| 18:52 Uhr

Die Schreckgespenster des Krieges

Cottbus. Erschütternde Arbeiten von Francisco de Goya stehen im Mittelpunkt eines Ausstellungsblockes, der heute im dkw. Kunstmuseum der Öffentlichkeit präsentiert wird. Bis 1. Januar 2017 sind zwei Ausstellungen und eine Projektpräsentation zu sehen zum Thema: Krieg und seine Folgen. Ida Kretzschmar

Es ist, als befinde man sich mitten in jenem unvergessenen Film von Konrad Wolf aus dem Jahr 1971, bedrängt von Goyas düsteren Dämonen. Aber es sind nicht die albtraumhaften Monstren aus Goyas "Los Caprichos". Diese hier hat die Realität ausgespuckt. Es sind die Schreckgespenster des Krieges. Rund 80 Radierungen von Francisco de Goya (1746-1828) sind ab heute in Cottbus zu sehen. Sein Zyklus "Die Schrecken des Krieges" (Desastres de la guerra) ist erst 35 Jahre nach seinem Tode an die Öffentlichkeit gelangt.

Auf kleinem Raum, kaum doppelt so groß wie eine Postkarte ist jede Radierung, bildet Goya mit präzisen Strichen das scheußliche Gesicht des Krieges ab: Mord, Vergewaltigung, spritzendes Blut, auseinandergerissene Menschenleiber, erstorbene Schreie und Todesseufzer, Geköpfte, Geschändete und aufgetürmte Leichenberge. . .

Schockierende Bilder, die in die Gedanken- und Gefühlswelt des Betrachters eindringen, kaum auszuhalten in der Präzision der dargestellten Brutalität, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Entstanden sind die Kriegsbilder, mit Aquatinta dunkel umwölkt, in den Jahren 1810 bis 1814 vor dem Hintergrund der Besetzung Spaniens durch napoleonische Truppen. Francisco de Goya, damals Erster Maler am spanischen Hof, klagt die Gräueltaten auf beiden Seiten an und lenkt den Blick auf das leidtragende Volk. Und bei aller Düsternis gewinnt der Überlebenswille.

Man wisse nicht genau, wie viele vollständige Zyklen von Goyas Radierungen es noch gibt. "Sie werden wohlgehütet", sagt Museumsleiterin Ulrike Kremeier gestern bei der Vorstellung der Herbstvorhaben des dkw. Der in Cottbus zu sehende Grafikzyklus gehört zum Bestand der Anhaltischen Gemäldegalerie in Dessau.

Die aktuellen globalen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse haben das Kunstmuseum bewogen, diese kurzfristige Programmänderung und Focussierung auf das Thema Krieg und seine Folgen vorzunehmen. "Geografisch fernab rücken uns die Kriege der Gegenwart dennoch sehr nah. Bilder können Fragen in die gesellschaftliche Debatte werfen", sagt sie. Das habe Goya als Wegbereiter der Moderne aufs Trefflichste getan.

Zudem werden zum Thema Krieg und seine Folgen auch Fotografien und Grafiken aus Dresden und Kobane von Robin Hinsch, Richard Peter sen. und Wilhelm Rudolph aus dem Sammlungsbestand des dkw. gezeigt. Sie stehen unter dem Titel "Keiner hat uns gesagt, ihr geht in die Hölle" (ein Satz aus Borcherts Nachkriegsdrama: Draußen vor der Tür). Gleichsam als Fußnote wird dazu das Projekt "Rechtsruck. Eine fotografische Dokumentation aus den frühen 1990er-Jahren" von Ludwig Rauch mit einem Text von Michael Freitag, gelesen von Heidrun Bartholomäus, präsentiert.

Diese vom dkw. konzipierten und organisierten Ausstellungen werden ebenso wie die Projektpräsentation im Sommer 2017 in der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau gezeigt.

Die Eröffnung der drei Expositionen im dkw. findet heute, 19 Uhr, statt. Der Eintritt ist frei.

Zum Thema:
Die Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus präsentiert in einer "Ausstellung zum Mitnehmen" spanische Literatur, Musik-CDs, DVDs sowie Sachbücher über den Maler und sein Heimatland. Das Obenkino Cottbus bringt während der Ausstellungslaufzeit mit Aufführungen zweier aktueller Filme der Regisseure Pedro Almodóvar und Icíar BollaínAspekte des modernen Spaniens ins Bild. Im dkw. gibt es neben Führungen mit Ulrike Kremeier (11. Oktober, 2. November, 13. Dezember) zum ersten Mal eine zweisprachige Ausstellungsführung. Die spanische Künstlerin Marisa Maza führt am 20. November, 16 Uhr durch die Goya-Exposition. Eine Lesung von Anja Panse "So weit uns Spaniens Hoffnung trug" am 18. November, 19 Uhr rundet das Programm im dkw. ab.