Dieser Abend gleicht einer Zeitreise in eine amerikanische Metropole der 30er-Jahre. Die Luft swingt. Wie in einem Schmelztiegel treffen unterschiedliche Menschen aufeinander, berühren sich im Schatten der Wolkenkratzer und verlieren sich wieder. Verbinden sich mit der pulsierenden, vibrierenden, zuweilen melancholischen Musik George Gershwins, die eindringt in ihr Leben und Lieben, in ihre Arbeit und Einsamkeit.
„Diese spannungsgeladene Atmosphäre des Einwanderungslandes Amerika haben damals viele Menschen aus den verschiedensten Ländern mitbestimmt. Sie auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung – wie geschaffen für das neue internationale Ballettensemble des Staatstheaters Cottbus, das bei dieser Uraufführung erstmals aufeinander trifft“ , spürt Tom Fletcher. Seit Mitte August trainiert er als Gastchoreograf Tänzerinnen und Tänzer aus acht Nationen. Sie kommen aus China, der Schweiz, Ungarn, Russland, Griechenland, der Tschechischen Republik, Deutschland, die Gasttänzerin stammt aus den USA. „14 Nummern habe ich allein in den ersten zweieinhalb Wochen choreografiert, 21 sollen es insgesamt werden – eine schweißtreibende Angelegenheit“ , sagt er, was durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn der 67-Jährige belässt es während der Probe nicht bei knappen Anweisungen, er spricht mit dem Körper, steht dabei kaum einen Moment still, tanzt selbst fast alle Partien mit. „So viel soll auf der Bühne zum Ausdruck kommen: Begegnung, Konfrontation, Anmache und Anziehung, Neid, Eifersucht, Gelassenheit und Freude am Tanz“ , erzählt er.

Schmelztiegel
Und dabei vermischen sich im Schmelztiegel auch die Elemente des Ausdruckstanzes, von Jazz- und Modern Dance, offenbaren ihre Einflüsse aus dem weißen und schwarzen Amerika, europäischen und afrikanischen Tanzstilen und Musicaltanz.
Natürlich dürfen Stepp-Nummern nicht fehlen. Auch Ballettchef Dirk Neumann, der den Amerikaner nach Cottbus geholt hat, wird darin zu erleben sein. Tom Fletcher ist sozusagen mit dem Steppen großgeworden. „Ich war neun, als mir die Eltern in New Jersey Tanzunterricht als Beruhigungsmittel verordneten“ , erzählt er. Da stand er in der Tanzschule in hautengen Hosen unter lauter Mädchen im rosa Tutus und wäre am liebsten im Boden versunken, statt sich zu den klassischen Balletteleven zu gesellen. Gershwin war seine Rettung. Sein faszinierender Swing drang aus dem Nebenraum und lockte den Jungen zum Steppunterricht. Und obwohl seine Eltern darauf drangen, einen „anständigen“ Beruf anzupeilen, hat ihn das Steppen ein Leben lang begleitet. Noch heute zeigt er sein Können mit seiner Tanzpartnerin Bellabina. „Wir steppen so lange wie einst Ginger und Fred“ , lacht er.
Als Stepptanzdozent und Tanzpädagoge hat er sich vielerorts einen Namen gemacht, seit er durch einen Zufall in Deutschland landete. An vielen großen Häusern war er Tänzer, Solotänzer, Choreograf, selbst Ballettdirektor. An der Deutschen Oper Düsseldorf bekam er sein erstes Engagement als Ballett-Tänzer. Da war er schon 32. „Mut hatte ich und sehr viel Glück“ , denkt er zurück. Später kam er über Krefeld und Mönchengladbach, Mannheim, Ulm, Mainz, Saarbrücken und Hamburg nach Berlin, wo er noch heute zu Hause ist und Ballett Centrum und Musicalschule am Kurfürstendamm mitbetreibt. Beileibe nicht nur mit dem Steppen kennt er sich aus. Früh schlug sein Herz auch für den Jazz- und Showdance. „Mit 14 stand ich gemeinsam mit John Travoltas Schwester Ellen auf der Bühne. Zu einer Zeit, als der spätere Hollywood-Star noch in den Windeln lag“ , gibt er zum Besten.

Im „Casino de Paris“
Fast 27 war Fletcher, als er seine Romanistikstudien an den Nagel hängte und sich ganz dem Tanz widmete. In San Francisco, Oakland, Berkeley und New York ließ er sich ausbilden. Und irgendwann hieß es dann für ihn: „Ein Amerikaner in Paris“ . Hier tanzte er in dem legendären Revue-Theater „Casino de Paris“ und im „L’Alcazar de Paris“ , wirkte außerdem in vielen Fernsehproduktionen mit. Mehr als 35 Jahre ist es her, dass er die Seine-Metropole verlassen hat. Und auch wenn jener berühmte Gershwin-Klassiker „Ein Amerikaner in Paris“ am 28. September nicht auf dem hiesigen Spielplan steht, viele andere faszinierende Songs in den unterschiedlichsten Interpretationen werden die Kammerbühne zum Swingen bringen. Dafür sorgt ein Amerikaner in Cottbus.