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| 20:27 Uhr

Interview mit Alexander Scheer
„Diese Geschichte musste einfach erzählt werden“

Alexander Scheer und Anna Unterberger in dem Film „Gundermann“.
Alexander Scheer und Anna Unterberger in dem Film „Gundermann“. FOTO: Pandorafilm / PETER HARTWIG
Hoyerswerda. Die RUNDSCHAU im Gespräch mit dem Schauspieler, der in dem neuen Film „Gundermann“ von Andreas Dresen die Hauptrolle spielt. Von Angelika Brinkop

Gerhard Gundermann war Liedermacher und gleichzeitig Baggerfahrer im Tagebau Spreetal. Er war unangepasst, hat es sich selbst und anderen nicht leicht gemacht. 1998 starb er mit 43 Jahren. Geblieben sind aufrichtige Lieder voller Poesie. Die RUNDSCHAU sprach mit Alexander Scheer, der die Titelrolle in dem neuen Film von Andreas Dresen übernommen hat.

Als Gundermann starb, waren Sie gerade 22 Jahre alt. Kannten Sie seine Lieder?

Scheer Ehrlich gesagt, nein. Ich wusste, wer er ist und wie er aussieht. Er ist ja auch hier in Berlin in der Waabe und im Franz-Club aufgetreten und war auf Plakaten zu sehen. Aber mit 14 wollte ich West-Platten hören, die Stones, Zappa oder Hendrix, aber keinen DDR-Liedermacher. Außerdem haben mich tatsächlich seine Hosenträger abgeschreckt. Als ich vor ein­einhalb Jahren gehört habe, dass Dresen einen Film über Gundermann machen will, habe ich das erste Mal eine Scheibe von ihm gehört. Ich hatte gar nicht geahnt, was er für eine wunderschöne, fantastische Poesie in seinen Liedern hat. Diese russische Weite, die bei seinen Texten aufgeht, hat mich fasziniert, da fühlte ich mich gleich zu Hause. Ich habe Dresen geschrieben: Ich spiele Dir Gundermann mit allem was ich habe. Der Film musste einfach gemacht werden. Diese Geschichte musste erzählt werden. Da hatte ich das Drehbuch noch gar nicht gelesen. Mir war gleich klar, dass es nur einen geben kann, der ihn spielen kann, und das bin ich. Dresen war das allerdings nicht von Anfang an klar. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis er gesagt hat: Willkommen bei der Truppe. Er hat ja ein Filmteam, das wie eine Familie ist. Darum muss die Chemie zwischen allen Akteuren stimmen. Da brauchte es etwas Zeit, bis er sich für Familienzuwachs entschieden hat.

Sie sehen Gundermann in dem Film so ähnlich, dass man glaubt, er ist wieder lebendig. Sie haben nicht nur seine Mimik und Gestik  kopiert, sondern auch den Lausitzer Dialekt.

Scheer Schön, dass das so ankommt. Für eine Rolle in einem Film würde ich mir auch jeden anderen Dialekt aneignen. Ich bin überhaupt der Meinung, dass in Deutschland viel zu wenig mit Dialekten im Schauspiel gearbeitet wird.

Sehen Sie viele Parallelen zwischen sich und Gundermann?

Scheer Mal so, mal so. Ich habe manchmal eine andere Wahrnehmung von mir als andere. Ich bin ja eigentlich nur die Summe der Figuren, die ich spiele. Ich bin ganz froh, dass ich zeitweilig das Leben anderer Leute leben kann. Deswegen bin ich wahrscheinlich Schauspieler geworden. Es gibt natürlich schon Parallelen. Genau wie Gundermann habe ich auch ein spezielles Verhältnis zu Autoritäten. Die erste Autorität, meine Eltern, waren sehr o.k. Ich habe nach der 11. Klasse die Schule geschmissen. Meine Eltern wussten in der Wendezeit auch nicht, wie es weitergehen soll und haben mich unterstützt, meinen Weg zu gehen. Die zweite Autorität war die Schule. Die Lehrer haben nach der Wende für mich komplett an Glaubwürdigkeit verloren. Sie haben versucht, die Welt plötzlich neu zu erklären. das war einfach lächerlich. Ich finde es ganz schön, dass ich in zwei Gesellschaftssystemen aufgewachsen bin. So kennt man beide Seiten. Das sind wichtige Erfahrungen. Wie Gundermann schon sagte, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Die Medaille ist immer eine Kugel. Eine weitere Parallele zu Gundermann ist die Musik. Musik brauche ich wie die Luft zum Atmen. Es ist toll, dass ich diese Leidenschaft mit der Arbeit verbinden kann. Ich habe ja auch schon einige Musiker im Film porträtiert. Schauspielen und Musik sind meine beiden Götter. Und ebenso wie Gundermann bin auch ich ein Träumer. In vielen Dingen bin ich ihm sehr nahe. Seine atmosphärischen Texte erinnern mich auch immer daran, wo ich herkomme. Ich spiele auch Leute, die mir ferner sind, wie den Degowski im Film „Gladbeck“. Das ist anstrengend, gehört aber auch zum Beruf. Solche Rollen spiele ich mit der gleichen Hingabe.

