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Dieses Licht der erloschenen Sterne

Olga Grjasnowa hat mit "Gott ist nicht schüchtern" ein berührendes Buch über Flüchtlingsschicksale geschrieben.
Olga Grjasnowa hat mit "Gott ist nicht schüchtern" ein berührendes Buch über Flüchtlingsschicksale geschrieben. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Ein Hauch verwehter Hoffnungen im Arabischen Frühling ist Dienstabend im 25. Cottbuser Bücherfrühling zu spüren. Ida Kretzschmar

Olga Grjasnowa stellt in der Stadt- und Regionalbibliothek ihren druckfrischen Roman "Gott ist nicht schüchtern" vor. Ein Titel, der dem Koran entlehnt ist, wie die junge Autorin erklärt. Ihr ist er eine Metapher für die Mächtigen in Syrien, die nicht schüchtern sind, ihre Macht zu gebrauchen, und für ihre Geheimdienste, die sich weit über Gott wähnen.

Schon mit ihrem ersten Roman, der den rätselhaften Titel trug: "Der Russe ist einer, der Birken liebt" hat sie 2012 für Aufmerksamkeit gesorgt, weiß Uta Jacob von der Stadt- und Regionalbibliothek, die gemeinsam mit dem Brandenburgischen Literaturbüro und der RUNDSCHAU zu dieser Lausitzer Lesart eingeladen hat.

Das neueste Buch sollte sich eigentlich mit Systemgastronomie beschäftigen, erzählt Olga Grjasnowa, die in Baku, Aserbaidschan, geboren wurde. Mit elf Jahren kam sie mit ihrer jüdischen Familie nach Deutschland. "Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr", urteilt die heute in Berlin lebende 33-jährige Autorin unumwunden.

Als sie sich in einen Mann verliebt, rückt die Systemgastronomie weit weg. Er ist Syrer. Fortan drehen sich die Gespräche immer wieder um Syrien, um Menschen, die verhaftet wurden, oder um jene, denen es gelang, herauszukommen aus dem Land, das für sie zur Hölle wurde.

Olga Grjasnowa fühlt sich an die Geschichte ihrer Großmutter erinnert, die im Zweiten Weltkrieg über Tausende von Kilometern vor der deutschen Wehrmacht floh und die einzige Überlebende ihrer jüdischen Familie war. So beschloss die junge Autorin, ihr Romanthema den Verzweifelten und Hoffenden in Syrien zu widmen. Und sie recherchierte genau, las nicht nur, was sie zu diesem Thema finden konnte, sondern sah sich auch in der Türkei, im Libanon, auf Lesbos und in Athen um, führte Interviews, durchstöberte Archive und Videomaterial. "Für mich war es wichtig, dass ich die Ereignisse, die ich schildere, auch belegen kann", sagt sie.

Und wie sie sie schildert! Während sie liest, wird es ganz still im Lesesaal. Die spröden Nachrichten aus Syrien verwandeln sich in Gesichter, Gefühle, Gedanken. Es ist eine gnadenlose Beschreibung von Demütigung, Vergewaltigung, Überwachung, von unsäglichen Strapazen der Flucht. Und sie schmerzt umso mehr, weil die Autorin dafür Worte findet, die erzittern lassen. Etwa, wenn sie schreibt, wie ein übervolles Flüchtlingsboot auf Lesbos an Land gespült wird. Die Gesichter glühen vor naiver Hoffnung und einer "denkt an die erloschenen Sterne, deren Licht noch immer zur Erde gelangt".

Aufbau-Verlag, 22 Euro