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| 18:18 Uhr

Ein behagliches Gruselevent

Cottbus. Schauriges geschieht. Nebel wallen, Stühle gleiten dahin, Schaufensterpuppen tanzen, Särge klappen auf, tote Tanten beginnen zu singen – Halloween steht vor der Tür. Die Oper zum Gespensterfest hatte am Sonnabend im Staatstheater Cottbus Premiere, angerichtet von Martin Schüler, musikalisch befeuert von Evan Christ, am Ende bejubelt vom Publikum. Irene Constantin

Er war Zeichner und Musiker, preußischer Kammergerichtsrat und mit einer handfesten Ehefrau verheiratet. Vor allem aber war Hoffmann - Ernst Theodor Amadeus, wie er sich als Mozartverehrer nannte - ein kritischer Geist, ein fantasievoller Fabulierer; Weib und Wein mehr zugeneigt als ihm gut tat. Seiner zauberischen Geschichten und seiner fantastischen Figuren sowie phänomenalen Besäufnisse wegen wurde er in Frankreich, etwas eingleisig, als "Gespenster-Hoffmann" angesehen.

Jacques Offenbach machte es sich nicht ganz so einfach. Das Thema seiner letzten, schwierigsten, oft geänderten, schließlich unvollendet gebliebenen Oper "Hoffmanns Erzählungen" ist der romantische Künstler an sich, von Hoffmann mit seinen erotischen und alkoholischen Anfechtungen ideal verkörpert.

Offenbachs Librettisten Jules Barbier und Michel Carré verknüpften biografische Details des Dichters genial mit Figuren aus seinen Werken. Hoffmann wartet in seinem Stammlokal auf die Opernpause, um sich mit seiner früheren Geliebten, der Sängerin Stella, zu treffen. Er ahnt schon, dass daraus nichts werden wird, denn ein solider Nebenbuhler ist ebenfalls am Ort. Also will er wenigstens vor den Saufkumpanen punkten. Drei Frauen kommen in seinen Erzählungen vor, drei miese Figuren, die er allesamt in Stella vereint sieht. So redet man sich von der Seele, was man begehrt und nicht bekommt.

Martin Schüler macht aus Hoffmanns psychoanalytischem Künstlerdrama kaum mehr als vergebliche Anbagger-Versuche bei der putzigen Puppe Olympia, bei der egozentrischen Sängerin Antonia und bei der Kurtisane Giulietta. Mit Tempo und Geschick erzählt er blanke Gespenstergeschichten mit viel Theaterzauber, dem Gestalt wechselnden Teufel selbst und dessen immer skurriler werdenden Diener. Das Ganze ist ein behagliches Grusel event aus der Harry-Potter-Schublade, gut konsumierbar für die ganze Familie.

Ein wenig Tiefe, eine vieldeutige Grundierung des Leidens und der Unzulänglichkeit der Titelfigur brachten hingegen Evan Christ und das Orchester in den Abend. Im durchsichtigen Bläserklang, im Rausch der Tuttis, in der fahlen Gespenstigkeit der Solisten ist hörbar, was dieser Figur an Unaufgelöstem und Gegenwärtigem eigen ist: Bindungsangst, Versagensangst, Einblick in eine kafkaeske Lebenswirrnis.

Wilde für den Mut zu bewundern

Jens-Klaus Wilde ist für seinen Mut zu bewundern, sich an die mörderische Partie des Hoffmann gewagt zu haben. Er muss zwar viel falsettieren und nicht selten fehlt seinen Spitzentönen ganz einfach die Kraft. Er teilt seine Stimmkräfte jedoch so klug ein, dass der Schlussakt mit der letzten, hohen Strophe des Klein-Zack-Liedes geradezu sensationell gerät. Fast könnte man sagen Ende gut alles gut, aber Wildes Problem sind eben doch Alfredo Kraus und Francisco Araiza, Leopold Simoneau, Nicolai Gedda und viele andere CD-konservierte ideale Hoffmann-Verkörperer.

Die Frauen überzeugten: wunderschön und gar nicht allzu automatenhaft Debra Stanley als Olympia im Nina-Hagen-naiv-Outfit (Kostüme Jessica Karge), Cornelia Zink als glashelle Antonia nebst wohllautender Mutter Carola Fischer, Gesine Forberger als herzzerreißend verlogene, mit allen Wassern gewaschene Edelprostituierte Giulietta. Marlene Lichtenberg als Muse begann extrem nervös, verlor aber im Lauf des Abends das Flackern der Stimme und die Ungenauigkeit der Intonation. Den Lacher des Abends hat der sportliche Hardy Brachmann mit seinem Spitzentanz-Couplet eingespielt und vokale Bestnote verdiente Andreas Jäpel. Den Teufel in vierfacher Gestalt sang er mit dunkler Dämonie, die Spitzentöne der Spiegelarie brachte er mit gehöriger Spannkraft hervor. Am Ende kriegt er immer, was er will.