20 Jahre später ist Kerber mit 56 Jahren ein Auslaufmodell, er kommt nicht mehr mit. Sein Chef ist ein gelackter Jungmanager, seine Kollegin verdreht ihm beim Telefondiktat die Sätze. Edgar Selge, Fernsehzuschauern als einarmiger "Polizeiruf 110"-Kommissar bekannt, hat mit dem Ost-Journalisten eine Paraderolle gefunden. "Im nächsten Leben" von Marco Mittelstaedt (37) ist eine kleine Überraschung des Kinojahres. Hier wird einfühlsam eine Geschichte erzählt, die dafür steht, wie sich Menschen fühlen, die sich in der DDR gut arrangiert hatten und die der Mauerfall verunsicherte. Zugleich geht es nicht nur um eine Ost-Biografie, sondern auch um eine Vater-Tochter-Geschichte. Kerber hat durch den Job den Draht zur Familie verloren, weil er ständig unterwegs war. Regisseur Mittelstaedt ("Jena Paradies") hat die Biografie seines eigenen Vaters inspiriert, der ADN-Cheffotograf war und schließlich Boulevardreporter beim einstigen Klassenfeind wurde. "Für mich war er damals der größte Wendehals und ich schämte mich bodenlos", erzählt Mittelstaedt in den Produktionsnotizen. Heute denke er "etwas differenzierter" über seinen Vater. Sein Filmreporter Wolfgang Kerber sei "kein großer Held", so Mittelstaedt, aber vor allem einer, der den Beruf des Reporters liebe. Und er habe diese Passion auf sehr unterschiedliche Art in der DDR und im wiedervereinten Deutschland ausgeübt. Die Handlung rückt gegenüber den Figuren in den Hintergrund. Der Reporter ist überzeugt, in der ostdeutschen Provinz, in Wolfen, einen Fall von brutaler Jugendkriminalität ausgemacht zu haben. Dort ist ein Mädchen verschwunden, wie Kerber zufällig von seiner Tochter Margitta (Anja Schneider) erfahren hat. Bei der Recherche stellt sich heraus, dass es sich einfach um eine Ausreißerin handelt. Kerber steht unter Druck, die Redaktion wartet auf seine Story. Am Ende des Films hat er die ersehnte Sensationsgeschichte - aber die kommt aus einer ganz anderen Ecke. Ist Kerber ein Wendeverlierer oder ein -gewinner? Diese Frage will der Film stellen, der Zuschauer wird länger darüber nachdenken. (Deutschland 2009, von Marco Mittelstaedt, mit Edgar Selge, Ralf Dittrich, Anja Schneider )