Wäre alles anders gelaufen, hätte Merriman, der Butler von Jack Worthing, nicht gleich zu Anfang den roten Faden aufgewickelt? Leider blieb er verschwunden. Irgendwie wollten sich die vielen bunten Bilder mit den atemlos aneinandergereihten Slapstick-Einlagen nicht zum Ganzen fügen. Wer nicht wusste, worum es ging, mochte bisweilen Mühe haben, die Handlung zu erkennen.

Womit nicht gesagt sein soll, dass es nicht unterhaltsam war. Allerdings ziemlich schräg und deshalb vielleicht nicht jedermanns Sache. Da werden ununterbrochen überdimensionierte Mahlzeiten, die zeitweise auch das Bühnenbild dominieren, in den ohnehin schon dicken Wanst gestopft und ganze Destillerien leer getrunken, sicher die Maßlosigkeit einer dekadenten Gesellschaft symbolisierend, bei der zuerst das Fressen und dann die Moral kommt. Alle Schauspieler stecken in wattierten Kostümen bis auf den Diener - der ja auch der Unterschicht entstammt.

Oscar Wilde zielte mit seiner bissigen Satire auf die verlogene Gesellschaftsmoral des ausgehenden viktorianischen Zeitalters, Regisseur Jan Jochymski lässt es dabei nicht bewenden. Alles, was bis heute very british ist, wird durch den berühmten englischen Tee gezogen. Bühnen- und Kostümbildnerin Simone Steinhorst hat dafür viele Zitate gefunden, etwa das Tradition repräsentierende überdimensionierte Chesterfield-Sofa oder die quietschbunten Kostüme, die ins heutige London gehören. Was zeigt, die Inselbewohner haben nichts an Merkwürdigkeit eingebüßt.

Dass das Verwechslungsspiel um Liebe, Lüge, schönen Schein und die Notwendigkeit, aufrichtig zu sein, Spaß macht, ist vor allem den wunderbaren Schauspielern zu danken, denen dieses rasante Spiel auch körperlich viel abverlangt. Es ist nicht so einfach, ungelenk zu wirken und dabei sehr behände zu sein. Dazu das Tempo, in dem die Texte über den Zuschauer hereinprasseln.

Zu Lachen gibt es viel, während man den beiden Lebemännern Algernon Moncrieff und Jack Worthing (Amadeus Gollner und Henning Strübbe atemberaubend, mit großer Spiellust) dabei zusieht, wie sie versuchen, den strengen Regeln der englischen Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen. Sie erschwindeln sich einfach ein Stück Freiheit. Jack, der eigentlich auf dem Lande wohnt, erfindet sich einen etwas leichtlebigen Bruder in der Stadt. Der Städter Algernon dagegen seinen Freund Bunbury auf dem Lande. Das geht so lange gut, bis sich beide verlieben. Algernon in Cecily (Ariadne Papst, herrlich naiv und doch durchtrieben), das Mündel Jack Worthings, und Jack in die stark sehbehinderte Gwendolen (Kristin Muthwill wunderbar tollpatschig), die Cousine seines Freundes.

Alles wäre wundervoll, wäre da nicht noch Lady Bracknell (Sigrun Fischer überzeugend schrullig, aber machtbewusst), Gwendolens Mutter und Tante von Algernon. Sie hat was gegen die Heiraten. Weil Jack ein Findelkind ungewisser Herkunft ist und Cecily ein ebensolches Mündel. Als Jack Cecilys Herkunft offenbart, vor allem ihr Vermögen, lenkt Lady Bracknell schnell ein. Geld ist eben ein unwiderlegbares Argument.

Auf wunderbare Weise klärt sich dann auch Jacks Identität: Er ist der seinem Kindermädchen Miss Prism (Heidrun Bartohlomäus, eine erfrischend lebenslustige Gouvernante), das inzwischen Cecily beaufsichtigt, als Säugling abhanden gekommene Sohn von Lady Bracknells Schwester. Also Algernons älterer Bruder. Ende gut alles gut? Keineswegs. Die beiden jungen Damen können sich beim besten Willen keinen Ehemann vorstellen, der nicht Ernst heißt. Bei Jack stellt sich das als unproblematisch heraus. Er wurde ursprünglich nach seinem Vater Ernst genannt. In Algernons Fall muss Pfarrer Dr. Chasuble (Thomas Harms, schon allein durch seine Körpersprache komisch, in den Rollen als Jacks Butler oder Algernons Diener aber durchaus mit eigener Position zum Geschehen) mit einer Taufe helfen. Das Bunburysieren allerdings hat ein Ende, denn die Alibis fürs freizügige Leben bleiben auf der Strecke.

Zum Schluss sitzen alle gemeinsam auf dem Sofa - und nicken ab. Es war nur ein Spiel.

Die nächste Vorstellung "Bunbury" am 2. Dezember um 19.30 Uhr, Großes Haus, läuft als Theatertag. An diesem Abend kosten alle Karten nur 10 Euro. Karten im Besucherservice und an der Abendkasse.