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| 15:06 Uhr

Punk-Kabarett in Berlin
Die Tiger Lillies: Der kriminelle Kastrat kommt nach Berlin

 Die Tiger Lillies, Jonas Golland, Martyn Jaques und Adrian Stout (v.l.) kommen Ende des Monats nach Berlin. Geschminkt. Garantiert.
Die Tiger Lillies, Jonas Golland, Martyn Jaques und Adrian Stout (v.l.) kommen Ende des Monats nach Berlin. Geschminkt. Garantiert. FOTO: LR / Daniela Matejschek
London/Berlin. Seit 30 Jahren singen die Tiger Lillies von Mord, Totschlag, Angst und Leid. Statt Heavy Metal aber verarbeiten sie ihre Geschichten in Musik, die auch von Kurt Weill stammen könnte. Ende Oktober ist das Trio in der Hauptstadt zu Gast.

„Ich kreuzige Jesus, schlage die Nägel ins Holz“ – was sich entweder wie eine provokante Zeile aus einem Roman, einem Drama oder allenfalls einer Zeile aus einem Heavy Metal-Song anhört, stammt aus einem der bekanntesten Songs der Tiger Lillies. Hit? Dafür ist das Trio aus England vielleicht nicht bekannt genug.

Trotzdem – die Tiger Lillies haben sich in den vergangenen 30 Jahren in einer ganzen Reihe von Ländern eine ordentliche Fangemeinde erspielt. Um Konkurrenz müssen sich Martyn Jaques, Adrian Stout und Jonas Golland kaum Gedanken machen. Dafür sind die Lillies einfach zu einzigartig.

Jaques singt im Falsett, der Kopfstimme. Gut, das tut Barry Gibb von den Bee Gees auch, was sich bei Letzterem aber wunderbar schmachtend anhört, erinnert bei Jaques vielmehr an quietschende Autobremsen, Stühle, die über den Boden schleifen, den berühmten Fingernagel an der Schultafel – schaurig. Martyn Jaques, auf der Bühne zu einer gruseligen Clowngestalt maskiert, nennt sich selbst „Criminal Castrato“, krimineller Kastrat. Früher kastrierte man Jungen, damit sie in ihrer späteren Sängerkarriere ihre hohe Stimme behalten konnten. Schaurig. Schon wieder. Und irgendwie passt diese brutale Praxis aus vergangenen Jahren in die Welt der Tiger Lillies.

Die Musik der Tiger Lillies zu beschreiben, ist gleichzeitig schwierig und leicht. Letzteres zumindest dann, wenn einem die Kompositionen von Kurt Weill vertraut sind. Weill hat die Musik für Dramen von Bertolt Brecht geschrieben, die Dreigroschenoper, Mahagonny. Die Tiger Lillies spielen ihre Kompositionen mit akustischen Instrumenten, mit einem Akkordeon, das Martyn Jaques ziemlich sicher beherrscht, mit Gitarren, einem Kontrabass, einem kleinen Schlagzeug, einer Ukulele, manchmal einer Singenden Säge. Die Tiger Lillies bezeichnen sich auch als Punks. Die allerdings sind musikalisch doch eher für elektrische Instrumenten bekannt.

Selbst das nahezu allwissende Internetlexikon Wikipedia stolpert bei den Lillies über eine eingermaßen nachvollziehbare Beschreibung der Musik. Da ist von Kunstmusik, Zirkusklängen die Rede. Dazu kommen begriffe wie Vaudeville, Kabarett und britischer Humor. Da bleibt der Gedanke an Monty Pythons Kultfilm „Das Leben des Brian“ nicht aus. Auch da wird ein falscher Jesus ans Kreuz genagelt, während am Nachbarkreuz ein vergnügtes Mitopfer den Welthit „Always look on the bright side of life“ trällert.

Ja, der Vergleich von dem britischen Komiker-Ensemble Monty Python und den Tiger Lillies ist gar nicht so verkehrt, auch, wenn er dann doch ein bisschen hinkt. Hinter dem schwarzen Humor und dem ungewöhnlichen und doch durchaus ansehnlichen Auftreten des Trios steckt einerseits tiefgründige Erzählkunst, andererseits musikalisches Können.

Martyn Jaques rühmt sich damit, in jungen Jahren über einem Bordell im Londoner Stadtteil Soho gewohnt zu haben und jahrelang seinen Falsettgesang geübt zu haben. Die Instrumente, die er spielt – und das sind nicht wenige – hat er selbst zu spielen gelernt. Er sei stolz darauf, sowohl in Theatern, schmierigen Kneipen, Zirkuszelten und Opernhäusern gespielt zu haben. Seine Musik war vor einigen Jahren auch in Cottbus zu hören, als das Staatstheater „Shockheaded Peter“ auf die Bühne gebracht hat. Die Tiger Lillies waren maßgeblich an der Entstehung des Musicals beteiligt, das auf der Geschichte des Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann basiert. Andere Alben der Band basieren auf Hamlet von Shakespeare oder Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Die Band setzt sich über ein ganzes Album hindurch mit den Todsünden auseinander, blickt auf das Leben im Zirkus. Fast 50 Alben hat die Band in ihrer 30-jährigen Geschichte veröffentlicht. Rekordverdächtig.

Am 25. Oktober sind die Tiger Lillies in Berlin zu Gast. Um 20 Uhr startet das Konzert im Berliner Ensemble, ganz passend am Bertolt-Brecht-Platz in Altglienicke. Karten gibt es online bei Eventim.