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| 18:44 Uhr

Cottbus
Wenn Verwandlung alle verändert

Regisseur Ronny Jakubaschk (l.) während einer Probe mit den fünf Schauspielern, die über „Die Verwandlung“ nachdenken.
Regisseur Ronny Jakubaschk (l.) während einer Probe mit den fünf Schauspielern, die über „Die Verwandlung“ nachdenken. FOTO: Marlies Kross
Cottbus . Franz Kafkas berühmte Erzählung „Die Verwandlung“ hat am Samstag am Staatstheater Cottbus Premiere. Ronny Jakubaschk hat eine eigene Fassung der Erzählung für die Theaterbühne erarbeitet. Für den aus Cottbus stammenden Regisseur ist es die erste Inszenierung am Staatstheater. Von Ida Kretzschmar

Ronny Jakubaschk hatte noch nicht einmal das Abitur in der Tasche, da wurde er schon zur ersten Grünebaum-Preisverleihung ins Staatstheater Cottbus eingeladen. Gemeinsam mit der Theaterliga des Gymnasiums Cottbus-Land, das frischen Theaterwind in Cottbus aufgewirbelt hatte, stand er neben den ersten Max-Grünebaum-Preisträgern Gesine Forberger und Oliver Bäßler und war mächtig stolz auf den Förderpreis 1997. „Hier bricht eine junge, nichtprofessionelle Truppe eine Lanze für die Unentbehrlichkeit des Theaters“, hieß es in der Laudatio.

Seither sind fast 20 Jahre vergangen. Und wieder ist Ronny Jakubaschk aufgeregt und stolz, auch wenn er sich das nicht gleich anmerken lässt. Der 38-Jährige wird am Samstag seine erste Premiere am Staatstheater Cottbus haben. „Es ist ein schönes Gefühl, dorthin zurückzukehren, wo einst meine Theaterleidenschaft geweckt wurde, hier etwas auf die Bühne zu bringen, was in Cottbus noch nie auf dem Spielplan stand“, sagt er.

Er erinnert sich noch ganz genau, wie ihn bei seinen ersten Besuchen im Staatstheater gemeinsam mit der Großmutter und den Eltern „Hänsel und Gretel“ und „Die Zauberflöte“ in ihren Bann zogen. „Das war eine so große Faszination, dass ich bald jede Woche ins Theater gegangen bin“, schildert er die Zeit, als nach der Wiedervereinigung der deutschen Staaten nicht nur alle Sicherheiten wegbrachen, sondern auch eine Aufbruchstimmung um sich griff, die ihn mitten in der Pubertät regelrecht mitriss.

„Es herrschte eine große Offenheit für Experimente. Mit unserer Theatergruppe fanden wir im Glad-House eine Bühne, in Staatstheater und Konservatorium Kooperationspartner. Jedes Jahr brachten wir Schüler eine Theateraufführung heraus. Das neugegründete Piccolo-Theater, wo ich zwei Jahre den Jugendklub leitete, und das Theater an der Wendeschleife boten weitere Möglichkeiten, Regie zu führen. Es war eine produktive Zeit“, weiß der junge Regisseur, der nicht der Einzige jener junger Lausitzer Theaterwilden ist, die die Leidenschaft zum Beruf machten. Auch Alexandra Wilke und Alexander Marusch wurden Regisseure.

Ronny Jakubaschks Bewerbungen dafür gingen zweimal ins Leere. Er sei noch zu jung für ein Regiestudium, hieß es. Zur Jahrhundertwende leistete er erstmal Zivildienst bei der Betreuung Schwerstbehinderter. Er hospitierte am Staatstheater, als Christoph Schroth Utopien in seinen „Zonenrandermutigungen“ entwickelte.

Er verfasste für das Cottbus-Magazin „Hermann“ Porträts Theaterschaffender. Und studierte schließlich Dramaturgie in Leipzig. „2006 habe ich mein Diplom erhalten. Obwohl ich drei Angebote hatte, als Dramaturg zu arbeiten, habe ich nie in dem Beruf gearbeitet, sondern ergriff die Chance, Regieassistent am Maxim-Gorki-Theater Berlin zu werden. Ein besseres Sprungbrett für meinen Berufseinstieg als Regisseur konnte es kaum geben“, sagt er heute.

