Zuerst musste er seine Freude ausdrücken, wieder einmal in Cottbus zu sein. Er betrachte Deutschland als seine zweite Heimat und Cottbus darin als ein besonderes Zuhause. In Deutschland wisse er seine treuesten Leser, und Cottbus sei mit seinem Festival des osteuropäischen Films ein Stützpunkt für die Künstler der kleinen Nationen. Weil die Globalisierung zwar Grenzpfähle niederreiße, aber auch die Völkervielfalt bedrohe, und weil Hollywood mit seinen finanziellen Mitteln und Werbe-strategien die große Kunst verdränge, ist das Festival eine große Hilfe. Festivalchef Roland Rust ging das wie Öl hinunter. Eine Stimme, die weltweit etwas gilt, bekennt sich zu Cottbus.
Mit der Stimme hatte der Abend übrigens viel zu tun. Wer das Wort „Stimme“ als einen Begriff für veröffentlichte, weil geäußerte Meinung nimmt, konnte hörbar die Stimme Aitmatows als deutliche Kritik an den negativen Folgen der Globalisierung und an dem verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen des wunderbaren blauen Planeten vernehmen. Die Stimme eines Propheten, der den Untergang der Zivilisation für möglich hält, aber auch eine große Chance sieht zur Umkehr und zum rechten Gebrauch aller naturgegebenen Dinge.
Aitmatows erste Heimat liegt im Tienschan. Deutsch heißt das Himmelsgebirge. Dessen höchster Gipfel reicht bis in 7439 m ü. M. Dort oben lebt, als ein heiliges Tier angesehen, der Schneeleopard. Eine bedrohte Art. Die „Stimme aus dem Himmelsgebirge“ , der wir schon die ebenso wunderbaren und poetischen wie brisanten und kritischen Romane „Ein Tag länger als ein Leben“ , „Die Richtstatt“ und „Das Kassandramal“ verdanken, zeigt diesmal, wie gewissermaßen alles von der Globalisierung beeinflusst wird. Vor nichts macht sie halt, nicht vor dem gemaßregelten kritischen Journalisten Arsen Samantschin, nicht vor der begnadeten Opernsängerin Aidana, die sich den profitablen Verlockungen der billigen Massenkultur hingibt, nicht vor dem Schneeleoparden Dscha-baars, nicht vor einem Bergdorf.
Drei Ausschnitte aus seinem Buch stellt Aitmatow an diesem Abend vor. Eine herzzerreißende Tiergeschichte über den bei der Jagd versagenden alternden Dscha-baars, der sich traurig in die Einsamkeit zurückzieht; Arsens Künstlerschicksal, der seine Geliebte an den Kultur-Bisnes (im Roman für Business, Geschäft) verliert; den Beginn einer Abenteuergeschichte: wie zwei steinreiche arabische Prinzen in die von Arbeitslosigkeit und Armut gebeutelte Provinz kommen, um ihrem Jagdvergnügen zu frönen, während die Einwohner daraus für sich ein Service-Gewerbe machen. Arsen ist einbezogen, weil er seinem Onkel, einem Unternehmer, beisteht. Durch das gesamte Buch zieht sich die alte Legende von den Brautleuten, die kurz vor der Hochzeit getrennt werden; er ist verschollen, vermutlich tot, die „ewige“ Braut sucht ihn, ruft, weint, klagt. Aitmatow variiert die Legende kunstvoll.
Viele Konflikte sind bis dahin angedeutet. Es kommt alles noch viel dramatischer. Die Handlung entwickelt sich zu einem wahren Thriller. Mehr sei nicht verraten. Aitmatow, ein Moralist, hat eine Botschaft. Der Mensch müsse Sühne tun. Sühne, damit alle sie tun können, heißt für die „Stimme aus dem Himmelsgebirge“ nicht persönliche Schuld abtragen, sondern tätige Umkehr in eine sozial und ökologisch gerechte Gesellschaft.
Dass diese Botschaft, von ihm russisch vorgetragen, auch in Cottbus ankam, dafür sorgte, Aitmatow zur Rechten, als versierte Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt. Ihm zur Linken saß der bekannte Schauspieler Dieter Wien. Der zelebrierte feinstes Lesetheater, wusste mit seiner Stimme zu malen. Laut, leise, langsam, schnell, Pausen, Betonungen - was immer er artikulierte, wurde sofort Bild. Er ließ erleben, was er von dem Buch hält. „Das ist wunderschöne, zupackende Poesie“ , sagte Dieter Wien der RUNDSCHAU. Man kann das noch einmal und viel länger genießen. Auf sechs CDs eines Hörbuches „Der Schneeleopard“ gibt Wien demnächst der „Stimme aus dem Himmelsgebirge“ Gehör bei uns.
Tschingis Aitmatow: Der Schneeleopard. Unionsverlag Zürich. 314 Seiten. 19,90 Euro.