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Die Retter der Glaskunst

Überall dort, wo Glasmalerei im Rheinland bedroht ist, sind sie zur Stelle: Annette und Ernst Jansen-Winkeln. Lothar Schröder

Es könnte eigentlich eine sehr schöne und zukunftsfrohe Geschichte sein, wäre ihr Anlass nicht so traurig. Denn dass dieses Ehepaar sein ganzes Wissen und wenigstens sein halbes Leben der Glasmalerei widmet, hat vor allem damit zu tun, dass diese alte und auch moderne Kunst oft aus Geringschätzung in hohem Maße bedroht ist. Die Profanierung und der gedankenlose Abriss von Kirchen beschleunigt die Vernichtung. Entsorgt nach Glas und Blei, heißt es dann lapidar in den Protokollen der Baufirmen.

Das ist der dunkle Teil dieser Geschichte, die ohne die Eheleute Annette und Ernst Jansen-Winkeln aber noch viel finsterer wäre. Weil sie, die Kunsthistorikerin, und er, der Architekt, seit Jahren zu den vehementen wie unermüdlichen Fürsprechern der Glasmalerei zählen und inzwischen auch zu den landesweit wirkungsvollsten Rettern dieser Kunst.

Wir treffen beide in ihrem Haus in Winkeln. Das ist ein ganz kleines Dorf am Rande von Mönchengladbach. Dass dieser Ort zum Zweitnamen der Familie wurde, zeigt bereits, wie wichtig ihnen Geschichte und Herkunft sind. Ernst Jansen-Winkeln, bekannter Glasmaler und Vater des Architekten, hatte sich den Doppelnamen als eine Art Bekenntnis zugelegt.

Und so schlägt das Herz der Glasmalerei ausgerechnet im kleinen Winkeln - in einem großen Backsteingebäude, das zugleich Wohnhaus und Arbeitsstätte ist, Tagungsort und Archiv. Die 1993 dort von ihnen ins Leben gerufene Forschungsstelle Glasmalerei - seit zwei Jahren ergänzt um die europäische Akademie Glasmalerei - ist Ausdruck ihres Tuns. Vielleicht klingt das alles sehr pompös, doch der Name hält, was er so groß verspricht. Weil irgendwann die beiden erkannt haben, dass nicht nur die Werkverzeichnisse noch lebender Glaskünstler der Bewahrung nützlich sind. Sondern vielmehr die Dokumentation der Glaskunst im Rheinland nötig ist - und zwar flächendeckend. Was das genau heißt? Die beiden haben in ganz Nordrhein-Westfalen, im angrenzenden Luxemburg und in der niederländischen Provinz Limburg "mal eben" 100.000 Glasmalereien fotografiert, beschrieben und eingeordnet; und dann all das in 44 dicken Bänden auch noch publiziert. Danach stellten sie alles äußerst benutzerfreundlich mit Kirchengrundrissen und Fotos ins Internet. Zum "krönenden" Abschluss der Forschungsarbeit - vor der mancher Uni-Fachbereich schon zurückschrecken würde - dokumentierten sie die Glaskunst einer Kirche, die am ungefährdetsten ist, des Kölner Doms. Bedroht sind vor allem Kirchen aus den 1950 und 1960er Jahren, die oft nicht unter Denkmalschutz stehen; erst recht nicht die in dieser Zeit vielfach geschaffenen Ornamentfenster. Doch die seien ja keine Zierde, sondern stehen meist in einer langen sakralen Tradition, so Annette Jansen-Winkeln. Ihre Geringschätzung - nicht selten in den Bistümern selbst - ist dann allein der Unkenntnis geschuldet.

Viele andere Kirchen haben keine solche Zukunftsgewissheit. Zuletzt traf es den Immerather Dom, der Abrissbaggern zum Opfer fiel. Und auch in solchen Fällen ist das Ehepaar zur Stelle. 13 Fenster immerhin konnten sie ausbauen lassen und retten - und zu den vielen anderen bewahrten Kirchenfenstern in ihr eigenes, 500 Quadratmeter großes Depot bringen. Über 650 Fenster werden dort inzwischen fein säuberlich verwahrt.

Auch das gehört zu ihrer Arbeit, die man eigentlich nicht Arbeit nennen kann. Vielmehr ist es eine Art Auftrag, den beide für sich erkannt und ohne Kompromisse angenommen haben. Weil Glaskunst mehr ist als schöne Zierde. Insbesondere in Kirchen war die Stiftung solcher Fenster immer auch Ausdruck eines Engagements der Bürger für die Gemeinschaft, ein Zeichen der Verbundenheit und natürlich ein Abbild von Werten. Mit ihrem besonderen Licht verwandeln sie jeden Raum und markieren so den Übergang von einer profanen Welt zu einem sinnstiftenden, sakralen Ort. Die geringe Beachtung der Glasmalerei wird auf diese Weise zum Spiegel einer Gesellschaft, der der Glauben zunehmend abhanden kommt. Bedenkenswert sind darum auch die Worte, die ihnen damals bei ihrer Forschungsarbeit ein Bürgermeister aus Luxemburg sagte: Wenn wir in armen Zeiten Kirchen bauen konnten, so sollte es doch möglich sein, diese in reichen Zeiten zu erhalten.

Auf einen solchen Tag der Erkenntnis aber warten die 63-jährige Kunsthistorikerin und der 81-jährige Architekt lieber nicht. Und so arbeiten sie unverdrossen weiter von morgens bis genau 18 Uhr, bis sie aus der oberen Etage ihrem Mann im Erdgeschoss per Telefon das Zeichen zum Feierabend gibt. Dann verlassen beide Wohn- und Arbeitsstätte und beschließen den Tag in einer netten Mönchengladbacher Kneipe.

Der frühere Kulturstaatssekretär von NRW, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, hat die Eheleute einmal einen "Glücksfall" genannt und sie als die "Gebrüder Grimm der Glasmalerei" bezeichnet. Das klingt arg nach verstaubter Vergangenheit. Mag sein, doch auch dieser Vergleich hat sein Tröstliches. Die Gebrüder Grimm sind bis heute bekannt und ihre Märchen nach wie vor beliebter Lesestoff. Manchmal hat die Zeit dann doch einen langen Atem.