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| 18:46 Uhr

Eher kräftig als lau – ein Raum für zwei Stücke

Cary Gayler macht es Spaß, Stücke in Bilder zu verwandeln.
Cary Gayler macht es Spaß, Stücke in Bilder zu verwandeln. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Die renommierte Bühnen- und Kostümbildnerin Cary Gayler, die mit vielen namhaften Regisseuren wie etwa Volker Lösch gearbeitet hat, zeichnet gleich für zwei der Neuinszenierungen am Staatstheater Cottbus verantwortlich: Heute hat "Verbrennungen" von Wajdi Mouawad und morgen "Wintersonnenwende" von Roland Schimmelpfennig Premiere. Renate Marschall

Die Kammerbühne hat sich vollkommen verändert, ähnelt eher einem Hörsaal. Anatomisches Theater heißt das in der Fachsprache, und genau so ist es auch gedacht. "Wie auf dem Seziertisch", erklärt Cary Gayler, "vollzieht sich das Spiel, nahe an den Zuschauern, in ihrer Mitte." Ihre Entwürfe seien eher kräftig als lau, die von ihr erschaffenen Bühnenräume geben viel für das Spiel vor, sagt sie selbst, das müsse ein Regisseur auch mögen. In Cottbus hat sie es mit zwei Regisseurinnen zu tun. Katka Schroth inszeniert "Wintersonnenwende" und Catharina Fillers "Verbrennungen". Ein Raum, aber jede der Regisseurinnen weiß ihn anders für die künstlerische Umsetzung, die Aussagekraft ihres Stückes zu nutzen. In "Verbrennungen" erzählt der im Libanon geborene Wajdi Mouawad eine vielschichtige Geschichte. Sie spielt in verschiedenen Zeitebenen, an wechselnden Orten. Catharina Fillers gebraucht den tribünenartig aufgebauten Raum, um zeitliche Wechsel und Figurenbeziehungen für den Zuschauer besser nachvollziehbar zu machen, ihn aber auch emotional in das Geschehen einzubeziehen. Dabei treten die Schauspieler in verschiedene Rollen. Wer gerade wer ist, machen Versatzstück für einzelne Kostüme deutlich.

Mouawads Stück spielt in den 70er-Jahren, zurzeit des Libanonkrieges. Wichtig für die Handlung ist das nicht, auch heute gibt es jede Menge Krisenherde, schlimmer denn je.

"Wintersonnenwende" hingegen ist eine bitterböse Komödie. Eine Vorweihnachtsfeier in der Familie des Holocaust-Forschers Albert mutiert durch einen mysteriösen Besucher zur Wintersonnenwendfeier. Katka Schroth lässt die Schauspieler von der quadratischen Bühnenfläche aus in alle vier Richtungen spielen. "Das ist richtig schwer für die Schauspieler, die haben nichts, woran sie sich festhalten können" räumt Cary Gayler ein. "Aber die machen das großartig." Anhand einer Familienfeier wird hier der innere Zustand der Gesellschaft bloßgelegt, der gutbürgerlichen. Was dabei zutage gefördert wird, ist erschreckend und - wenn man auf AFD und Pegida schaut - auch erschreckend real.

Die zwei Stücke parallel zu betreuen, ist für Cary Gayler eine Herausforderung. Nicht der Stücke wegen, da hat sie es häufig mit größeren Produktionen zu tun, mit mehr Personage. Das Problem ist eher logistisch. Zwei Stücke, das bedeutet: parallel laufende Endproben, Kostüm-Anproben und im Kopf immer umschalten müssen, um jedes inhaltlich bestmöglich zu betreuen. Aber da hilft ihr die langjährige Erfahrung im Beruf, den sie von der berühmten Pike an gelernt hat. "Für mich war schon vor dem Abitur klar, ich will was Handwerkliches lernen, Schreiner oder so was - gab es für Mädchen damals aber nicht", erzählt die in den USA geborene (ihr Vater war dort für einige Jahre tätig) und in Wuppertal aufgewachsene Cary Gayler. Der Zufall kam zu Hilfe, in Form einer Aufführung von Philip Glass' Oper "Satyagraha". "Ich war fasziniert von dem Bühnenbild und wollte wissen, wie so was entsteht. Mein erster Gedanke war Malsaal, dann Theaterplastikerin." 49 Bewerbungen schrieb sie, ohne Erfolg. "Bis 1992 waren alle Stellen in den wenigen Theatern, die überhaupt ausbildeten, besetzt. Und wir schrieben das Jahr 1985." Dann klappte es aber doch, der Ausstattungsleiter des Theaters in Karlsruhe bot ihr eine Bühnenbild-Hospitanz an - arbeitsreich mit wenig Anerkennung. Da hört sie zufällig im Radio ein Interview mit Friedrich Schirmer, einer ohne Studium wie sie, der sich gerade anschickte, Intendant in Esslingen zu werden. Zu seinem Team voller neuer Ideen wollte sie gehören. Tatsächlich bekam sie ein Engagement als Bühnenbildassistentin. Schon bald gestaltete sie eigene Bühnenbilder, war nicht mehr nur Assistentin. Seit vielen Jahren arbeitet sie nun schon freischaffend an Bühnen quer durch die Republik. Es macht ihr Spaß, mitzuhelfen, Stücke in Bilder zu verwandeln, gemeinsam mit Regisseur und Dramaturg immer neue Sichtweisen zu entdecken und Ausdrucksmöglichkeiten dafür zu finden. Und es macht ihr auch nichts aus, vom Malsaal bis zu den Werkstätten allen auf den Nerv zu gehen, damit Theater immer neu und spannend ist.

Die beiden Premieren "Verbrennungen" und "Wintersonnenwende" sind bereits ausgebucht. Außer für den 26. März sind für die weiteren Vorstellungen "Verbrennungen" Karten erhältlich. Für "Wintersonnenwende" gibt es für die Vorstellungen ab 21. Februar Karten, erhältlich im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355/ 78242424 und

www.staatstheater-cottbus.de