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Divenhafter Wahnwitz in der Traumfabrik

Ein Premierenabend mit hervorragenden Besetzungen und Gänsehautmomenten.
Ein Premierenabend mit hervorragenden Besetzungen und Gänsehautmomenten. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Am Staatstheater Cottbus ist am Samstag das Musical "Sunset Boulevard" von Andrew Lloyd Webber mit großem Erfolg gestartet. In der weiblichen Hauptrolle glänzt die Sängerin Isabel Dörfler als tragische Hollywood-Legende. Rüdiger Hofmann

Bei der Premiere des Musicals von Andrew Lloyd Webber, das im Jahre 1993 nach dem Vorbild des oscargeadelten Films "Boulevard der Dämmerung" von Billy Wilder aus dem Jahr 1950 entstand, gibt es im Großen Haus des Staatstheaters minutenlangen Jubel und stehende Ovationen. Eindrucksvoll, wie Isabel Dörfler die wahnwitzige Diva Norma Desmond im Blut hat. Wie die Hauptdarstellerin im bodenlangen Kleid die Showtreppe herunterschreitet und sich im Scheinwerferlicht des Filmstudios rekelt, ist, als würde sie nie wirklich etwas anderes machen. Dörfler spielt den zurückgezogen lebenden Stummfilmstar Norma Desmond, der von einem Comeback träumt. "Ich bin groß. Es sind die Filme, die klein geworden sind", sagt sie. Einfach vorzüglich! Schon nach dem ersten großen Auftritt der 52-Jährigen mit ihrer grandiosen Stimme gibt es offenen Szenenapplaus des Publikums. Apropos Stimme: Hier fordert das Musical einiges von ihr ab: Im Sopran fühlt sie sich aber ebenso wohl wie im tiefem Alt, und mit dieser vokalen Mixtur kann sie wunderbar die Exotik einer abgehobenen, früheren Hollywoodlegende porträtieren. Ihre Dynamik-Skala reicht vom gehauchten Piano bis zum donnernden Gefühlsausbruch, immer aber mit vollem Herzblut.

Aus einem ohnehin sehr starken Sänger- und Schauspielensemble ragt auch Hardy Brachmann heraus, der den erfolglosen Drehbuchautor Joe Gillis spielt. Ein brillanter Erzähler und Normas jugendlicher Liebhaber zugleich. Gillis wird in ihrer Villa einquartiert und gefügig gemacht. Er soll Drehbücher liefern und den Norma-Desmond-Stern wieder aufleuchten lassen. Direkt nach der Pause schmettert Brachmann den berühmten Titelsong "Sunset Boulevard" dem Publikum entgegen. Ein Gänsehautmoment der Extraklasse! Auch sonst führt der Tenor in perfektem Anzug souverän durch die Handlung. Die schmonzettigsten Liebes-Duette Dörfler/Brachmann fügen sich ein in eine tragisch-komische Glitzerwelt um In trigen, Ruhm um jeden Preis und oberflächliche Effekthascherei. Gillis genießt den Luxus an Normas Seite und gerät immer tiefer in den Sog ihrer faszinierenden Persönlichkeit.

Auch Heiko Walter als Max von Mayerling erwischt einen Abend nach Maß - im Maßanzug. Seine Darbietung ist skurril, gibt er doch den totenblassen Wiedergänger des Butlers der Addams-Family. Sein Bariton hat an diesem Abend wunderschöne lyrische Momente, gespickt mit kraftvollen Ausbrüchen. Inhaltlich betrachtet kann sein Schicksal kaum tragischer sein. Max von Mayerling war nicht nur der Regisseur, der das Talent der jungen Norma entdeckt, gefördert und ihren ersten Film gedreht hat. Er war auch ihr erster Ehemann und ist ihr als Butler ein Leben lang treu geblieben. Als Spiritus Rector scheint Max immer noch Norma Desmond zu inszenieren.

Nicht unerwähnt bleiben soll Debra Stanley als Betty Schaefer, die sich in Joe Gillis verliebt und die Katastrophe damit perfekt macht. Eine solide Vorstellung ihrerseits, mit süßem Akzent, gespielter Naivität, mädchenhaftem Getue. Stimmlich hat sie vor allem im zweiten Teil ihre starken Momente.

Dieser Premierenabend mit hervorragenden Besetzungen lebt zudem vom Tempo und vom Timing. Regisseur Klaus Seiffert inszeniert das Musical als rasantes Hollywood-Drama. Wenn sich die Showtreppe dreht, wird sie mal zum Paramount-Filmstudio, mal zur Stammkneipe der träumenden Jungspunde von Hollywood, mal zum Wohnzimmer der Villa. An den aufgekratzten Chorszenen - die Choreografie hat der Brasilianer Mario Mariano erarbeitet, die Bühne und Kostüme Barbara Krott entworfen - kann man sich nicht sattsehen. Da müssen schon mal einfache Scheinwerfer herhalten für die Darstellung von Autos auf den Straßen von Los Angeles. Oder ein Swimmingpool wird an die Wand projiziert, mit einer Leiche, treibend im Wasser. Nicht zu vergessen ist das Philharmonische Orchester um Alexander Merzyn, der an diesem Abend die musikalische Leitung innehat. Er lässt Lloyd Webbers emotionale Musiksprache mit Witz und Mut zur Lautstärke leuchten.

Karten für die Vorstellungen am 18. Oktober, 3., 24., 26. November und 5. Dezember unter Telefon: 0355/78242424 oder im Internet www.staatstheater-cottbus.de

Zum Thema:
Monika Schumann aus Cottbus: "Eine grandiose Vorstellung! Was bei der Hauptdarstellerin an Stimmgewalt herüberkommt, ist mehr als beeindruckend."Wolfgang Richter aus Senftenberg: "Gesanglich hat mir neben Dörfler der Butler am besten gefallen. Bei dem Duo Brachmann und Walter musste ich unweigerlich an ihre Partie in "Sugar" denken. Die beiden harmonieren wunderbar."Ines Müller aus Peitz: "Absolut empfehlenswert. Es ist witzig und tragisch zugleich, die Darbietungen sind von hoher Qualität."