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| 01:02 Uhr

„Die Zuschauer finden sich wieder“

Mehr als 20 Hochzeiten, über 30 Tote und ungezählte menschliche Tragödien: Es ist viel passiert, seit die TV-Serie Lindenstraße am 8. Dezember 1985 zum ersten Mal in der ARD ausgestrahlt wurde. Am Sonntag feiert die in Köln produzierte Kultserie ein besonderes Jubiläum: Dann ist die 1000. Folge mit dem Titel „Herzlichen Glückwunsch“ zu sehen – wie immer um 18.40 Uhr. Vor dem Jubiläum sprachen wir mit Marie-Luise Marjan. Foto: ddp


Seit 20 Jahren verkörpern Sie die Helga Beimer in der ARD-Serie Lindenstraße. Kann man die Lindenstraße in gewisser Weise als Abbild der deutschen Gesellschaft mit all ihren Problemen und Alltagserlebnissen betrachten„
Wir haben in der Lindenstraße elf verschiedene Nationen, und es existieren praktisch keine Konflikte zwischen ihnen, außer natürlich innerhalb der Familien selber, aber das ist ja bei den deutschen Bewohnern der Lindenstraße nicht anders. So hat zum Beispiel Olaf Kling einen türkischen Angestellten, und das griechische Restaurant „Akropolis“ ist zu einem festen und beliebten Treffpunkt für die Bewohner geworden.

Dennoch gab es in der Geschichte der Lindenstraße, mit Verlaub, auch rechtsgesinnte Figuren wie den griesgrämigen Onkel Franz, der in der Straße mit heftig braunen Parolen auf sich aufmerksam gemacht hat. . .
Natürlich hat Onkel Franz diese Parolen von sich gegeben, stieß damit bei den Bewohnern allerdings auf große Ablehnung und wurde zunehmend an den Rand gedrängt. Es wurde also ein Deutscher von Deutschen eben aufgrund dieser braunen Parolen nicht akzeptiert. Damit sollte gezeigt werden, dass ein solches Gedankengut heutzutage einfach keine Chance mehr hat.

Wie erklären Sie sich die seit 20 Jahren ungebrochene Faszination, die von dem Mikrokosmos Lindenstraße ausgeht“
Konzept und Dramaturgie sind sehr stimmig. Wir erzählen in jeder Folge vier verschiedene Episoden, dadurch entsteht ein roter Faden und ein Spannungsbogen, der sich von Folge zu Folge zieht. Wenn es dann am spannendsten wird, hört die Folge auf und der Zuschauer ist neugierig auf die nächste Folge und darauf, wie sich die Geschichte weiter entwickelt. Ein weiterer Aspekt ist die große Aktualität, so wird immer wieder auf aktuelle politische und gesellschaftliche Inhalte Bezug genommen. Auch heikle Themen wie Aids werden thematisiert und tragen so letztendlich auch zur gesellschaftlichen Aufklärung bei.

Nun gibt es neben der Lindenstraße ja auch Daily-Soaps wie „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten“ (RTL) und „Verbotene Liebe“ (ARD), denen oft vorgeworfen wird, sie würden ein unrealistisches Bild der Gesellschaft darstellen. Wie sehen Sie dies als Mitglied einer Serie, die dies zu vermeiden sucht„
Ich finde es sehr gut, dass die Lindenstraße so realistisch und vernünftig ist und das erklärt vielleicht auch den großen Erfolg dieser Serie. Die Zuschauer finden sich in unseren Geschichten wieder und können sich mit den Figuren identifizieren.

Sehen Sie sich Daily-Soaps im Fernsehen an“
Nein, ich gucke an Serien nur die Lindenstraße.

Jede Folge„
Ja, das ist immer eine schöne Möglichkeit zur Retrospektive, denn bei den Dreharbeiten kann ich ja immer nur meine Geschichte verfolgen und weiß nie so genau, was in den anderen Erzählsträngen vor sich geht. Wenn ich es dann allerdings an einem Sonntag mal zeitlich nicht schaffen sollte, nehme ich mir die aktuelle Folge auf Video auf.

