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Ehre vom höchsten Mann im Staate

Birgit Neidnicht vom Sängerstadt-Gymnasium Finsterwalde mit Bundespräsident Christian Wulff (l.) und Dr. Lothar Dittmer, Vorstand der Körber-Stiftung. Foto: Marc Darchinger
Birgit Neidnicht vom Sängerstadt-Gymnasium Finsterwalde mit Bundespräsident Christian Wulff (l.) und Dr. Lothar Dittmer, Vorstand der Körber-Stiftung. Foto: Marc Darchinger FOTO: Marc Darchinger
Berlin. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals, als sie den roten Teppich im ihr unbekannten Gebäude entlang schreitet. Birgit Neidnicht aus Finsterwalde erreicht mit kalten Händen den Großen Saal im Schloss Bellevue. Kronleuchter spiegeln sich in ihren Brillengläsern und bringen die festliche Atmosphäre noch besser zum Ausdruck. Nur noch wenige Minuten werden vergehen, bis die Lausitzerin den Bundestutorenpreis in Empfang nimmt. Von Rüdiger Hofmann

Plötzlich die Ansage: "Meine Damen und Herren, erheben Sie sich bitte für das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik, den Bundespräsidenten!" Christian Wulff gibt sich gleich zu Beginn sehr menschlich, indem er Anekdoten von seiner Familie erzählt. Damit schafft er Nähe zum Publikum, das ihn sofort als "ausgesprochen nett" einordnet, und will allen Anwesenden die Aufregung nehmen.

Das ist bei Birgit Neidnicht auch nötig. Denn geschlafen hat die Geschichts- und Englischlehrerin aus Finsterwalde in der letzten Nacht sowieso nicht. "Ich habe mir extrem viele Gedanken darüber gemacht, was mich der Bundespräsident und die Moderatorin alles fragen könnten", schildert Neidnicht ihre Gefühlslage vor dem Auftritt. "Werde ich stolpern? Finde ich die richtigen Antworten? Wie ist er überhaupt, der Bundespräsident, den man doch sonst nur aus den Medien kennt?" All das schoss der 50-Jährigen durch den Kopf.

Die Geschichts-Fachlehrerin vom Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasium gehört zu den drei Tutorenpreisträgern in diesem Jahr und ist einzige Tutorin aus dem Land Brandenburg, die am Freitag im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten für den Jahrgang 2010/11 während einer Festveranstaltung im Schloss Bellevue ausgezeichnet wurden.

Tolle Zusammenarbeit

Neben den drei Tutoren waren die aktuellen Schülerpreisträger des Bundeswettbewerbes, deren Arbeiten zum Rahmenthema ,,Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte" mit einem 1. Preis geehrt wurden, eingeladen.

Die von Birgit Neidnicht betreute Schülerin Theresia Maye hat sich in einer akribisch recherchierten Arbeit mit dem Thema "Unvereinbarkeit von Christentum und NS-Ideologie" am Beispiel des Finsterwalder Pfarrers Walter Hanschkatz und dessen Widerstand gegen die Nazis auseinandergesetzt. Mit einem 3. Preis ist die jetzige Zehntklässlerin vom Sängerstadt-Gymnasium die einzige Preisträgerin aus dem Land Brandenburg und darf sich über einen Geldpreis und die Teilnahme an einer Seminarwoche der Körber-Stiftung als Träger des Wettbewerbs freuen. "Ich finde die Zusammenarbeit mit meiner Mentorin toll. Ich bin stolz auf meinen und ihren Preis", sagt die 15-Jährige.

"Erfahren habe ich Anfang September zum Geburtstag meines Mannes von meiner Auszeichnung", erzählt Birgit Neidnicht. "Für ihn war es das schönste Geburtstagsgeschenk, für mich kam der Anruf total überraschend", so die sichtlich gerührte Pädagogin. In der Familie hat sie es daraufhin kundgetan, den Kollegen aber gegenüber dichtgehalten.

Bereits 2006 wurde Birgit Neidnicht aufmerksam auf den historischen Wettbewerb des Bundespräsidenten. Die Lehrerin ist aber nicht nur engagierte Tutorin, sondern seit fünf Jahren auch als Fortbildnerin für den Geschichtswettbewerb aktiv und konnte viele Kollegen für die Betreuung von Schülerbeiträgen gewinnen. "Ich berate bei der historischen Projektarbeit, richte zu Beginn jeder Ausschreibung Workshops aus und spreche gezielt Schulen und Archive an, um sie für den Wettbewerb zu begeistern", sagt die 50-Jährige. Birgit Neidnicht hat es geschafft, dass sich Lehrer und Schüler kontinuierlich für Geschichte interessieren und am bundesweiten Projekt beteiligen. Das alles war ausschlaggebend für den Erhalt des Bundestutorenpreises.

Zu wenige Geschichtsstunden

Während ihrer Dankesworte gab sie sich auch kritisch. Die Finsterwalderin beklagte die zu wenigen Geschichtsstunden in den Schulen ab der siebenten Klassenstufe: "Nur ein bis zwei Stunden in der Woche sind einfach zu wenig."

Nach der Preisübergabe ist die Mutter von zwei Söhnen aber sichtlich erleichtert und glücklich. "Nun möchte ich den Moment nur noch genießen", sagt die Lausitzerin. "Emotionalster Moment war der Akt auf der Bühne", erzählt Birgit Neidnicht. Den hat die sympathische Pädagogin souverän gemeistert. Und gestolpert ist sie dabei auch nicht.

Zum Thema:

Zum ThemaDer Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Alle zwei Jahre rufen der Bundespräsident und die Hamburger Körber-Stiftung Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren zur historischen Spurensuche auf.Dabei erforschen die jungen Schüler Rahmenthemen wie "Alltag im Nationalsozialismus" oder "Helden: verehrt - verkannt - vergessen". Die Teilnehmer gehen bei ihren Recherchen einem Thema aus der Historie nach, die speziell an ihrem Wohnort oder in ihrer Region stattgefunden hat. Experten und Zeitzeugen werden befragt, Fotos ausgewertet und ge schichtsträchtige Gebäude aufgesucht. Die Ergebnisse werden dann von den Jugendlichen in einer Broschüre dokumentiert, in einem Filmbeitrag umgesetzt oder in einer Ausstellung präsentiert. Ausgelobt sind Geld- und Sachpreise im Gesamtwert von 250 000 Euro.