Zehn eigene Inszenierungen in drei Jahren kann er dort für sich verbuchen. Und als er dann 2009 freischaffender Regisseur wird, gibt es für ihn nicht nur Angebote in Deutschland. Drei Jahre arbeitet er in Basel, das Goethe-Institut lockt ihn sogar ins ferne Sibirien. Ein Cottbuser, der die Theaterlandschaft durchpflügt, immer wieder zu Theaterfestivals eingeladen wird. Er inszeniert in Aachen, Bielefeld, Berlin, in Dortmund, Dresden und Düsseldorf, in Frankfurt am Main, Halle, Jena, Karlsruhe, Leipzig, Mainz, Neuss, Oldenburg, Rostock, Trier... und am Cottbuser Piccolo.

„Die Mischung aus verschiedenen Theaterauffassungen hat mich geprägt. Einerseits Christoph ­­Schroths Idee des Volkstheaters, das sich mit Geschichten und deutscher Geschichte auseinandersetzt und dafür eine sinnliche und spektakelhafte Form findet. Andererseits Armin Petras, dem ich in Frankfurt und Berlin begegnet bin. Er zielt auf ein sehr energetisches Theater, das auch sinnlich, aber wesentlich brüchiger daherkommt und Anleihen aus der Popkultur nicht scheut.“

Und so hat sich auch Ronny Jakubaschk angewöhnt, Theater immer aus der Gegenwart heraus zu denken und gleichzeitig der Geschichtsvergessenheit entgegenzuwirken.

Gemeinsam mit seinem Freund, dem Dramaturgen Ulrich Beck, lebt Jakubaschk in Berlin. Und doch kommt er immer wieder gern nach Cottbus, auch wegen der Eltern, die sich, so glaubt der 38-Jährige, wohl einen bodenständigeren Beruf für ihn gewünscht hatten und doch über seine so große Theaterneugier staunen.

Seine Großeltern aber leben leider nicht mehr. „Die Zeitzeugen verschwinden, die Krieg und Nachkriegszeit durchlitten haben, die aus persönlicher Erfahrung warnen können. Damit geht auch die Sensibilität im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit verloren, wird offen mit Ressentiments gespielt“, sagt der Regisseur, der auch deshalb eine eigene Fassung der berühmten Kafka-Erzählung für die Cottbuser Theaterbühne erarbeitet hat. „Kafka betrachtet Fremdsein und Fremdwerden auf eine Weise, die noch nach 100 Jahren ihre Gültigkeit hat“, sagt er.

Eines Morgens wacht Gregor Samsa auf und ist in einen Käfer verwandelt. Nicht nur er ist irritiert. Auch seine Umgebung, die Familie. Das interessiert Jakubaschk an dem Stoff: „Wie verhalten sich Menschen, wenn plötzlich alles, was man gesichert glaubte, infrage gestellt ist, wenn ein Familienmitglied sich so verwandelt hat, dass eine normale Kommunikation nicht mehr möglich ist?“ Kafka beschreibe frappierend, wie sich auch die Umgebung verwandeln muss, wenn man trotz einer ungeheuren Ausnahmesituation miteinander leben will. Alle müssen aktiv werden, sich verändern, für ihr Leben sorgen. Irgendwann wird Abscheu und Entsetzen übermächtig, sehen die fünf, die Gregor am nächsten standen, ihn nicht mehr als Menschen. Während sie noch darüber debattieren, wie man das Ungeziefer loswerden, abschieben, verjagen kann, ist es längst erledigt, zur Hülle geworden. Gregor atmet nicht mehr.

„Es ist eine große Provokation, die uns Kafka hinterlassen hat“, sagt Jakubaschk: „Es geht um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Miteinander. Den Käfer bekommt niemand zu Gesicht. Ich überlasse es der Fantasie der Zuschauer, mit welcher Form von Außenseitern sie es zu tun bekommen. Sie sollen sich selbst befragen: Flüchtlinge, Kriminelle, Alzheimer-Kranke... Wer ist der Fremde, der mein gewohntes Leben bedroht, mich zu Veränderungen zwingt?“

Einen ganz persönlichen Publikumsblick erhofft sich der Regisseur von diesem Theaterabend, der so viel Diskussionsstoff in sich birgt: „Ein guter Anlass, weiter zu debattieren – gerade jetzt in Cottbus.“