sind besser dazu in der Lage, unsere Aktivitäten ans Publikum und Presse zu kommunizieren. Wo sich noch einiges tun muss, das sind die Räumlichkeiten in Frankfurt und Verbesserungen in Cottbus. Auch die direkte Kommunikation der Kollegen untereinander muss noch intensiviert werden. Von den Rechtsträgern unserer Stiftung erwarte ich, dass sie auch für die Zukunft die paritätische und neutrale Verwaltung der beiden unter dem Dach der Stiftung betriebenen Einrichtungen Staatstheater und Landesmuseum garantiert.

Sind die Sammlungsbereiche an den Standorten so erhalten geblieben?

Kremeier Fast. Wir haben etwas umsortiert. In Cottbus hatten wir nicht sehr viele Plastiken, in Frankfurt existiert eine erkleckliche Sammlung. Wir haben also unseren Bestand nach Frankfurt gebracht, wo es einen kompetenten Kollegen gibt, der auch ein Händchen dafür hat. Wichtig ist, dass beide Standorte grundsätzlich auf alle Werke zugreifen können. Deswegen ist ja auch die Digitalisierung so wichtig.

Wie sieht es in Bezug auf die Programme aus?

Kremeier Die konnten wir relativ problemlos zusammenführen. Das wird sich in den nächsten Monaten noch deutlicher zeigen. Wichtig ist, dass wir die Rahmenbedingungen wesentlich verbessern konnten. Die Umbauten in der Rathaushalle in Frankfurt sind fast abgeschlossen, wir haben dort jetzt eine Kommunikationsplattform, wo Kunstvermittlung und Veranstaltungsformate stattfinden. Sowohl die Museumspädagogik wie auch Lesungen, Konzerte, Filmabende, die es so vorher in Frankfurt nicht gab, werden sehr gut angenommen. In Cottbus haben wir das intensiviert.

Wie formulieren Sie die Aufgabe des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst?

Kremeier Unsere Mission ist Kunst aus der DDR und deren Traditionslinien kunsthistorisch aufzuarbeiten, nachhaltig sichtbar zu machen und in Zusammenhänge zu stellen. Durch die Fusion belaufen sich unsere Bestände auf etwa 42 000 Werke, die Qualität und Facettenreichtum der Kunst zeigen. Mich überrascht doch sehr, wie momentan einige große Museen mit Kunst aus der DDR verfahren. Da werden Ausstellungen organisiert und überall wird einfach ein Stempel mit DDR draufgeknallt: bumm und basta. Für Exotisierung und kurzfristige Strohfeuer steht das BLmK nicht. Wir sind schon drei Schritte weiter. Wir stellen die Kunst nicht aus, weil sie aus der DDR oder aus Ostdeutschland kommt, sondern weil es gute Kunst ist, die wir einbinden in internationale Kontexte. Ein anderer Umgang scheint mir persönlich zu defensiv.

Reisen Besucher für Ausstellungen von einem zum anderen Standort?

Kremeier Zunehmend. Aber das braucht Zeit. Am besten funktioniert der Besucheraustausch bei Ausstellungen, die wir anlegen wie zwei Seiten einer Medaille.

Was ist in dieser Richtung als Nächstes zu erwarten?

Kremeier Im Herbst ein wunderbarer Block mit sieben Ausstellungen, wo wir mit Museen aus Zielona Gora und Gorzow kooperieren. In Cottbus zeigen wir Fotografien von Jakob Ganslmeier „Lovely Planet: Polen“, außerdem Plakate aus dem Nachbarland, die wir im Bestand haben, sowie eine Malereiausstellung von Przemek Matecki. Uns interessiert dabei: Wie findet man für die heutige Welt eine Bildsprache? In Frankfurt wird eine große Schau mit Druckgrafik aus Polen und Deutschland seit den 60er-Jahren zu sehen sein. Das MOS Gorzow steuert eine Ausstellung bei, die ausgehend von den „Kindheitsmustern“ der Schriftstellerin Christa Wolf, die aus Gorzow stammt, die Frage nach Erinnerungskultur, Heimat und Identität stellt. Der zweite Ausstellungteil findet zeitgleich in Gorzow statt. Im Oktober präsentieren wir Werke aus der BLmK-Sammlung in Zielona Gora. Und im Januar zeigen wir in Gorzow Kunst zum Thema Protestkultur. Eine umfangreiche Ausstellung dazu ist für das übernächste Jahr bei uns geplant. Hoch aktuell.

Neulich war eine Delegation des Museum of Modern Art New York bei Ihnen, die sich für Kunst aus der DDR und Ostdeutschland interessierte. Mit welchem Ziel?

Kremeier Um sich einen Überblick zu verschaffen. Ich war früher selbst Mitglied einer Forschungsgruppe im MoMA zur „Globalen Modernen“ und habe den Kontakt gehalten. Vor zwei Jahren war dann Christian Rattemeyer, Kurator am MoMA, hier, um die Recherchereise der Gruppe vorzubereiten. Wir haben darüber gesprochen, welche Ateliers und welche anderen Institutionen besucht werden. Im Nachgang der Reise sind nun Ankäufe, Ausstellungen und Publikationen geplant. Das ist toll, aber auch nicht ganz unproblematisch, denn die Preise steigen, und gute Werke werden für uns nicht mehr verfügbar sein.

Sie haben auch für 18 Monate einen US-amerikanischen Gast im Haus?

Kremeier Seit vier Wochen arbeitet die Kunstwissenschaftlerin Prof. Hilary Braysmith hier, die an der Universität von Southern Indiana lehrt. Sie erforscht unsere Bestände. Hilary hat zu deutscher Kunst promoviert und interessiert sich schon lange für Ostdeutschland. Finanziert wird der Aufenthalt durch eine Stiftung in den USA. Das Pflegen von Netzwerken trägt inzwischen Früchte, erhöht die Möglichkeiten, das Museum und die Kunst überregional bekannt zu machen.

Mit Ulrike Kremeier
sprach Renate Marschall