Wenn es eine solch kuriose Oper nicht schon gäbe, man hätte sie speziell für Jo Fabian erfinden müssen. Doch es gibt sie schon, und Philip Glass hat dazu die Musik geschrieben sowie nach der Erzählung von Edgar Allan Poe "The Fall of the House of Usher" gemeinsam mit Arthur Yorinks das Libretto verfasst.

Am Staatstheater Cottbus wird die vor rund 25 Jahren entstandene Kammeroper nun aufgeführt, die Premiere ist am Sonnabend in der Kammerbühne. Es dürfte also keinesfalls verwunderlich sein, dass Intendant Martin Schüler bei diesem mysteriösen, geheimnisvollen Werk justament auf den in Berlin lebenden Regisseur Jo Fabian gekommen ist und sich an dessen besondere Art des Inszenierens erinnerte. Denn Fabian ist in Cottbus nun wahrlich kein Unbekannter, hat Anfang der 90er-Jahre beispielsweise die Ozean-Trilogie sowie 1994 "Baal" im Großen Haus herausgebracht. Als Tanztheater- und Schauspielproduktionen!

Im Gespräch unmittelbar vor einer der Endproben danach gefragt, ob dieses neuerliche Wirken in Cottbus für ihn auch so etwas wie ein Nachhausekommen sei, antwortet er: "Ich kenne hier noch viele Leute, und sie erinnern sich auch an meine Arbeiten. Da muss doch irgendetwas hängengeblieben sein. Immerhin haben sie sich gefreut, dass ich wieder da bin." Das kann man tatsächlich mit gutem Gewissen sagen - seine Aufführungen haben sich eingeprägt. Zumal Jo Fabian ganzheitliches Theater macht und dabei auch so ziemlich alles übernimmt, was dazugehört: Regie, Choreografie, Bühnenbild, Licht, Musikauswahl und anderes mehr. Dabei ist seine Theatersprache, für die er auch ein spezielles Bewegungsvokabular entwickelt hat, signifikant und niemals belanglos.

Nun also hat er erstmals Regie geführt bei einer Oper, und die Texte sind ihm mit der Originalfassung vorgegeben, was für ihn nicht so selbstverständlich ist. Schließlich mischt er bei seinen Raumkompositionen auch gern im Sprachlichen alle Karten auf, doch diesmal darf er mit dem Text nicht jonglieren. "Es ist aber nicht verboten, noch etwas hinzuzufügen", sagt er dazu, und hat mit den "wunderbaren und sehr neugierigen Sängern" ausgezeichnete Partner. Die musikalische Leitung des Abends obliegt Marc Niemann, und es spielen Musiker des Philharmonischen Orchesters.

Verblüffende Lösungen

Wie sich das alles auf der bescheiden großen Bühne vereinen und darstellen lässt, das muss jeder Besucher selbst herausfinden. Doch augenscheinlich hat Jo Fabian gemeinsam mit Pascale Arndtz (Bühne und Kostüme) sowie den Werkstätten und Technikern des Hauses dafür verblüffende Lösungen gefunden. Der erfahrene und vielseitige Theatermann ist spürbar auch mit der Musik von Philip Glass gut vertraut, das lässt das Spektrum seiner Vorlieben schon erahnen. Und wie er sagt, sei es fast schon zu spät, jetzt erst damit herauszukommen. "Weil die Kompositionen von Glass inzwischen äußerst kommerzialisiert sind."

Doch auch darüber wird das Publikum für sich selbst entscheiden können. Wie es überhaupt eine ausgeprägte Eigenheit von Jo Fabian ist, den Zuschauer in keiner Weise zu bevormunden, was oder wie er zu denken hat. Nachdenken allerdings sollte er schon. Und dafür bietet "Der Fall des Hauses Usher" in jeglicher Spielart reichlich Stoff.

Im Nachsinnen darüber, worin die Natur des Menschen besteht, reißt Jo Fabian allein schon mit Worten einen Themenkreis auf, der unerschöpflich ist. Und wenn er erst auf der Bühne zu fabulieren beginnt, wie ein Seelenmaler Bilder findet für Zustände, verwurzelte Ängste, Sehnsüchte, dann haken sich diese im Gedächtnis fest. "Der Wunsch des Menschen, sich anzupassen, Teil eines Ganzen zu sein, ist unzerstörbar, bewegt sich zyklisch im Aufstreben und Untergehen. Der Mensch empfindet es als schrecklichen Verlust, von der Gemeinschaft getrennt, ein Ausgestoßener zu sein, lebt in seiner Kultur mit seelischen Deformationen, kann oder will nicht abweichen von der Norm."

Verlustdenken

Das seien Themen, die sich durch alle Werke von Edgar Allan Poe ziehen, dieses Verlustdenken, die Beschränkungen, das mit offenen Augen in den Untergang gehen. Es sind Urängste, sagt Fabian, und das Theater vermag mit seinen sinnlichen Mitteln Fantasien in verschiedene Richtungen zu öffnen.

Auf die Frage, ob er heute anders inszenieren, anders über ein Stück nachdenken würde wie vor etwa zwei Jahrzehnten, antwortet er umgehend: "Ja, natürlich." Und philosophiert eingehend über die Banalität des Alltäglichen, Erfolg als Missverständnis, das Formale und Inhaltliche. Noch 2004 habe er eine Inszenierung in Kassel abgelehnt, weil er "Das Leben des Galilei" von Bertolt Brecht damals nicht machen wollte. "Und nun werde ich mich mit diesem Stück 2013 in Halle befassen. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, Gerhart Hauptmann zu inszenieren. Und habe im Herbst 2011 am Neuen Theater Halle "Die Weber" auf die Bühne gebracht."

"Der Fall des Hauses Usher", Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus, Premiere: Sonnabend (19.30 Uhr). Weitere Vorstellungen: 22. April (19.00 Uhr), 18. Mai, 19.30 Uhr, 31. Mai (19.30 Uhr), 3. Juni (19.00 Uhr). Ticket-Telefon: 0355/78 24 24 24.