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Ein emotionsstarkes Trauerspiel – mit Unterhaltungswert

Senftenberg. (hsd1) Drei Teile hat der Nibelungenabend an der Neuen Bühne. Blut.

Mord. Rache. Die drei Regisseure Jan Mixsa, Sandrine Hutinet und Tilo Esche beantworten dazu drei Fragen.

Das Nibelungenlied besteht bei Friedrich Hebbel aus drei Teilen. Welche Geschichte erzählen Sie?
Jan Mixsa: Ich erzähle in einem selbst geschriebenen Text, aber im Hebbelschen Sinne, die Geschichte von Siegfried, wie er den Drachen tötet und in dessen Blut badet, das ihn nahezu unverwundbar macht und die Sprache der Vögel verstehen lässt. Dieses Geschehen spielen die Nornen wie ein Theaterstück, also Theater im Theater. Die Nornen sind in der Mythologie schicksalsbestimmende Wesen, Meerjungfrauen, Irrlichter, Feen oder was auch immer. Damit sich jeder seine Vorstellung von ihnen machen kann, sind sie absichtlich etwas surreal dargestellt. Die durchaus scherzhafte Umsetzung soll den Theaterabend einläuten und den Blick auf das Thema ebnen.

Sandrine Hutinet: Ich inszeniere Teil 1 und 2 der Nibelungen: Der gehörnte Siegfried und Siegfrieds Tod. Siegfried schließt einen dubiosen Deal mit König Gunther ab. Er soll Kriemhild bekommen, Gunther dafür die starke Brunhild. Aber es geht schief. Brunhild, der klar wird, dass sie in eine Falle geraten ist, schreit nach Rache, während Kriemhild um die Anerkennung ihres Mannes kämpft. Es droht Chaos. Die stehende Macht beschließt Siegfried zu töten, um den Frieden am Hof zu sichern.

Tilo Esche: Es ist die Geschichte von Kriemhild, die durch einen nicht vorhersehbaren Antrag die Gelegenheit bekommt, König Etzels Frau zu werden und nun in der Lage ist, einen düsteren Racheplan für das ihr zuteilgewordene Unrecht zu schmieden. Durch falsche Versprechungen und Intrigen schafft sie sich Verbündete an Etzels Hof und bindet sie durch einen Schwur, der es ihnen unmöglich macht, menschliche Gefühle oder innere Moralvorstellungen zuzulassen. Sie werden Opfer ihrer eigenen Entscheidungen und werden am Ende mit wehenden Fahnen untergehen.

Wie schon die Ankündigung der Neuen Bühne sagt, geht es um Blut, Mord und Rache. Wie wird aus diesen Zutaten ein Spektakel, in dem einem das Pausenbrot nicht im Halse stecken bleibt?
Jan Mixsa: Ich glaube, dass es den Appetit nicht verdirbt, wenn die Zuschauer spüren, dass es einen Hoffnungsschimmer für die Menschheit gibt. Sie sehen, wie man es nicht machen sollte. Und lernen vielleicht daraus. Ich lasse den Mimen - Siegfrieds Lehrmeister als Schmied - sagen: "Was haben wir denn gelernt? Oder gibt es am Ende gar für uns nichts, was zu lernen wär‘, weil vorbestimmt schon alles ist, sodass wir getrost aufgeben können?! Oder müssen wir - wie Siegfried hier - einfältigst weiterkämpfen auf den Weg in das Verderben..."

Sandrine Hutinet: Die Essens-Pause ist direkt nach meinem Teil, also trage ich die Verantwortung dafür. Zum Glück kann Essen ja auch eine beruhigende Wirkung haben! Im Ernst: Das Stück ist ein Trauerspiel, und es geht auch um eine Welt, die langsam ins Chaos absinkt, aber es bleibt unterhaltsam. Es gibt viel für die Augen. Die Kostüme von Jenny Schall sind in diesem Sinne konzipiert worden sowie die Bühne von Stefan Fernau. Musik ist von Leá Tsamantakis. Es wird ein großes Spektakel mit viel Emotion.

Tilo Esche: Zunächst einmal ist es ein altes Heldenepos, von dem jeder in Bruchstücken schon einmal gehört hat. Es ist eine Geschichte über Liebe, Macht, Schmerz, Fremdsein, Treueschwüre und Gewalt. Also alles Zutaten, die auch unsere gegenwärtige Gesellschaft prägen und bestimmen. Ich bin davon überzeugt, dass auch heute hinter jeder politischen Entscheidung ein emotionaler Impuls steht - und sei es nur die Sehnsucht nach Macht oder Anerkennung. Und was das Pausenbrot angeht - ich bin für den dritten Teil des Abends zuständig - und bis dahin haben alle schon gegessen. ;-)

Das Nibelungenlied gilt als urdeutsches Nationalepos. Was hat das aus Ihrer Sicht und unter aktuellen Aspekten mit "Sehnsucht Europa", dem Spielzeitmotto der Neuen Bühne, zu tun?
Jan Mixsa: Für mich hat das zunächst einen geografischen Aspekt. Die Nibelungengeschichte spielt im heutigen Europa. Siegfried ist Niederländer, Etzel Ungar, Dietrich von Bern Schweizer. Für Hebbel, erst recht aber die Menschen in der Zeit der Nibelungen war Europa eine absolute Utopie, eine unklare Sehnsucht. Da sind wir schon ein Stück weiter. Wir müssen uns aber fragen, wie gehen wir um mit jemandem, der aus völlig fremden Landen kommt wie damals Brunhild und Frigga aus dem Norden.

Sandrine Hutinet: Demokratie ist in Europa und mit Europa entstanden. Heute scheint sich dieses System von seinem Ursprung entfernt zu haben. Demokratie sollte Gerechtigkeit ermöglichen. Doch mit Leuten wie Trump wird die Krise dieses Systems klar: In einer Zeit, in der wir das Gefühl haben, die Welt entgleitet uns, und uns alles unüberschaubar, widersprüchlich und voller Intrigen vorkommt, ermöglicht uns dieses Stück, ein politisches System und die Mechanismen der Macht zu untersuchen.


Tilo Esche: Das Nibelungenlied erzählt die Geschichte von Helden, die in ihrem eigenen Zirkel gefangen sind. Empathie ist ihnen irgendwann fremd, es geht nur noch um das Durchsetzen eigener Interessen - Menschenleben spielen am Schluss keine Rolle mehr, sie werden zu Schachfiguren. Das heutige Europa scheint bestimmt durch Finanzinstitutionen, Wirtschaftsunternehmen und politische Einrichtungen. Ein Konstrukt, das die Gefahr in sich trägt, den einzelnen Menschen außen vor zu lassen. Das Spektakel ist ein Auftakt zum Dialog über Herkunft und Zugehörigkeit, von Eigenem und Fremdem. Ein Dialog, der die Selbstverständnisse diverser Kulturen hinterfragt, wenn Grenzen überschritten werden.

Drei Fragen an drei Regisseure stellte Heidrun Seidel