Thea Dorn, bei Ihrem Namen klingen sofort alle Alarmglocken. Viele kennen Sie vor allem als Krimiautorin, die wenig zimperlich mit Gewaltszenen umgeht. Was treibt Sie in die Lausitz?
Kein Grund für Alarm! Ich komme in friedlichster Absicht, einzig, um aus meinem letzten Buch "Die deutsche Seele" zu lesen.

Und was erblicken Sie da in den Abgründen?
Der auffälligste Zug des Deutschen ist für mich seine große Zerrissenheit. Wir lieben die Geselligkeit, Stichwort: Vereinsmeier - und sind doch auch Eigenbrötler. Wir sehnen uns in die Natur zurück - und sind ein Volk der Tüftler und Techniknarren. Wir neigen zum Dunklen, Mystischen, Romantischen - und haben gleichzeitig einen Hang zum Rationalen, Ordentlichen. Wir sind Bildungsbürger - und lassen beim Karneval oder auf dem Oktoberfest die Sau raus. Martin Luther, der einflussreichste Deutsche, hat die Christenheit gespalten. Nicht zuletzt war unser Land vierzig Jahre lang durch diese schändliche Mauer zerteilt.

Gibt es Wesenszüge der Deutschen, die Ihnen besonders sympathisch sind oder die Sie gar nicht leiden können?
Das schönste deutsche Wort ist für mich "Waldeinsamkeit". Eine ganze Assoziations-, Gefühlswelt tut sich da auf! Das lässt sich in keiner anderen Sprache so vielschichtig und dennoch schlicht ausdrücken. Suspekt werden mir die Deutschen, wenn sie in ihrer Liebe zur Natur beziehungsweise in ihren Anfällen von Technik-Paranoia jegliches Augenmaß verlieren, wie es zum Beispiel in Westdeutschland in den 80er-Jahren geschehen ist, als die Parole vom "Waldsterben" in grellsten apokalyptischen Tönen in die Welt hinausposaunt wurde.

Welche deutschen Eigenheiten besitzt Ihrer Meinung nach die Kanzlerin?
(Thea Dorn lacht) Angela Merkel kommt mir in der Tat ziemlich deutsch vor: Sie ist hoch organisiert, hat eine enorme Arbeitsdisziplin, wandert gern, fährt jeden Sommer nach Bayreuth, stammt aus einem Pfarrhaus, weiß, was Bierdurst ist, und vermutlich ist ihr ein simples Abendbrot lieber als ein komplexes State Dinner.

Sehen Sie eine Seelenverwandtschaft zwischen deutschen Frauen und Männern?
Auch das deutsche Weib - ein wunderbar merkwürdiger Begriff übrigens, kein Ausländer versteht, warum es das Weib heißt - kann zwei Seelen in seiner Brust haben.

Wie bierernst ist da Ihre Betrachtung?
Das Buch ist durchaus eine Liebeserklärung an die deutsche Kultur. Wem zu diesem Thema nichts anderes einfällt als der ewige Gartenzwerg, ist selbst ein Spießer.

Dennoch: Ist nicht immer noch Argwohn ausgesetzt, wer sich mit dem deutschen Wesen beschäftigt?
Natürlich gibt es diese Skepsis. Und sie ist historisch wohl begründet. Trotzdem ist es falsch, die deutsche Geschichte mit dem Nationalsozialismus auszukippen. Es geht nicht darum, auch nur eines der Verbrechen, die zwischen 1933 und 1945 von Deutschen im Namen eines pervertierten Begriffs des Deutschen begangen wurden, zu relativieren. Aber es tut mir in der Seele weh, erleben zu müssen, wie unsere gesamte deutsche Geschichte, die so aufregende, lebhafte Zeiten wie etwa die um 1800 herumkannte, dem Vergessen und der Ignoranz anheimgegeben wird.

Sie haben das Buch gemeinsam mit Richard Wagner verfasst. Ist er als Banatdeutscher besonders daran interessiert, das typisch Deutsche zu ergründen?
Richard und ich kennen uns schon seit fast 20 Jahren. Mir war klar, dass ich das Buch nur mit ihm zusammen schreiben kann. Während ich in den 70er- und 80er-Jahren in der Bundesrepublik in dem Geist erzogen wurde, dass es anstößig ist, übers Deutsche zu reden, war es für ihn in Zeiten der rumänischen Ceausescu-Diktatur eher ein Akt des Widerstands, sich als Angehöriger einer Minderheit zum Deutschen zu bekennen.

Sein Name lässt große Musik erwarten und einen eigenwilligen Charakter. Wie geht Ihr Co-Autor mit seinem berühmten Namensvetter um?
Sagen wir so: Er wäre seinem Vater sicher nicht böse gewesen, wenn dieser kein Wagnerianer gewesen und seinen einzigen Sohn nicht "Richard" genannt hätte. . .

Zum Schluss: Welches Buch ist Ihre Empfehlung als Literaturkennerin für trübe Herbsttage?
Unbedingt Gedichte! Entweder Joseph von Eichendorff oder Andreas Gryphius. Wenn meine Zeit es irgendwie zulässt, versuche ich, jeden Abend eine Strophe auswendig zu lernen. Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn' und führt die Sternen auf. . . Die reinste Seelenmedizin.

Mit Thea Dorn

sprach Ida Kretzschmar

10. Oktober, 19 Uhr, Lausitzer Lesart auf Schloss Lübbenau, Orangerie: "Die deutsche Seele", Tel.: 03542 8730, Eintritt: 8/6 Euro, Reservierung unter: info@schloss-luebbenau.de