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| 02:39 Uhr

Dieser Tanz auf einem Seil zwischen den Welten

Bernd Franke will mit seiner Musik die Seele berühren.
Bernd Franke will mit seiner Musik die Seele berühren. FOTO: privat
Cottbus. "Brandenburgische Doppelkonzerte" kommen am Staatstheater Cottbus zur Uraufführung. Am Freitag geht es los mit "Daheim in der Fremde" von Bernd Franke. Ida Kretzschmar

Schon die Probe erzeugt Gänsehaut. Die Musik quillt aus fremden Sphären hervor. Ein Flüstern mischt sich dazwischen. Gesang, Gedichtzeilen, der Ton einer Laute. Genaugenommen ist es ist eine Oud, die von der Sängerin und Musikerin Cham Saloum zum Klingen gebracht wird, eine Kurzhalslaute aus dem Vorderen Orient.

Es ist die Begegnung unterschiedlicher Kulturen, die Suche nach Heimat, Balance. "Denn du tanzt auf einem Seil", heißt es in einem Vers des kurdisch-stämmigen Dichters Adel Karasholi, der seit 1961 in Leipzig lebt. Der Vers stammt aus seinem Gedichtband "Daheim in der Fremde", der auch dieser Uraufführung seinen Namen gibt. Am Freitag und Sonntag wird beim 5. Philharmonischen Konzert des Staatstheaters Cottbus der erste Teil der "Brandenburgische Doppelkonzerte" zu hören sein.

Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus unter seinem Chefdirigenten GMD Evan Christ hat in den vergangenen Jahren durch regelmäßige Uraufführungen von Auftragswerken von sich reden gemacht. In der laufenden Spielzeit stehen zwei Auftragswerke auf dem Konzertplan, die sich unter dem Namen "Brandenburgische Doppelkonzerte" der Begegnung von westlich geprägter Musik mit orientalischen Traditionen widmen, überwiegend aus Syrien.

Ein Name, der auf Bachs Brandenburgische Konzerte anspielt, den Urvater der Klassik. Für Evan Christ deutet er aber auch auf den Symbolgehalt des Brandenburger Tors in Berlin: "In seiner Nähe hat der Amerikaner Leonard Bernstein am Weihnachtstag 1989 Beethovens 9. Sinfonie dirigiert. Aus der Ode an die Freude wurde so eine Ode an die Freiheit."

So soll auch dieses Konzert in Cottbus für eine friedliche Verständigung der Völker stehen und die gewaltfreie Überwindung von Grenzen. Und "Doppel" bedeute dabei auch, jeweils zwei Solisten aus unterschiedlichen Musikkulturen einzubeziehen, mit der Idee, zwei Musikkulturen miteinander in Verbindung zu bringen.

Schon bei der Probe ist zu spüren: Kontraste werden kraftvoll ausgebildet und zugespitzt. Sie entladen sich aber nicht im unversöhnlichen Konflikt. Da ist immer auch der Wille nach Ausgleich und Harmonie, werden Brücken gebaut, schwingt Optimismus mit. Klare Melodien, die die Seele berühren. Musik, die unter die Haut geht: "Ich möchte, dass die Zuhörer meine musikalische Sprache verstehen, mit ihr kommunizieren können. Wobei ich nicht in Neoromantizismus verfalle", sagt der Komponist Bernd Franke.

Er hat nicht nur eine beachtliche internationale Karriere absolviert, mit Kurt Masur und Leonard Bernstein gearbeitet und sich in der Welt umgesehen: Mit seinen Uraufführungen ist er auch schon dreimal vom Cottbuser Publikum sehr freundlich aufgenommen worden - was bei junger Musik deutschlandweit nicht eben eine Selbstverständlichkeit ist.

"Wir stammen aus der Natur. Auch Musik muss natürlich sein. Sie darf nicht allein aus dem Kopf heraus entstehen, sondern vor allem aus dem Bauch. Dass habe ich auch viel im Ausland erfahren", sagt Franke. So erschien er Evan Christ als der perfekte Ansprechpartner für das Auftragswerk.

"Ich bin ein Flüchtlingskind, weiß durch meine Eltern, was diese Gratwanderung bedeutet, die der Dichter beschreibt mit diesem Tanz auf dem Seil, sagt der 58-Jährige.

Viele Gefühlsebenen spielen bei dem Thema Flucht eine Rolle. Sie sollen in Wort und Ton, in unterschiedlichsten Facetten hervorgeholt werden.

Schon 1979 gründete Franke das Ensemble "Junge Musik" in Leipzig, dessen Mitglieder sich der Aufführung von Werken des 20. Jahrhunderts widmeten und gemeinsam ihrem Interesse an Musik anderer Kulturen nachgingen. Seit 1981 lehrt er an der Universität und Musikhochschule Leipzig, hat seit 2003 dort eine Professur inne.

Und Leipzig ist nicht nur Bachstadt. Dort traf er auch den Dichter Adel Karasholi, der sich für immer verbunden fühlt mit den zwei Städten Damaskus und Leipzig - und die 21-jährige Cham Saloum, die ihr Leben in Deutschland erst beginnen will. Sie tragen auf ihre Weise dazu bei, Unterschiedliches miteinander in Berührung zu bringen.

Und so treffen nicht nur Sprache auf Musik, gesungener Text auf gesprochenen, Deutsches auf Syrisches - in den Liedern, die Cham Saloum zum Oud singt. In einem Klangteppich begegnet östliche westlicher Musiktradition Zwei Solisten aus dem Westen und zwei aus dem Osten ergänzen einander.

Das letzte Wort aber behält der 81-jährige Adel Karasholi eine Brücke der Hoffnung und der Versöhnung bauend - für sich selbst und alle, die sein Schicksal teilen. Aber auch für die Menschen insgesamt: "Erst die Vielfalt macht das Leben lebenswert", sagt. er. Und in einem seiner Verse: "So erträum' ich die Hochzeit von Sonne und Schnee."

Zum Thema:
"Daheim in der Fremde" von Bernd Franke folgt am 9.und 11. Juni Evan Christs "Brandenburg Double Concertino for Oud, Soprano, and Orchestra".Der Name "Brandenburgische Doppelkonzerte" spielt an auf Bachs "Brandenburgische Konzerte". So vergegenwärtigt er die große Tradition westeuropäischer Musik und zugleich die Verankerung des Philharmonischen Orchesters im Land Brandenburg - im Bewusstsein von dessen Geschichte.