Auf einer Lindenstraßen-Website schrieb kürzlich ein Fan: „Alle Lindenstraßen-Schauspieler sehen wir nun jeden Sonntag im Fernsehen und damit gehören sie für uns doch ein Stück weit mit zur Familie.“ Was ist es für ein Gefühl, eine solch große Bedeutung im Leben fremder Menschen zu haben“
Wir bekommen so etwas ja hauptsächlich aus Briefen mit oder treffen Fans auf der Straße und beantworten dann Fragen oder geben Autogramme. Ich finde es toll, wenn man solch positive Resonanz von den Zuschauern bekommt. Das zeigt uns, dass wir unsere Figuren jede Wochen erneut mit Leben füllen und realistisch darstellen, ansonsten würden wir auf die Zuschauer gar nicht diese besondere Wirkung ausüben.

Wer sind die typischen Zuschauer der Lindenstraße„
Das kann man gar nicht so klar abgrenzen, denn unsere Zuschauer sind zwischen sechs und 80 Jahre und vom Gemüsemann bis zum Apotheker ist da alles dabei. Ich habe sogar mal einen Professor aus dem Europaparlament in Brüssel getroffen, der gesagt hat, er wäre ein Lindenstraßen-Fan.

Vergeht eigentlich ein Tag, an dem Sie nicht angesprochen werden“
Das kommt sehr selten vor. Man kann das aber stellenweise umgehen, indem man einfach morgens um 9 Uhr einkaufen geht, wo nicht so viel Leute unterwegs sind, oder einfach ruhigere Plätze in der Stadt zum Bummeln wählt.

Wie hält man es aus, über 20 Jahre konstant vor der Kamera zu stehen„
Ich habe ja auch 20 Jahre Theater gespielt und hatte da auch meinen Rhythmus.

Gab es in der Vergangenheit einen Punkt, an dem Sie kurz davor waren, die Lindenstraße zu verlassen“
Nein, ich möchte die Lindenstraße auch gar nicht verlassen, denn diese Serie ist zu einem festen Teil meines Lebens geworden. Ich habe in Bill Mockridge einen wunderbaren Spielpartner gefunden und das ganze Team ist wirklich wie eine große Familie mit jungen und älteren Menschen, die sehr viel Zeit miteinander verbringen. Genau aus diesem Grund habe ich auch für die nächsten drei Jahre mein Mitwirken zugesagt.

Im Laufe der 20 Jahre hat sich die Helga Beimer stark verändert. War sie zu Beginn der Serie auf die Rolle der Vollblut-Hausfrau mit Spiegelei-Vorliebe festgelegt, führt sie mittlerweile als erfolgreiche Unternehmerin ein Reisebüro. Kann man Helga Beimer als eine Art Vorbild für die neue, starke Frau betrachten„
Ja, denn Helga Beimer verbindet Humor mit Durchsetzungsvermögen, ist warmherzig und geht mutig durch das nicht immer ganz einfache Leben. Das finde ich großartig!

Mögen Sie starke Frauen“
Ja, ich finde sie bewundernswert. Vor allem von starken Frauen aus der Geschichte kann man viel darüber lernen, wie man mit Schwierigkeiten und Schicksalsschlägen um geht und das Leben meistert.

Ist Stärke etwas, dass sich bereits in der Kindheit zeigt oder muss man erst einen großen Lebensweg hinter sich bringen, um persönliche Stärke zu entwickeln?
Ich glaube, dass der Kern in einem drin steckt und der Mensch letztendlich mit den Aufgaben des Lebens wächst, dann plötzlich seine Stärke erkennt und diese von da an auch bewusst lebt.

Mit MARIE-LUISE MARJAN
sprach David Sarkar