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"Ein bisschen wie nach Hause kommen"

Alrun Herbing und Robert in einer Zeitreise im Gründungsjahr '46 des Senftenberger Theaters.
Alrun Herbing und Robert in einer Zeitreise im Gründungsjahr '46 des Senftenberger Theaters. FOTO: Rasche
Senftenberg. Einen lustvollen und erinnerungsträchtigen Festakt gab es am Freitagabend zum 70. Geburtstag des Senftenberger Theaters. Einheimische und angereiste Theaterfreunde feierten gemeinsam mit Gästen aus Wirtschaft, Politik und Kultur in der Neuen Bühne. Heidrun Seidel / hsd1 hsd1

Keinen einzigen Tag wollte sie bleiben, als sie 1959 in der kleinen, graubraunen Stadt, "jenseits von Berlin, wo das Ende der Welt ist", angekommen war. Das erzählte Annekathrin Bürger am Freitagabend auf der Senftenberger Bühne. Sie blieb vier Jahre und hat bei ihrem Besuch zum 70. Theatergeburtstag auch nach 57 Jahren das Gefühl, "es ist ein kleines bisschen wie nach Hause kommen".

Inzwischen ist aus der damals 22-jährigen Schauspielerin, die aufgrund der Patenschaft des Deutschen Theaters Berlin in dem frisch als Theater der Bergarbeiter benannten Senftenberger Haus in der Lausitz gelandet war, eine renommierte Schauspielerin geworden. Über Jahrzehnte wurde sie in Film, Fernsehen und Theater gefeiert. So auch an diesem Abend in Senftenberg, an dem sie viele Umarmungen und manch warmen und dankbaren Händedruck erfährt.

Auf Linie gebracht

Auf launige Weise berichtet Annekathrin Bürger davon, wie schlicht in jenen Jahren oft die Umstände des Theaterspiels waren. So erinnert sie sich daran, wie sie mit Kollegin Monika Lennartz bei einem Gastspiel auf dem Lande die aufgebrachte Schminke für echte italienische Bräune in einer gemeinsamen Waschschüssel wieder loszuwerden versuchte. Und dass es dennoch eine "Zeit war, in der man den Ruß auf der Wäsche vergaß", vor Begeisterung und Aufbruchsstimmung.

Aber sie erzählt auch von erschreckenden Eingriffen der politischen Macht in die künstlerische Arbeit. Davon, wie ein "Hauptkopf auf kurzem Hals" an der Spitze eines Tribunals die "intellektuellen Bartträger als Feinde des Weltfriedens" verurteilte und die Bildung einer "konterrevolutionären Vereinigung" mutmaßte. Der Partei missfiel die Inszenierung von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande", und sie beförderte Anfang der 60er-Jahre den Regisseur B. K. Tragelehn aus dem Theater in den Tagebau Klettwitz zur Bewährung. Ebenso passte das Stück "Die Sorge und die Macht" nicht zur Hardliner-Kulturpolitik dieser Jahre, und die Theaterleute um den Regisseur Klaus Gendries - auch ein prominenter Geburtstagsgast - mussten diszipliniert und auf Linie gebracht werden.

Solche und andere Episoden aus der 70-jährigen Geschichte des Senftenberger Theaters machen an diesem Abend auf der Bühne und in den anschließenden Gesprächen immer wieder die Runde. Vor allem aber sind es zwei Theaterwunder, wie Manuel Soubeyrand, in der dritten Spielzeit Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, sagt, die Senftenberger Theatergeschichte charakterisieren. Das erste ist die Theatergründung auf den Ruinen in Land und Köpfen nach dem Zweiten Weltkrieg. Das zweite Wunder sei untrennbar mit dem Namen Heinz Klevenow verbunden. Seinen Ideen und seinem Geschick sei es zu verdanken, dass das Theater Anfang der 90er-Jahre für die neue Zeit fit geworden ist.

Für die Senftenberger Stadtverordneten ein Grund, ihm, der von 1989 bis 2004 Intendant war und beliebter Vollblutmime geblieben ist, anlässlich des Festaktes den Eintrag ins Goldener Buch der Stadt anzutragen.

