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| 17:56 Uhr

Die Sache mit dem Plusquamperfekt

Eine schräge Nummer nach der anderen bietet Jürgen von der Lippe Donnerstagabend in der ausverkauften Cottbuser Stadthalle.
Eine schräge Nummer nach der anderen bietet Jürgen von der Lippe Donnerstagabend in der ausverkauften Cottbuser Stadthalle. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Der Abend beginnt mit einem durchdringenden Schrei. Sofort kommt das Echo aus dem Publikum zurück. Ida Kretzschmar

Klar. Tarzan. "Der Held meiner Jugend!" gesteht Jürgen von der Lippe, im durchaus dschungeltauglichen Hawaiihemd. Aber so einsilbig wie bei Tarzan soll es nicht weitergehen. Dafür hat Jürgen von der Lippe nicht auf Lehramt studiert. "Wie soll ich sagen. . .?" nennt er sein Programm, in dem er die Tücken der Sprache, einschließlich Plusquamperfekt, aufs Korn nimmt und so seine Spielchen treibt.

Aber das später. Bevor der Altmeister der deutschen Comedy in Cottbus seinen Sprachunterricht beginnt, lässt er schon mal alle aufstehen und mechanisch lächeln. Was er schleunigst mit seiner Kamera festhält. "Wird gleich auf Facebook hochgeladen und dazu gepostet: ,Auch in Cottbus schon am Anfang Standing Ovations'", verkündet er gut gelaunt.

Zwischendurch lästert er über den Prince of Darkness. Nein, hier geht's nicht um Heavy Metal, sondern um Heavy Präsident alias Trump. Bloß gut, dass es in Deutschland eine neue Lichtgestalt gibt. "Martin Schulz braucht kein Benzin, sein Auto fährt aus Respekt." Oder: "Wenn Martin Schulz mit der Bahn fährt, kommt er immer zu früh." Nur zwei der brandneuen Sprüche, die Jürgen von der Lippe dazu drauf hat.

Das Eigentliche des Abends aber kommt nicht zu kurz. Er erklärt, dass eine intakte Virgo (Jungfrau) ein Pleonasmus (überflüssige Häufung sinngleicher Ausdrücke) ist und verrät, dass er selbst bei Dylans "Blowin' in the wind" seine Unschuld verlor. Für Minderjährige: Auch die La-Ola-Welle ist ein Pleonasmus, weil ola auf Spanisch Welle heißt. Während er immer wieder auf den Plusquamperfekt pocht, kommen seine Lieblingsthemen Sex, Alkohol, Geschlechterkampf nicht zu kurz, wobei nach 40 Berufsjahren auch das Älterwerden ins Blickfeld seiner Charmeoffensive gerät. Der Alterspräsident der deutschen Comedy holt dabei seinen Freundeskreis mit ins Boot: Kalle, der im Internet den Kummerkasten plündert, auch der fiese Opa ist mit von der Partie. Selbst Peter Maffay, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer meint man zu hören, wenn er seine Lieder zur Gitarre singt. Mit Howard Carpendale hat er eine neue Gesangsstimme im Repertoire.

Ein begnadeter Alleinunterhalter, der den fast 1500 Zuschauern in der ausverkauften Stadthalle nahezu drei Stunden lang die Lachtränen in die Augen treibt. Zumal er nicht nur trefflich über sich selbst lachen kann, sondern auch sein Publikum dazu anstiftet. So wird der Abend immer wieder zur großen Gameshow, bei der sich Lausitzer auf der Bühne nicht nur im Fabulieren üben, sondern auch im Melodienraten. Dabei zeigt von der Lippe auch mit Inbrunst, dass seine neue Liebe dem Saxofon gehört. Eine der Freiwilligen indes darf sich auf der Nasenflöte erproben, um dann in die Ausweichdisziplin Gurgeln zu verfallen. Jede Menge Fallstricke also, die an diesem Abend in Cottbus ausgelegt werden. Wie im wahren Leben eben, wo sich von der Lippe mit automatischen Urinalen abquälen muss, Blähungen im engsten Kreis, Motivschlüpfern. Und mit dem Plusquamperfekt. . .

Wem sich die Sache mit dem Plusquamperfekt noch nicht erschlossen hat: Am Sonntag unterrichtet Jürgen von der Lippe in der Stadthalle Stern in Riesa.

Zum Thema:
Bernd Ballmüller (53), Cottbus: Ein ansprechendes Programm. Man sieht ihn ja viel im Fernsehen, weiß, worauf man sich einlässt. Er singt, macht lustige Wortspiele, lässt das Publikum mitspielen. Wirklich gut!Julia Hasselluhn (26), Bestensee: Ich bin für meine Mutter, die wegen Krankheit zu Hause bleiben musste, gemeinsam mit meinem Vater hier und den besten Freunden meiner Eltern. Bereut habe ich es keine Minute. Könnte mich auch zum Groupie entwickeln wie meine Eltern, die schon oft bei Jürgen von der Lippe waren.Manuela (49) und Karsten Helbig (48), Cottbus: Super, der Mann hat Ausstrahlung. Da kann ihm kein anderer so schnell das Wasser reichen.