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Ehrfurcht vor der Natur

Der Berliner Maler und Grafiker Gerenot Richter (1926-1991) wäre in diesem Jahr 80 geworden. Anlässlich des Jubiläums zeigt die Galerie am Schloss Senftenberg eine kleine Kollektion von Arbeiten des Künstlers aus vier Jahrzehnten. Von Klaus Trende

In 66 Gouachen und Druckgrafiken präsentiert sich vor allem ein Großmeister der Radierung. In Deutschland nehmen die Arbeiten Richters wegen ihrer einzigartigen Naturbeziehung, Akribie und Sinnlichkeit einen herausragenden Platz ein, - vergleichbar mit der Kupferstichkunst von Baldwin Zettl. Ein Teil der gezeigten Bilder wurde dem Museum jüngst von der Witwe Gerenot Richters als Schenkung überreicht.
Die Graphik Richters liefert keine Momentaufnahmen. Es sind Elegien, elementare Oden, Näherungen an die Quellen des Naturkreislaufs. Bäume als Gleichnis der Lebensspanne, Ehrfurcht vor dem Detail, einem Grashalm, gebrochenem Holz, uralten Baumskeletten sind folgenreiche Entdeckungen dieser Blätter. Sie öffnen den Blick für das Wesentliche, für das Verständnis von Tod und Vergängnis. Daraus schöpft Richter in seinem Werk Kraft für die eigenen Ideen und bejaht das Dasein als groß und gefährdet. Aber nur damit wären diese Arbeiten nicht gültig dargestellt. Sie enthalten Zwischenschichten, ein spirituelles Bildalphabet, das nach mehrmaligem Betrachten lesbar wird. Die Natur bleibt Geheimnis und Testfall für jegliche ästhetische Absicht.
Lausitzer Landschaften, das Bergbaurevier, ein alter Obstgarten, Bäume am Feldrand oder das "Haus am Bärenklau" (1988) sind exemplarisch. In der Natur verbirgt sich der Mensch mit seinen Sehnsüchten und seiner bedingten Existenz. Ein überwucherter Torso, zerbrochene Mauern, in Jahrhunderten geborstene Architektur werden von der Vegetation wieder aufgenommen. Da ist Richter bei bei den großen Meistern der Renaissance, ihrem Ernst, ihrer Leidenschaft und ihrem reichen Gefühl. Albrecht Dürer wird auf den Blättern bildhaft zitiert, Caspar David Friedrich aufgerufen und in eine gegenwärtige Szene versetzt. Aber Richters Grafik liefert keine Kopien, sondern individuelle Entwürfe einer vor der Natur demütigen Kunst.
In drei Blätter aus der Folge "Alles verfault, was ohne Wurzeln ist" (Kaltnadelradierung, 1974) entschlüsseln sich solche Zeichen. Ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko zitierend, zeigen die Graphiken einen Weiher, ein Dorf, eine Lichtung. Da ist alles klar, genau, sparsam, elementar. Keine Ablenkung durch Firlefanz. Die Details sind nötig, denn das "Geringe" ist das "Große", und in den Kleinigkeiten offenbart sich das Wunder. Diese Bilder haben den anhaltenden Atem des Ursprungs in sich, bewahren ihn durch geistige Aneignung.
Eine seltene Eigenschaft weisen Gerenot Richters Bilder bezüglich ihrer gesellschaftlichen Funktion auf. Ob Stillleben oder Waldsaum, Herbststimmung oder Meeresstrand - immer ist der Mensch mitgedacht. Zwar oft nicht optisch anwesend, aber im Kontext und in der Bildkomposition verankert. Richters Bilder befragen auf faszinierende Art die Zeit. Sie machen melancholisch und verweisen auf humane Möglichkeiten. Aber immer besser eine kräftige Melancholie als das schwache und blöde Gelächter der Spaßgesellschaft.
(Ausstellung bis 14. Januar, geöffnet Dienstag bis Sonntag 14-17 Uhr)