Für Manuel Soubeyrand außerdem ein Grund, die Brandenburgische Kulturministerin Martina Münch (SPD), Gast des Abends, anzustacheln, ihn für den Verdienstorden des Landes vorzuschlagen. Das nehme sie auf, verspricht sie.

Martina Münch sieht das Senftenberger Theater, ausgehend von seinen Wurzeln, die nicht in höfischer Theatertradition, sondern vor allem in seiner innigen Beziehung zum Publikum liegen, auch auf einem besonderen Platz in der Kulturlandschaft des Landes. Nicht abgehoben, sondern einfach, direkt und mit Poesie sei es ein "Ankerpunkt in der Veränderung" und "ein Stück Heimat in bewegten Zeiten", würdigt sie. Zukünftig würde ihm im Theater- und Zweckverbund der Brandenburger Bühnen noch ein höherer Stellenwert zukommen. "Sie sind längst in die Landesliga aufgerückt."

Das weiß man nicht erst seit 2005, als die Neue Bühne unter Sewan Latchinian als Theater des Jahres in einem Atemzug mit Bühnen in München, Hamburg und Berlin genannt wurde.

Das zeigte das Ensemble dann auch in einer amüsanten Zeitreise durch sieben Jahrzehnte.

Im Land des Lächelns

Szenen des Premierenstücks von 1946, der Operette "Das Land des Lächelns" von Franz Lehar, sind mit viel Witz, Spielfreude und auch musikalischem Können des Schauspielensembles in den Zeitgeist der folgenden Jahrzehnte geholt und mit der eigenen Theatergeschichte köstlich verquickt worden.

Während in der Operette die Wiener Adlige Lisa den chinesischen Prinzen Sou-Chong anhimmelt und für ihn ihren Jugendfreund Gustl stehen lässt, erzählt die erste, in den 40-ern angesiedelte Szene der Zeitreise vom Nachkriegsmädchen Lisa und einem russischen Offizier. Der lockt statt mit exotischer Aura mit Stalinbüste und überzeugt schließlich mit handfester Wurst. Zehn Jahre später wandert ein verschmähter Gustl in den Westen ab. Und in den 60-ern wittert die FDJ-Gruppe klassenfeindlichen Einfluss und will wissen: "Sag mir, wo du stehst". So findet jedes Jahrzehnt seine Episode. Ernste historische Begebenheiten satirisch überhöht haben die Geburtstagsgäste aufs Beste unterhalten.

Zum Thema:
Was geht Ihnen zum 70. Theatergeburtstag durch den Kopf?Gottfried Richter, Massen(Elbe-Elster-Kreis): Vor 20 Jahren sind wir durch unsere Freunde zum Theaterbesuch gekommen, und jetzt noch sind wir regelmäßig hier. Das Theater gehört auch zu unserer Region in Elbe-Elster, und ich würde mir wünschen, dass das noch mehr Menschen nutzen. Es bereichert ungemein. Deshalb würde ich auch Senftenberg als neue Kreisstadt favorisieren, das ist auch fürs Theater gut.Karl-Heinz Gündel, Dresden: 14 Jahre lang bis 2005 war ich Chefdramaturg in Senftenberg. Es war die Aufbruchszeit nach der Wende mit Heinz Klevenow - und manchmal war es auch ganz schön chaotisch. Aber ich erinnere mich gern an Stücke wie Virginia Wolff, und auch an Odysseus, der ja seit Jahren auf dem Spielplan steht - immer mit neuer Besetzung. Und ich habe immer noch gern Kontakt. Erst im Januar führte ich Gastregie für das Stück "Wir waren". Norbert Philipp, Senftenberg: Die Einschnitte zur Wendezeit mit der Abwicklung des Orchesters hängen manchen Senftenbergern noch nach. Aber aus heutiger Sicht muss man sagen, es war die einzige Möglichkeit, das Theater zu erhalten. Alle Achtung, was Heinz Klevenow da geleistet hat. hsd1