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| 17:18 Uhr

Ein Augen- und Ohrenschmaus

Szenenfoto mit Cornelia Zink als Violetta.
Szenenfoto mit Cornelia Zink als Violetta. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Die Nichtigkeit des Daseins, die Eitelkeit menschlichen Tuns – Symbole der Vergänglichkeit versinnbildlichen sie. Überbordend wie auf einem barocken Grabmal bestimmen sie die Bühne der neuen "La Traviata" im Cottbuser Großen Haus: Totenschädel, Rosen, Libellen, Grabkreuze, Spiegel, Kerzen. Irene Constantin

Vergänglichkeit, weibliche Wollust, schillernde Raubtiermentalität, Eitelkeit, Endlichkeit verschlingen sich zum Rahmen um ein fantasy-dunkles Riesen-Bullauge. Poppig aufgehübscht mit lila Perücke, High Heels, Strapsen und kurzem Röckchen, lebt die Edelkurtisane Violetta Valery in diesem rauschhaften Ambiente. Ihr Vergehen in düsterer Schönheit ist die etwas schwülstig schwüle Grundidee der Inszenierung von Manfred Schweigkofler.

Zum tuberkulösen, verzweifelt jungen Sterben begibt sie sich, von irdischer Eitelkeit in Form der lila Perücke befreit, glatzköpfig in eine Art Gothik-Schrein. Es ist der Raum hinter dem großen Guckfenster, das als Standard-Bühnenelement für alle drei Akte funktioniert. Personen kommen und gehen durch andere Todespforten, zwei Spiegel.

Ausgeblendete Realität

Dass "La Traviata" Verdis große Gegenwartsoper ist, gerät bei diesem vor allem optisch dominierten Inszenierungskonzept deutlich ins Hintertreffen. Die symbolträchtigen Türspiegel sind wahrlich nicht diejenigen, die Verdi der Gesellschaft vorhalten wollte. Das familien-ruinöse Zocken mit dem großen Geld - das Luxusleben einer Kurtisane zu finanzieren war Statussymbol - und gleichzeitig der vollkommen bigotte Umgang mit diesen vom "rechten Wege abgekommenen" Frauen, das waren die neuen gewagten Themen, die Verdi interessierten. Ohne den biografischen Hintergrund für ein Kunstwerk überbewerten zu wollen, muss man doch bedenken, dass der Gastwirtssohn Verdi sein Geld zusammenhielt. Und er wusste, was er an Giuseppina Strepponi hatte, seiner Lebensgefährtin und zweiten Ehefrau, die zuvor mit einem Tenor vom Pfad der Frömmigkeit abgewichen und Mutter zweier unehelicher Kinder war.

Die Pariser Realität in der Mitte des 19. Jahrhunderts blendet der Regisseur vollkommen aus. Dafür gelingt ihm im 1. Akt ein berührendes Psychogramm aufkeimender und wirklich jugendlicher Liebe. Selten wird allein durch die Körperlichkeit des Liebespaares so genau erfassbar, dass das literarische Vorbild für Verdis Traviata, Marie Duplessis, ihre Kurtisanenkarriere als Teenager machte und bereits mit 23 Jahren starb. Cornelia Zink, klein und zart, spielt vom ersten Auftritt an das fast unwirkliche Verlöschen ihrer Violetta. Alfredo, Alexander Geller, ist ein so unberührter Jüngling, dass ihn noch jeder Einbruch des wirklichen Lebens in seine Traumwelt vollkommen aus dem Gleis wirft. Diese beiden jungen Künstler sind der Glücksfall der Produktion. Cornelia Zink singt die Violetta genau zum richtigen Zeitpunkt ihrer stimmlichen Entwicklung. Koloratursicherheit, Dramatik und Gefühlsintensität stehen ihr in der Verschmelzung von Stimme und Spiel sicher zu Gebot. Dass sie sich in diese Partie als Rollendebütantin förmlich hineinwirft, spürt man an der über den ganzen Abend gehaltenen Hochspannung und vollkommen routinefreien Intensität.

Alexander Geller, ein höchst glücklicher Zugewinn für das Cottbuser Ensemble, bringt sportive Agilität und vor allem eine "italienische" Tenorstimme mit, wie man sie sich als Zuhörer und als Opernintendant nur erträumen kann, kraftvoll, glänzend, federnd metallisch. Mit diesen beiden gelang das erstaunliche Kunststück, den ersten "Traviata"-Akt einmal nicht zum chorsekundierten Sopran-Tenor-Wettsingen um die schönste Trinklied-Strophe werden zu lassen, sondern zu einem vielgestaltig langen Liebesduett mit Hoffnungen, Zweifeln und Triumphen.

Leider ließ der Regisseur diese Beziehungsintensität mehr und mehr verflachen. Alfredo hastet zunehmend planloser durch seine Auftritte, Violetta gerät in eine merkwürdige Beziehungslosigkeit zu den Personen um sie herum. Wie Cornelia Zink und Alexander Geller dagegen ansingen, ist allerdings großes und herzzerreißendes Musiktheater. Jubel aus dem Saal nach jeder Arie. Getragen wird es von dem leider auch wenig überzeugend in Szene gesetzten, jedoch pointiert und schlagkräftig singenden Chor und natürlich vom Orchester.

Hauchzart und wutgeladen

Evan Christ wählt Tempi, die man nur fetzig nennen kann. Der morbide Streicherglanz in seidenmatt, mit dem die Ouvertüre gleich anfangs den Schlussakt vorwegnimmt, hält ihn nicht lange auf. Christ stürzt sich und das Orchester kopfüber in den Taumel. Das Sentiment fließt, die Verdi-Walzer drehen sich im munteren Totentanz, Orchestersoli leuchten hauchzart, wutgeladene Akkorde zischen. Das Drama kommt aus dem Graben.

Mit Michael Bachtadze war auch die dritte Hauptpartie des Werkes, Alfredos Vater Giorgio Germont, stimmlich sehr gut besetzt. Allerdings sprang Bachtadze sehr kurzfristig für den erkrankten Andreas Jäpel ein; darstellerisch kann die Figur des scheinheiligen Fieslings nur besser werden. Alles in allem ein Augenschmaus für Liebhaber fülliger Bühnenbilder und ein hinreißendes vokales Freudenfest für jeden, der die famosen Cottbuser Sänger-Darsteller liebt.