So was ist selten und deshalb klar, es handelt sich um Satire. Absender der Dankschreiben ist das Kabarett Distel. Es feiert 60. Geburtstag und beglückwünscht sich selbst, in dem es sich bei ihren treuen Lieferanten von Programmstoff bedankt: den Spitzenpolitikern der Republik, die ja gleich um die Ecke regier(t)en. Das Distel-Domizil in einem Haus am Bahnhof Friedrichstraße liegt nur wenige Hundert Meter Luftlinie vom Kanzleramt entfernt.

Dass die Distel ihren 60. Geburtstag erreichte, ist nicht selbstverständlich, denn das Satire-Gewächs ist eine DDR-Altlast, die als öffentliche Einrichtung von Berlin per Einigungsvertrag zur Abwicklung bestimmt war. Immerhin wurde das traditionsreiche Kabarett nicht geschlossen, sondern in eine privatrechtliche Gesellschaft überführt. Der Preis war eine deutliche Reduzierung des Personals, nicht zuletzt wegen des Komplettausfalls staatlicher Subventionen. Heute muss man zusehen, wie man das Geld aufbringt, um den Laden zu unterhalten.

Das war zu DDR-Zeiten ganz anders. Da wurde die nackte Existenz der Distel kaum infrage gestellt, der Inhalt der Programme umso häufiger. Schließlich sollte die am 2. Oktober 1953 gegründete Lach- und Spott-Anstalt, laut Vorgabe des Ostberliner Magistrats, in erster Linie "die Mittel der Satire im Kampf um die Einheit Deutschlands und einen dauerhaften Frieden wirksam werden lassen". Die Kabarettisten bedankten sich mit dem ersten Programm, samt zweideutigem Titel: "Hurra, Humor ist eingeplant".

Dass der immer wieder von Zensoren auf ideologische Sauberkeit geprüft wurde und die Kabarettisten oft um ihre Pointen kämpfen mussten, gehörte zum System.

So wie zur Geschichte des Hauses die Drohung des Ostberliner Oberbürgermeisters Friedrich Ebert junior 1965: "Distel ist Unkraut und muss ausgerissen werden. Das ist Schizophrenie. Wir geben denen das Geld und die kritisieren uns dafür." Das ist längst vorbei.

Geld gibt's vom Senat nicht mehr, dafür kann man nun kritisieren und spotten, was die Politik inhaltlich hergibt. Ab dieser Woche mit dem 133. Distel-Programm "Endlich Visionen".