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Diesem Wozzeck wäre noch zu helfen gewesen

Wozzeck (Andreas Jäpel) mit Mariens Knabe (Reik Wolke) bei der Probe.
Wozzeck (Andreas Jäpel) mit Mariens Knabe (Reik Wolke) bei der Probe. FOTO: Marlies Kross
Wozzecks Welt ist fragil, mühsam schlägt er sich durchs Leben. Er verdingt sich als Barbier, als Schnitter, als Versuchsobjekt medizinischer Experimente. Halt findet er bei Marie, seiner Geliebten. Als seine Vorgesetzten jedoch über Maries Untreue zu spotten beginnen, stürzt Wozzeck ab, zumal eine Bohnendiät, die der Doktor den Soldaten im Rahmen medizinischer Versuche verordnet hat, ihm buchstäblich den Verstand raubt. Er hört Stimmen, sieht Schatten und fühlt sich verfolgt. Er glaubt, den eigenen Wahrnehmungen nicht länger trauen zu können. Aus dem sonderbaren Mann wird ein unberechenbarer Mit Andreas Jäpel sprach Renate Marschall

Herr Jäpel, Sie singen die Titelpartie in Alban Bergs Oper "Wozzeck" –für jeden Sänger eine Herausforderung. Was ist so schwierig?

Jäpel: Die Schwierigkeit ergibt sich aus der Zwölftontechnik, der sogenannten atonalen Musik.Scheinbar existiert kein System in den musikalischen Phrasen, die Pausen sind jedes Mal anders gesetzt, es gibt extreme Intervalle. In diese Zwölfton-Musik muss man sich erst hineinhören, sie bietet ganz wenig Anhaltspunkte für den Sänger. Selbst wenn man während der musikalischen Proben mit Klavier meinte, welche gefunden zu haben, waren sie plötzlich mit Orchesterbegleitung wieder verschwunden. Keine Note ist ohne Vorzeichen, alle sind alterierende Töne. Das ist schon ziemlich heftig.

Wie haben Sie sich auf diese Partie vorbereitet?
Jäpel: Zuerst habe ich mir verschiedene Aufnahmen angehört, unter anderen mit Dietrich Fischer-Dieskau. Ich war erstaunt, dass mein lieber Kollege, den ich immer für den Genauesten gehalten habe, ziemlich locker mit den Tönen umgeht. Das hat mir den Einstieg in die Partie erleichtert. Irgendwann wollte ich es aber wissen und so genau wie möglich sein.

Regisseurin Christiane Lutz inszeniert die Oper, der Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck" zugrunde liegt, in einer eigenen Lesart. Welche Geschichte erzählt sie?
Jäpel: Oft ist es ja so, der Vorhang geht auf, und man sieht einen schon sehr verstörten Wozzeck an seinem Hauptmann rumbarbieren. Bei Christiane Lutz ist Wozzecks Vergiftung durch die Experimente, die an ihm vorgenommen werden - er bekommt zunächst nur Bohnen, dann Schöpsenfleisch zu essen - noch nicht fortgeschritten. Ihr ist wichtig, die Forschungen und Entdeckungen jener Zeit mit aufzunehmen: Justus von Liebigs tatsächlich stattgefundenen Feldversuch bei der hessischen Armee, tierisches Eiweiß durch Erbsen und Bohnen zu ersetzen oder auch die Erfindung des Röntgenapparates. Der Molch spielt in den Forschungen jener Zeit und auch in der Oper eine Rolle. Dabei geht es um die Fähigkeit der Tiere, verlorene Gliedmaßen, zum Teil auch Organe, neu zu bilden. Die Hoffnung war, im Ersten Weltkrieg versehrte Soldaten so wieder zu Armen oder Beinen zu verhelfen.

In der Inszenierung von Christiane Lutz ist auch Wozzeck ein Forschender, nicht wie sonst nur Opfer.
Jäpel: Ihm haben es auch die Molche angetan. Seine fixe Idee: Wächst ihm ein Herz nach, wenn ich ihm das rausschneide, und kann Marie das Gleiche passieren. Könnte ihr untreues Herz durch ein reines ersetzt werden? Am Ende schaut er ja tatsächlich nach. Zuvor aber erleben wir den Wozzeck bei Marie, beim Hauptmann und beim Doktor in Situationen, wo man ihm noch helfen könnte. Man möchte immer sagen, lasst ihn doch in Ruhe. Aber weil der Hauptmann und der Doktor ihn drangsalieren, Marie ihn verrät, die einseitige Ernährung ein Übriges tut, nimmt sein Wahn immer weiter zu. Für mich als Darsteller ergeben sich daraus natürlich viel mehr Möglichkeiten, als wenn er von Anfang an so krude und verbiestert wäre. So kann man eine größere Fallhöhe spielen.

Büchner geht es ja um Gesellschaftskritik, bleibt die bei dieser Lesart auf der Strecke?
Jäpel: Ich glaube nicht, denn auch heute werden Menschen durch ihre Lebensbedingungen krank, Stress, Mobbing. Depressionen nehmen zu.

Sie haben in vielen anderen Partien bewiesen, dass Sie nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch zu überzeugen wissen. Was ist nötig, um diese Figur glaubhaft auf die Bühne zu bringen?
Jäpel: Sie und die Zeit zu verstehen. Ich habe viel gelesen. Alban Berg selbst schreibt, wie er die Oper behandelt wissen möchte. Er gibt Hinweise für die Einstudierung, darin geht es auch um die Darstellung. Er möchte beispielsweise, dass nach dem Mord an Marie, "indem ihr Wozzeck - einmal - das Messer in den Hals stößt", alles weitere Gemetzel unterbleibt. Der Literaturwissenschaftler George Steiner schreibt über Büchners Woyzeck, dass ihm die Sprache fehlt. Er will sich mitteilen, aber es gelingt ihm nicht. Durch Bergs Musik, so Steiner, wird der Wozzeck beredt. Was die Musik ausdrückt, schreibt man der Figur zu, obwohl sie eher die äußeren Umstände beschreibt. Das hat mir darstellerisch sehr geholfen: Wenn Wozzeck vor sich hinbrütet, dann eher stumpf als gedankenvoll.

Als wir uns 2014 kurz vor der Premiere von Peer Gynt trafen, stand die Rolle des Scarpia in Tosca noch auf Ihrem Wunschzettel. Seither haben Sie nicht nur diese, sondern weitere anspruchsvolle Partien gesungen - den Marquis Posa (Don Carlos), Germont in "La Traviata" oder Orest in "Elektra". Sie brauchen einen neuen Wunschzettel?
Jäpel: Da gibt es noch so viel. Wagner. Den Holländer würde ich liebend gern singen, irgendwann, wenn es dazu langen sollte, den Hans Sachs in "Meistersinger", auch den Jago in "Othello" oder Rigoletto. Mal sehen, was kommt.

Für die Premiere und die Vorstellungen am 7. Juli, 1. und 21. Oktober sowie 5. November sind Karten erhältlich im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355/78242424 sowie über www.staatstheater-cottbus.de