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| 09:28 Uhr

Düsseldorf
Die Welt des Kollegah

Düsseldorf. Der Düsseldorfer Skandal-Rapper ist nicht bloß Musiker, sondern auch ein einflussreicher Agitator mit extrem kruden Ansichten. Philipp Holstein

Der Düsseldorfer Skandal-Rapper ist nicht bloß Musiker, sondern auch ein einflussreicher Agitator mit extrem kruden Ansichten.

Dem Rapper Kollegah folgen auf Facebook fast zwei Millionen Menschen, bei Instagram sind es anderthalb Millionen. Er schickt seine Botschaften abseits der Kanäle arrivierter Medien auf die Smartphones der Fans - über seinen Youtube-Kanal etwa und, noch schneller und unmittelbarer, per Video über die Social-Media-Funktion Instagram-Stories. Das ist kaum mehr zu überblicken und zu kontrollieren, denn diese Aufnahmen löschen sich nach 24 Stunden selbst. Kollegah, spätestens seit dem Skandal um seine antisemitischen Texte beim Musikpreis Echo in aller Munde, hat enormen Einfluss auf Meinungsbildung und Denken seiner zumeist jugendlichen Anhänger. Man darf ihn nicht unterschätzen und in erster Linie als Musiker betrachten. Kollegah wirkt viel stärker als Agitator mit kruden Ansichten. Deshalb ist es wichtig zu wissen: Wer ist dieser Mann?

Felix Antoine Blume wird vor 33 Jahren im hessischen Friedberg geboren. Die Mutter ist Deutsche, der Vater Kanadier. Die Eltern lassen sich früh scheiden, der Junge wächst in Simmern im Hunsrück auf. Über seinen algerischen Stiefvater kommt er in Kontakt zum Islam, mit 15 konvertiert Blume. Der Stiefvater gibt ihm auch seinen Spitznamen: Kollegah. Als Jugendlicher gewinnt Blume den Malwettbewerb der Volksbank Hunsrück. Thema: "Komm mit in eine andere Welt - Märchen, Mythen, Sagen". Dem Hobby bleibt er treu. Noch bis vor wenigen Jahren lässt sich Kollegah beim Malen mit Ölfarbe filmen. Als Schüler soll Blume dann des Öfteren hinter die tschechische Grenze gefahren sein und auf Märkten gefälschte Designerware eingekauft haben. Die, so geht der Mythos, verkauft er daheim über Ebay, später kommen Uhren und Schmuck hinzu. Irgendwann auch Drogen, wie er im Gespräch mit dem HipHop-Magazin "Juice" erzählte.

Es ist nicht leicht, etwas über Kollegah in Erfahrung zu bringen. Auf Interview-Anfragen reagiert er nicht. Ehemalige Vertraute wollen nicht über ihn reden. Weggefährten nehmen das schriftlich vereinbarte Telefonat nicht an oder sind nach einem Vorgespräch nicht mehr zu erreichen. Sicher ist indes, dass Kollegah sich zunächst Young Latino nennt und Kassetten aufnimmt. Die Band Eins Zwo mit dem Rapper Dendemann mag er. Beeindruckt hat ihn aber vor allem die amerikanische Gruppe N.W.A.

2005 erscheint Kollegahs "Zuhältertape", das ihm in der Szene zu einigem Ansehen verhilft. Er bewirbt sich damit bei der Düsseldorfer Plattenfirma Selfmade Records, die ihn sofort unter Vertrag nimmt. Kollegah zieht 2007 nach Düsseldorf um; dem Vernehmen nach bewohnt er heute ein Haus mit Garten im Stadtteil Oberkassel. In rascher Folge veröffentlicht er nun seine Alben: "Boss der Bosse" (2006), "Alphagene" (2007), "Kollegah" (2008), "Bossaura" (2011), "King" (2014), "Imperator" (2016). Die Platten werden immer erfolgreicher, 2016 platzieren sich alle 17 Stücke seiner vierten Lieferung in der "Zuhältertape"-Reihe in den Single-Charts. Das gab es noch nie.

Kollegah bedient das Genre des Gangsta-Rap. Darin geht es darum, sich als gesellschaftlicher Außenseiter zu inszenieren, Härte zu beweisen, sich abzugrenzen und selbst anzupreisen. Das Personal in diesem Schauspiel besteht aus Zuhältern, Dealern, Kriminellen. Die Sprache ist extrem. Frauenfeindlich, antisemistisch. In dem aus den USA importierten Genre erregt Kollegah Aufmerksamkeit durch bemerkenswert produzierte Stücke, auf die er schneller rappt als andere deutsche Künstler. Parallel dazu beginnt er 2009 mit Farid Bang die Battle-Rap-Reihe "Jung, brutal, gutaussehend", auf der die beiden vor allem austeilen und sich sprachlich zu überbieten versuchen.