Großen Raum nimmt in dem Film der Konflikt von der Geradlinigkeit Gundermanns auf der einen Seite und seiner Stasi-Verstrickung auf der anderen Seite ein. Es wird nicht so oft thematisiert, dass es nicht nur Täter und Opfer gegeben hat, sondern dass man manchmal auch beides  sein konnte.

Scheer Absolut. Gundermann war ein Mensch voller Widersprüche, in einem Land voller Widersprüche. Er hat gegen das System angesungen und gleichzeitig für dieses System spioniert. Bei näherer Betrachtung kann man heutige Parameter sehr schlecht an die damaligen Entscheidungen anlegen. Ein Zickzackkurs kann manchmal auch geradlinig sein. Dresen kann solche Konflikte erzählen. Er nimmt sich Zeit für komplexe Widersprüche und schaut genau hin. Es ist nicht einfach, aus dem Heute das Gestern zu beurteilen. Gundermann hat mal gesagt, wenn einem nicht gefällt, wohin der Bus fährt, dann kann man sich hinlegen und schlafen oder man geht zum Busfahrer und bittet ihn, die Richtung zu ändern. Das hat er versucht. Im Rückblick war das natürlich eine Schnapsidee; für ihn war das folgerichtig.

Hat sich durch den Film Ihre Sicht auf Gundermann und auch auf die Stasi-Problematik verändert?

Scheer Klar. Ich habe verstanden, dass man zu bestimmten Dingen und politischen Ereignissen eine Haltung einnehmen muss. Aber man sollte nicht so einfach pauschale Urteile fällen, sondern muss sich intensiv auseinandersetzen. Zum Beispiel wissen wir doch gar nicht  so genau, was in der Türkei passiert. Eine Meinung ist immer schnell bei der Hand, aber man muss sich Zeit nehmen für die Beurteilung und es kann lohnenswert sein, zweimal hinzuschauen. Auch hier gilt wieder, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt.

Bei den Dreharbeiten haben Sie ja bestimmt das erste Mal die Arbeit in einem Tagebau hautnah erlebt. Verstehen Sie, dass Gundermann hier zu seinen Texten inspiriert wurde?

Scheer Ich habe in diesem 4000-Tonnen-Bagger gesessen, da kommt man sich vor wie in einer Weltraumkapsel in einer Mondlandschaft. Es ist eine monotone Arbeit, die etwas mit dir macht. Ich habe verstanden, dass dabei Gundermanns Gedanken auf Reisen gegangen sind und ihm Ideen zugeflogen sind. Seine Melodien hat er ja manchmal bei Springsteen geklaut, aber seine Texte hat er alle ehrlich erarbeitet. Er brauchte die Arbeit, er hat gesungen, was er im Herzen trug. Die Ideen für seine Texte zog er aus seiner Arbeit. Ich finde es bewundernswert, dass er an seiner Arbeit auf dem Bagger festgehalten hat, als er auch schon bekannter war und von seiner Musik leben konnte. Es gibt keinen anderen Künstler, der so wie er gearbeitet hat. Dabei hat er sich auch selbst „ausgebaggert“. Seine Uhr tickte schneller als bei anderen. Daher vielleicht auch sein früher Tod.

Gibt es einen Gundermann-Song, den Sie besonders mögen?

Scheer Ich mag sehr gern „Fliegender Fisch“, und zwar ohne dass ich wusste, dass es auch Gundermanns Lieblingslied war. Auch ich möchte manchmal einfach anders sein als der, zu dem ich gemacht wurde.

Mit Alexander Scheer
sprach Angelika Brinkop