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| 13:01 Uhr

Ein Spaziergang durch die private Welt des Dramatikers
Ein Besuch bei Bertolt Brecht in Buckow

  Sabine Frost (l.)  und Thomas Mees (3. v. l.) tragen beim Spaziergang zum Buckowsee Text-Passagen von Brecht vor und erzählen Anekdoten aus dem Leben des Dramatikers. Das interessierte auch den Cottbuser Schauspieler Michael Becker (2. v. l.) und seinen englischen Kollegen Stephen Tiller (2. v. r. ).
Sabine Frost (l.)  und Thomas Mees (3. v. l.) tragen beim Spaziergang zum Buckowsee Text-Passagen von Brecht vor und erzählen Anekdoten aus dem Leben des Dramatikers. Das interessierte auch den Cottbuser Schauspieler Michael Becker (2. v. l.) und seinen englischen Kollegen Stephen Tiller (2. v. r. ). FOTO: Ingrid Hoberg
Buckow/Lieberose. Unerwartete Wendungen bei einem Spaziergangdurch die private Welt des großen Dramatikers. 30 Besucher wollen einem Sommersonntag erfahren, was Bertolt Brecht in Sommerhaus und Dichtergarten so umtrieb. Von Ingrid Hoberg

Es ist ein Sommersonntag wie aus dem Bilderbuch. Die Landstraße B 168, die von Lieberose über Beeskow und Müncheberg nach Buckow in der Märkischen Schweiz führt, schlängelt sich durch die Landschaft, nimmt Hügel auf. Der Cottbuser Schauspieler Michael Becker mit Sommerdomizil in Lieberose, hat sich auf den Weg gemacht. Ziel ist das Haus, in dem der Dichter Bertolt Brecht (1898 bis 1956) und seine Frau, Schauspielerin Helene Weigel, in den 1950er-Jahren die Sommerzeit verbrachten. Das Brecht-Weigel-Haus liegt direkt am Schermützelsee.

Dort ist einmal im Monat sonntags Treff zum Brecht-Spaziergang, den Sabine Frost und Thomas Mees unter dem Motto „Mäckie und ich“ gestalten. Das interessiert Michael Becker, der in seiner Zeit am Staatstheater Cottbus in vielen Brecht-Stücken auf der Bühne stand. Im vergangenen Jahr hatte er gemeinsam mit den Musikern Mario Heß und Philipp Standera den politischen Brecht mit dem Programm „Erst kommt das Fressen, wann kommt die Moral?“ auf die Piccolo-Theaterbühne gebracht. Es war das Jahr des 120. Geburtstags des Dichters und Dramatikers. Brecht ist aktueller denn je – wie die Künstler auf der Bühne eindrucksvoll vermittelten.

Nun also ein Besuch im Sommerhaus und Dichtergarten, ein Spaziergang am Buckowsee: Rund 30 Besucher wollen erfahren, was Brecht in Buckow beschäftigte, welche literarischen Arbeiten hier entstanden sind, wie ihn der Ort inspirierte, welche Menschen ihn umgaben. Die Buckower Elegien fallen da wohl ein und den Besuchern auf.  Fünf der 23 Gedichte stehen auf dem Tuch am großen Fenster im Atelier, dem Raum, in dem Helene Weigel auch nach dem Tod des Dichters noch Freunde empfing und bewirtete. Dort beginnt der Rundgang unter dem Motto „Brecht schrieb, wir wandern …“. „Anmut sparet nicht noch Mühe …“, stimmt Sabine Frost an, manch Besucher kann bei der Kinderhymne einsetzen.

Am Blumengarten, dem Brecht ebenfalls ein Gedicht widmete, hält es den Brecht-Interpreten Michael Becker nicht mehr in den Zuhörer-Reihen. Sabine Frost greift nämlich zum „Alfabet“, das Brecht 1934 speziell für Kinder geschrieben hatte. Und so zeigt sich, wie unterschiedlich ein Mann und eine Frau das X interpretieren: „Xanthippe sprach zu Sokrates: ,Du bist schon wieder blau?‘ Er sprach: ,Bist du auch sicher des?‘ Er gilt noch heut als Philosoph. Und sie als böse Frau.“  Es gibt Applaus für beide Akteure.

Die nächste unerwartete Begegnung gibt es beim Besuch der theatergeschichtlichen Ausstellung in der umgebauten ehemaligen Garage. Neben Theaterrequisiten von der deutschen Erstaufführung des Stückes „Mutter Courage und ihre Kinder“ am 11. Januar 1949 auf der Probebühne des Deutschen Theaters Berlin gibt es auch Beiträge aus der zeitgenössischen Presse und Theaterplakate. Auf einem der Plakate zu einer Aufführung von „Mother Courage and her children“ 1982 in London ist auch der Darsteller „Stephen Tiller“ genannt. „Das ist mein Name!“, sagt ein Mann überrascht. Es ist der damalige Darsteller des Eilif, des älteren Sohns der Courage, und inzwischen ein international arbeitender Opern- und Theater-Mann.

„Die Rolle des Eilif war das dritte Mal, dass ich in einem Brecht-Stück spielte“, erzählt Stephen Tiller. „Es ist eine große Überraschung für mich, das Plakat im Brecht-Land zu sehen. Ich fühle mich geehrt“, sagt er und erinnert an weitere Produktionen. So habe er 1994 mit Ekkehard Schall, Vanessa und Corin Redgrave in zwei Produktionen am Bridge Lane Theatre gearbeitet. Schall habe Auszüge aus Brecht-Stücken, unter anderem „Leben des Galileo“ und „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, vorgestellt. Barbara Brecht-Schall sei auch dabei gewesen und er habe mehrfach mit ihr über Brechts Arbeitsmethoden gesprochen.

„Zwei Schauspieler, die Brecht so verbunden sind, haben wir nicht alle Tage unter unseren Besuchern“, sagt Sabine Frost. Die Wanderung führt vom Brecht-Weigel-Haus und dem Dichtergarten am Schermützelsee auf schattigem Spazierweg vorbei am Käthe-Reichel-Haus, das gegenwärtig nicht besichtigt werden kann, bis zum Buckowsee mit Blick auf die Stadt. Während die Gästeführerin Anekdoten aus dem Leben der Buckower Künstlergruppe um Brecht und Weigel erzählt und Erläuterungen zu den Arbeiten gibt, die den Dichter und Dramatiker an diesem Ort beschäftigten, weiß Thomas Mees Interessantes aus der Stadtgeschichte und von anderen Künstlern zu berichten, die die Landschaft ebenfalls liebten und schätzten. Seit immerhin zehn Jahren kommen Besucher gern bei ihren Spaziergängen mit.

Info

Michael Becker stand 33 Jahre auf der Bühne des Staatstheaters Cottbus, darunter in Brecht-Stücken. In seinen Büchern erzählt er davon und auch von seinen Begegnungen mit Käthe Reichel. Die unvergessene Schauspielerin (geboren 1926 in Berlin, gestorben 2012 in Buckow) hatte am 3. März 2001 in der Kammerbühne das Brecht-Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ gegeben.

Stephen Tiller ist Opern- und Theaterregisseur, Produzent, Autor, Dramaturg, Schauspieler, Lehrer und Workshop-Leiter sowie künstlerischer Leiter von OperaMachine. Ausgebildet wurde er an der Royal Academy of Dramatic Art (RADA) London. Er arbeitet gern mit jungen Sängern und Schauspielern – unter ihnen Gerald Schön, inzwischen künstlerischer Leiter des Niedersorbischen Kinder- und Jugendensembles in Cottbus.