HipHop ist die populärste Musikrichtung der Welt. Man kann in dieser Musik gesellschaftliche Entwicklungen sehr gut ablesen. Die Gattung Gangsta-Rap hat sich als letzte Möglichkeit etabliert, mit der Jugendliche über die Musik Abgrenzung zum Ausdruck bringen können. Kollegah und Farid Bang treiben das Spiel auf die Spitze, über jede Ekelgrenze hinaus. So ist die gesteigerte Brutalität in Sprache und Ausdruck zu erklären, die diese Kunstform prägt. Im Gangsta-Rap gibt es keine Moral, keine Tabus. Krass-Sein im Superlativ. Bilanz: Das aktuelle Album wurde mehr als 30 Millionen Mal gestreamt.

Kollegah ist ein Exot in der marokkanisch und türkisch geprägten Gangsta-Rap-Szene. Er inszeniert sich als Boss, trägt Anzüge, raucht Zigarre. Ein als "Butler" titulierter Gefährte hielt sich in seinem Dunstkreis auf. Er umgibt sich stets mit einem Heer von Bodybuildern. Düsseldorf ist ein Zentrum dieser Rap-Szene. Wie man hört, trifft man sich etwa in einem Luxushotel im Hafen zum Zigarrerauchen und zur Lage-Besprechung. Außerdem in Shisha-Bars und in einem Kampfsport-Studio nahe dem Hauptbahnhof.

2016 ist das entscheidende Jahr in der Karriere Kollegahs. Er gründet sein Label Alpha Music Empire. Und: Kollegah macht eine enorme körperliche Veränderung durch. Angeblich innerhalb von 90 Tagen und nur durch Training verwandelt er sich in einen "stahlharten Krieger", wie er selbst sagt. Das Programm, das den Weg zum "Kingkörper" ermöglicht, bietet er unter dem Namen "Bosstransformation" im Internet an. Kosten: 197 Euro. Angeblich machen bereits 10.000 Leute mit. Zugleich vertreibt er eine eigene Modelinie: "Deus Maximus". T-Shirts gibt es ab 24.99 Euro.

Noch wichtiger als die Ausweitung seines Geschäftsfelds ist die neue gedankliche Ausrichtung Kollegahs. Bisher spielte er seine Rolle als Gangsta-Rapper augenzwinkernd. In Interviews bezeichnete er den Deutschrap als "Maskenball". Er unterschied zwischen Kunstfigur und echtem Leben, in dem er Jura in Mainz studierte, wie er immer wieder zu Protokoll gab. "Wenn ich so übertreibe, merkt doch jeder, dass ich übertreibe", sagte er 2013 im WDR. Er machte klar, dass Rapper im Grunde Schauspieler sind. Bei Robert De Niro, der so gut Mafia-Mörder spielen kann, nimmt niemand an, dass er auch privat der Mafia zugehört. Eine ähnliche Deutungsweise forderte Kollegah für Rapper als Performancekünstler ein.

Inzwischen trennt er die Sphären offenbar nicht mehr. Er befördert über seine Kanäle Verschwörungstheorien. Er glaubt an die Illuminaten, aber nicht an die Evolutionstheorie, wie die Zeitung "Die Welt" auflistet. Er geht davon aus, dass die deutsche Presselandschaft "von oben" gesteuert sei. Er deutet an, Hillary Clinton und Barack Obama seien Teil eines Pädophilenrings, und er bietet Journalisten, die "objektiv" darüber berichten, 25.000 Euro. Im Video "Apokalypse" zeigt er das Böse als Herrschergestalt mit Davidstern-Ring.

Kollegah spricht in seinen Videos in einer Tonlage zwischen Motivationstrainer und Prediger. Als die Diskussion um seine Texte im Vorfeld der Echo-Gala begann, teilte er in einem Video gegen die Medien aus und bezeichnete seine Fans als seine Armee: "Die wollen diesen Krieg, die kriegen diesen Krieg."

Fachleute, die Einblick in die Zugriffsquoten bei Streaming-Diensten wie Spotify haben, beobachteten explosionsartig gestiegene Zugriffe auf die Musik von Kollegah in den Tagen nach der Echo-Verleihung, die sich jetzt auf hohem Niveau stabilisiert habe. Kollegah sitzt an der kaum zu überschauenden Straßenkreuzung zwischen Kunstfreiheit, Toleranz und Empörung und deutet feixend auf die toten Winkel der offenen Gesellschaft. Ein Wirrkopf wie Xavier Naidoo ist noch auf die Gunst von Institutionen angewiesen, auf Einsätze im Radio, Plattenverkäufe und Konzertveranstalter. Kollegah hingegen ist darüber erhaben, er ist weitgehend unabhängig.

Das alles muss man wissen. Denn für den Musiker Kollegah mag sich der Echo-Skandal kurzfristig gelohnt haben. Der Agitator Kollegah sollte nicht genauso erfolgreich sein.