Diesmal will sie ein Teilzeithippie sein, wie ihr neues Album verspricht, mit dem sie derzeit auf Tournee ist. Dafür ist allerhand in der Maske zu richten. Also sorgt erst einmal der Kanadier Martin Gallop für die richtigen Schwingungen. Am Ende wird der Mann noch ein Duett mit der Sängerin geben, mit der er, so pfeifen es bunte Gazetten von den Dächern, seit vergangenem Jahr liiert sein soll.Im Vorprogramm entdeckt der Sänger mit der Gitarre zunächst Herz und Mut der Lausitzer. Ja, Übermut. Denn die Weißwasseranerin Sonja Blatzek lässt sich nicht lange bitten, mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu musizieren. Und die 60-jährige Zuschauerin steckt dann auch in der Pause voller Begeisterung, nachdem sie Annett Louisan erlebt hat: "Sie ist so herzerfrischend, ungekünstelt, lebendig!", schwärmt sie. Gar nicht befremdetÜberhaupt: Die über 1300 Zuschauer in der Cottbuser Stadthalle reagieren mit anerkennenden Pfiffen, mit Kreischen, Klatschen und Trampeln, eben gar nicht befremdet, auf die Verwandlung der Annett Louisan. Ihre blonde Mähne ist einem dunklen Haarschopf gewichen. Im Kleinen Schwarzen wirkt sie zierlicher als noch vor einem Jahr. Auch die Lieder sind neu, beschwören die wundersame Welt der Amnesie herauf, die eine Nacht, eine Frau, einen Mann, ja das schlechte Gewissen vergessen lässt. Will die Sängerin auch die Erinnerung an die blonde Elfe tilgen? Nein, der Gedächtnisschwund ist nicht vollkommen, soll es wohl auch nicht sein. Die Dunkelhaarige da vorn auf der Bühne ist immer noch Annett Louisan, die mit ihren nackten Knien und ihrer kindlich-hauchenden Stimme mädchenhaft wirkt wie eh und je. Sind dafür ihre Lieder blonder geworden? So könnten besonders witzig erscheinen wollende Herren fragen. Solche aber sind nicht im Saal. "Je später der Abend, desto schöner die Herren", singt sie. Zwei Cottbuser unter den Zuschauern geben zu, dass sie die Konzertkarten von ihren Frauen als Geschenk erhalten haben. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Denn in der Stadthalle wird Annett Louisan besonders von der Männerwelt gefeiert. Vielleicht, weil sie Geschichten erzählt, die nicht in erster Linie für ihre Ohren bestimmt sind. Aber jeder schon irgendwie erlebt oder in seiner Fantasie durchgespielt hat. Als plaudere sie mit einer Freundin. Ängste, Oberflächlichkeiten, Tabus kommen da zur Sprache. Tief in den Nesseln steht ihr Lieblingssessel, verrät sie unbekümmert. "Sexy Loverboy", stellt sie herausfordernd Wünsche klar. Immer wieder sucht sie "Die nächste Liebe meines Lebens", um, als sie aus dem Saal einen Rosenstrauß erhält, ernüchtert festzustellen: "Immer wenn ich Rosen krieg', dann weiß ich. . ." - "Du besch . . . mich", klingt es wissend im Publikumschor. Schon wandelt die 31-Jährige zwischen den Reihen, zeigt unbefangen ihr Gesicht, schafft Nähe. Auch auf der Bühne, auf der sie wie die Frontfrau einer Band wirkt, die mit sichtlichem Spaß bei der Sache ist. Die Musiker bekommen beifallsgekrönte Solo-Auftritte, einer tanzt sogar. Weniger kopflastig sollte dieses Album werden, hatte Annett Louisan angekündigt. Kopflos aber hat sie sich nicht ins Neue gestürzt. Die Texte verlangen noch immer genaues Zuhören. Bauchgefühl gefragtAber auch Bauchgefühl ist für diese frechen rockigen Töne an diesem Mittwochabend gefragt. Leichtfüßig schwelgt sie als Blumenkind in ihren neuen Liedern, als hätte sie die alten vergessen. Aber nein. Nachdem die Zuschauer sich mit ohrenbetäubendem Beifall die dritte Zugabe erklatscht haben, gibt es nur eine Antwort auf die Frage: Was machen wir mit dem angebrochenen Abend? Spielen!