Beinahe wäre das Ereignis ja ins Wasser gefallen. Buchstäblich ins Wasser. Wegen eines gewissen Herrn Stockmann. Der jagt frohlockend durch den Park und sieht seine Vorhersagen bestätigt. „Ich habe die Beweise“ , ruft er laut und wedelt mit Papieren rum. „Das Wasser ist verseucht. Das Wasser ist todgiftig. Ich habe die Analysen. Der Park muss sofort geräumt werden. Alle müssen raus. Ich habe die unwiderlegbaren Beweise.“ Er triumphiert. . .und keiner kommt seinem Ansinnen nach. Nicht das karnevalesk angeschößelte Ehepaar und keiner der Umstehenden. Wer würde sich an so einem Tag auch den Spaß verderben lassen? Vielleicht ist's bloß ein Verrückter. Oder ein Störenfried. Man weiß ja nicht: Es laufen ja, wenn so viele zusammenkommen, auch so Typen herum.
Überhaupt, Sachen gibt's! Hundert Meter weiter ist ein großer Auflauf. Dort wollen sie eine junge Frau verkaufen. Oder versteigern. Ja, versteigern, da kommt vielleicht noch mehr raus. 50 Gulden, hundert Gulden, zweihundert, vierhundert. Das ist spannend. Schon deswegen ist es gut, dass keiner den Zumutungen des Dr. Stockmann gefolgt ist. Tolle Stimmung. Und Wenzel, dem Marie eigentlich zugedacht ist, warum bietet der nichts? Marie ist fast eingeschnappt. Riesenjubel, als der Bauernbursche ein Bündel Geldscheine hervorzieht, um seine Anwartschaft auf Marie zu bekunden. Die so „verkaufte Braut“ stellt den Rätselratern zusätzlich eine Falle auf, steigt auf den Tisch und singt, als sei sie Eliza Doolittle: „Ich hab' getanzt heut' Nacht“ . Man kennt die Marie ja als Eliza. Anne Schierack hat sie vor ein paar Jahren gespielt. Im Wenzel ist am Sonntag Dirk Kleinke zu erkennen.
Auch die nächste Geschichte hat es in sich. Ein Streit, der in einer handfesten Prügelei sehr betagter Männer endet. Ein gewisser Georg B. zerschlägt eine Flasche auf dem Kopf des Gotthold Ephraim L., der daraufhin zu Boden geht. Ein Dritter, Johann Wolfgang G. (Namen nicht geändert, d. R.) steht grimmig daneben. Dabei will ein junger Mann, der aussieht wie Kai Börner den alten Dichtern, denen Gunnar Golkowski, Hans-Peter Jantzen, Michael Krieg-Helbig zum Verwechseln ähnlich sehen, nur beibringen, dass ihre Zeit und Welt vergangen sind. Jetzt will er als junger Autor, einer der Jungen Wilden, seine Chance. Weg mit Goethe, Lessing, Büchner, auf den Kopf gehauen diesen Klassikern!

Despina verdreht Männerköpfe
Nicht drauf hauen, sondern verdrehen will die schöne Despina Männerköpfe. Katharina Dittmar klärt ihre Gouvernante auf: „Schon ein Mädchen von 15 Jahren muss die große Kunst versteh'n, wie wir am besten Näschen dreh'n, wie wir Männer schlau hintergeh'n.“ Despina weiß sich darin mit dem großen Mozart einig, der vor weit über 200 Jahren behauptet hatte: „Cosi fan tutte - so machen es alle“ . In ihrer Parkküche lässt sie sich alle Gewürze reichen, die sie einsetzt: Lachen, Weinen, Hoffnung, Lügen, Verzauberung. . .
Parkeigner Fürst Hermann von Pückler würde sich über die nächste Begegnung freuen. Hoch zu Pferde stolziert eine der Walküren durch sein grünes Paradies, gravitätisch unterwegs: Anja Göttert. Indes eröffnet sich den Besuchern der ungewöhnliche Blick in einen großen Supermarkt. „Ein Tag bei Norma“ wird es im Theater heißen. Die Tänzer Weinina Weilijiang und Marek Balaz zeigen im Park ein paar Augenblicke davon.
