Giuseppe Verdi liebte zwei große Dramatiker, Shakespeare und Schiller. Bei Letzterem brauchte er drei Anläufe, bis ihm mit "Don Carlos" der große Wurf glückte. So sehen wir es zumindest heute. Vielschichtige Figuren, eine differenzierte Behandlung des Orchesters, formale Kühnheit, eine Handlung, die große weltpolitische Ideen mit persönlichen Konflikten eng verzahnt, fesseln die Zuschauer - so lang der Abend auch sein mag. Verdi hat mehr als fünf Stunden Material geliefert, drei davon konnte man in Cottbus erleben.

Traumschöne Musik

In einem kurzen Vorspiel herrscht blanker Jubel. Prinz und Prinzessin, Carlos und Elisabetta, lieben einander und sollen als Unterpfand des Friedensschlusses zwischen Frankreich und Spanien heiraten. Politisches und Persönliches stimmen für einen utopischen Moment überein, Verdi überglänzt ihn mit traum-schöner Musik. Aber - alte Opernweisheit - glückliche Liebe am Anfang endet tragisch. Carlos‘ Vater Philipp II. beansprucht die junge Frau für sich. Die Liebenden finden sich urplötzlich als (Stief)mutter und -sohn wieder. Der schwache Carlos wird an seiner nunmehr unmöglichen Liebe zerbrechen. Elisabetta bewahrt ihre persönliche Integrität um den Preis des Lebensglücks.

Auch Philipp leidet; an unheilbarer Einsamkeit. Natürlich liebt Elisabetta ihn nicht, aber auch seinen zaghaften Versuch einer Freundschaft zum freidenkerischen Marquis Posa macht die Inquisition zunichte. Posa schließlich opfert heldenmütig sein Leben, aber nicht für den König, sondern für Carlos. Der soll Posas Freiheitsgedanken weitertragen. Es gelingt nicht, Carlos wird ermordet. Das Bühnenbild von Walter Schütze verstärkt die düstere Atmosphäre. Schwarze Feierlichkeit, Klaustrophobie, Mauern, Treppen, keine Luft zum Atmen. Logischerweise bietet die Konstruktion auch wenig Raum für das große Tableau des mittleren Aktes mit dem feierlichen Autodafé (Glaubensgericht). Die Chöre müssen sich an die Seiten der Bühne drängeln.

Martin Schüler hat Verdis politikverquickte Liebesgeschichte, in der noch Prinzessin Eboli als vergeblich in Carlos verliebte Intrigantin mitspielt, als geradliniges, sauber gearbeitetes Opernspiel in edlen historischen Kostümen (Nicole Lorenz) inszeniert.

Mit Augenzwinkern

Die Cottbuser Bearbeitung des Werkes stützt diese Genauigkeit, in jeder Sekunde versteht der Zuschauer, was warum vorgeht. Transzendiert wird nicht, da bleibt Cottbus preußisch. Die "Stimme vom Himmel" singt ein Rauschgold-Engel aus dem Notenblatt. Der mystisch entrückte Kaiser Karl V. kommt gar nicht vor. Nicht einmal die verschleierte Schöne aus Ebolis spanischer Kanzonette wird besungen.

Das eine oder andere regieliche Augenzwinkern ist trotzdem zu finden: Ihr großes Freundschaftsduett ziehen Carlos und Posa wie ein altes Schüler-Ritual ab. Der Auftritt des Großinquisitors könnte eine Hommage an den großen Rolf Ludwig als Drache am Deutschen Theater sein. Insgesamt etwas konservativ das Ganze, aber man bleibt trotzdem in Höchstspannung, selbst wenn Rampensingen nach ganz alter Art stattfindet.

Was natürlich an Verdi liegt, aber auch am Cottbuser Ensemble. Das notorische walzerartige hm-ta-ta seiner frühen Arienbegleitungen hat Verdi im "Carlos" längst hinter sich gelassen. Es ist entsprechend spannend, sich hin und wieder ganz auf das Orchester zu konzentrieren. Man entdeckt überraschende Klangfarben, eine Pracht der Hörner, das berühmte Cello-Solo zur großen Arie des Philipp, die erbarmungslosen Bässe des Großinquisitors und doch noch einen Hauch vom Überirdischen in Elisabettas Harfenklängen.

Stimmungen aufgefangen

Verdi komponierte psychologische Analysen. Trotzdem sorgt Evan Christ dafür, dass sich die Musik nie verselbstständigt. Präzise fängt er die Stimmungen jeder Szene auf und führt sie mit dem Orchester beredt aus. Tempi, Dynamik, Duktus gelangen großartig. Außerdem bewies Evan Christ sein Talent, die Sänger zu stützen und zu tragen. Zum Beispiel Jens Klaus Wilde. Er wagte sich mit großem Mut und summa summarum überzeugendem Ergebnis an die anspruchsvolle Partie des Titelhelden. Durchaus hätte man sich hier und dort einen etwas durchschlagenderen tenoralen Spitzenton gewünscht, aber die langen lyrischen Passagen seiner Rolle waren einfach nur schön. Ohne Wenn und Aber die tiefen Männerstimmen. Andreas Jäpel in der dankbaren Partie und schwierigen Rolle des Posa: Stimmlich sehr eindringlich, darstellerisch schwächer gab er den visionären Politiker.

Jörn E. Werner verschaffte sich mit seinem Auftritt als Großinquisitor beeindruckende Präsenz. Blind, hinkend, sabbernd tönt aus ihm ein bassgewaltiger Machtwille.

Eigene Klangfarbe

Er kann selbst den Weltenherrscher Philipp einschüchtern. Für diese Rolle kam Tilmann Rönnebeck als Gast von der Semperoper nach Cottbus. Seine Stimme hat an Farbigkeit, Beweglichkeit, aber vor allem an Charakterisierungskunst ungemein dazugewonnen, seit er das Cottbuser Ensemble verließ. Jeder Ton ein Ereignis. Was Rönnebeck sich bewahrt hat, ist seine Vertautheit mit den Cottbuser Kollegen; eine Freude, ihr Zusammenspiel zu beobachten.

Stella Motina sang, ebenfalls als Gast, die Elisabetta. Schön und zart fehlte ihr ein wenig vom samtig lyrischen Leiden der Elisabetta. Ihre Stärke lag in der auftrumpfenden vokalen Überzeugungskraft am Schluss. Marlene Lichtenberg war als Eboli vor allem dramatisch gefordert und ließ in dieser Hinsicht, ihre Schönheit verfluchend, keine Wünsche offen. Volk und Hofgesellschaft agieren in diesem Stück nicht gerade ruhmvoll, als Chor indes sorgen sie wieder einmal überzeugend für eine ganz eigene Klangfarbe.

Lange und enthusiastisch gefeiert wurden alle, die an diesem großen Verdi-Abend beteiligt waren.