Da der Name Amalie fällt, werden die meisten Rater die beiden Fechter auf grüner Wiese den „Räubern“ zugeordnet haben. Amalie (Ariadne Pabst), die gerade aus der Küche kommt, weiß den Degen ebenso zu führen wie ihre Küchengeräte - Achtungszeichen für Jan Hasenfuß und Oliver Seidel.
Dann ist mitten am theatralischen Parksommernachmittag ein Stück Spreewälder Sagennacht. Pückler, wäre er da, könnte die Mittagsfrau begrüßen. Für viele hat sie endgültig die Gestalt der Heidi Jütten angenommen. Da er illustre Gäste schätzt, hätte er auch Cosima, die Gattin Richard Wagners, die ein Freundschaftsverhältnis mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche pflegte, und den geheimnisvollen Zauberer von Oss an seine Seite gezogen.
Wer zwischen der Feststellung „Lehrer sollten nackt nicht tanzen“ und dem Tatbestand „Die schlecht behütete Tochter“ Zusammenhänge herstellt und auf die unsicheren Zeiten oder die schlechten Sitten schimpft, sei beruhigt. Beides sind Titel aus dem neuen Spielplan, die natürlich auch ihre Bilder in den Park werfen.
Wie auch die Träume junger Leute, die gleich als geballte Ladung von drei Stücken auf die Bühne kommen werden, und in einem Musical „Anything goes“ (Alles ist möglich).

Weitsicht und Zeitsicht aus dem Ballon
15 Stationen stellen 15 Rätsel. Und es gibt Besucher, die viele Bilder und Szenen der richtigen Inszenierung zuordnen. Eine Ballonfahrt, von der RUNDSCHAU zur Verfügung gestellt, wartet als erster Preis. Dessen Gewinner ist der Arzt Dr. Knut Lürmann. Nach dem abschließenden Konzert, in dem das Philharmonische Orchester unter Leitung des neuen Generalmusikdirektors Evan Christ und Sängerinnen und Sänger des Opernensembles Besucherohren und Parkesweiten mit Leckerbissen der Musikliteratur erfüllen, fährt der Preisträger über Cottbus.
Hatten alle Besucher dieses Tages einen guten Ausblick auf die kommende Spielzeit erhalten, er - denken wir mal - hatte den besten. Vielleicht konnte man aus seiner Höhe sogar in die nahe Zeit schauen. Wenn dem so ist, müssen ihm wunderschöne Jubiläumstage des Theaters ins Auge gefallen sein. Wenn am 1. Oktober abends die Festveranstaltung abrollt, der Bundespräsident spricht, in einer Uraufführung die „Musen im Rausch“ gezeigt werden und Evan Christ mit dem Orchester das Kunststück vollbringt, die Planetenbahnen durch den Saal des Großen Hauses zu leiten, dann öffnet sich das Theater zum Schillerplatz hin zu einem großen Bürgergeburtstag. Schon am Vormittag sind Kinder zu einer märchenhaften Feier und am Nachmittag des 2. Oktober die Jugend zu einer großen Geburtstags-Performance eingeladen. Nicht zu vergessen die drei Premieren der Festwoche: am 3. Oktober die „Trilogie der Träume“ , am 4. „Die Walküre“ und am 5. der Ballettabend „Ein Tag bei Norma“ . Ebenfalls am 5. werden am Vormittag die Max-Grüne-baum-Preise feierlich verliehen.
All das könnte, wenn's ginge, der Ballonfahrer, aus seiner luftigen Höhe durch die Zeiten sehen. Vielleicht würde er auch einen berüchtigten, flüchtigen Hochstapler zu stellen helfen. Unter das Festpublikum hat sich nämlich ein gewisser Wilhelm Voigt gemischt, von Beruf Schuhmacher, der in Berlin die Köpenicker Stadtkasse um eine namhafte Summe erleichtert hatte. Untergetaucht, nennt er sich nun Thomas Harms. Insider wissen andere Namen von ihm aus den letzten Monaten: Mephistopheles, Philipp Klapproth, Jonathan Peachum, Kontrabassist, Mr. Paravicini. Zweckdienliche Hinweise über seinen weiteren Weg gibt jede Theaterkasse.
Ein Glück, dass der Nachmittag ungetrübt verläuft und sich der Alarm eines gewissen Dr. Stockmann als ein Einfall des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen in seinem Stück „Ein Volksfeind“ erweist. Nichts stört unser Fest „100 Jahre Theater“ .