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Die Regenzeit von der Rückseite aus betrachtet

"Vielleicht ein Bett." So nennt Matthias Körner sein großformatiges Bild aus dem Jahre 2004, Acryl/Leinwand, 120 x 250 Zentimeter.
"Vielleicht ein Bett." So nennt Matthias Körner sein großformatiges Bild aus dem Jahre 2004, Acryl/Leinwand, 120 x 250 Zentimeter. FOTO: Ida Kretzschmar
Hoyerswerda. "Zeichen" setzt Matthias Körner seit gestern in Hoyerswerda. Der Kunstraum Braugasse gibt in seiner vierten Ausstellung Einblicke in 25 Schaffensjahre des Cottbuser Malers, Grafikers, Zeichners und Fotografen. Ida Kretzschmar / ik)

Die lichtdurchfluteten Flure scheinen geradezu geschaffen worden zu sein für Körners großformatige Werke. "Der gelbe Fleck" etwa aus dem Jahre 1992, der den Betrachter magisch anzieht.

Eigentlich wollte der Maler das Bild immer bei sich behalten, gesteht er, hatte er sich doch nie vorher an so ein großes Format herangewagt. "Es war wie von selbst entstanden, innerhalb weniger Tage, ohne zu korrigieren, was bei mir selten vorkommt", erinnert er sich, wie er sich während dieser Arbeit förmlich fallen ließ. Unzulänglichkeiten, farbige Rinnsale, blieben stehen. Körners erstes abstraktes Bild. Zuvor, er hatte 1984 mit privaten Studien der Malerei begonnen, hatte es zumindest Andeutungen von Realität gegeben.

"Im Grunde aber geht es bei mir in all den Jahren immer um die gleiche Formensprache, die gleichen Sehnsüchte. Das ist eine beruhigende Erkenntnis, nicht immer nach Neuem haschen zu müssen", sagt Körner.

Dem gelben Fleck gegenüber zwei Bilder aus den frühen 2000er-Jahren. Die Formensprache ist fester, klar komponiert. "Ich höre zu Hause immer Schostakowitsch", erzählt der Maler. Für ihn ist der russische Komponist ein wichtiges Gegenüber. Diese Tragik beschäftigt ihn: wie der Musiker versucht hat, mit seiner Kunst durch die Stalinzeit zu kommen und dabei ehrlich zu bleiben. Körner spürt in dieser Musik Schmerz, Todesangst und Ironie. Sie spricht Ehrgeiz und Ungeduld an und ist auch tröstend.

Im Treppenhaus breitet sich Körners "Schwarze Landschaft" aus, korrespondierend mit dem Gegenstück - eine "weiße Landschaft", die sich scheinbar auflöst.

Nicht jedes von Körners Bildern hat einen Titel. Manchmal gibt er ihnen einen, sagt: "Vielleicht ein Bett" oder "Interieur". Aber eigentlich hofft er, dass sich der Betrachter Zeit nimmt, selbst das Bild zu ergründen. "Es entsteht ja nicht an einem Tag, und es ist auch nicht in einer Minute erfassbar. Auch das Betrachten ist ein Prozess", glaubt er. Es ist das erste Mal, dass der 63-jährige Künstler, der seit 1987 regelmäßig bei Ausstellungen im In- und Ausland präsent ist, in Hoyerswerda ausstellt. In diesem Bürgerzentrum, das einen poetischeren Namen verdient hätte, weil hier so viel Kreativität herrscht, umgeben von kreativer architektonischer Hülle. Und so entstand auch hier in der Kulturfabrik die Idee, sie dann und wann in Kunsträume zu verwandeln.

Körner freut sich, wie sich seine Bilder in diesem ungewöhnlichen Kunstraum IV mit seinen abwechslungsreichen Ein- und Ausblicken entfalten können. Mehr noch. Er vergewissert sich ihrer im fremden Umfeld. Das betrifft vor allem jenen Zyklus hinter Glas, auf dem die Farbe kaum getrocknet ist. Das Erste, was entstand, nachdem er die Bewegungslosigkeit überwand, die ihm eine Erkrankung aufgezwungen hatte.

"Regenzeit" nennt er den Zyklus. Anders als auf Leinwand werde von vorn nach hinten gemalt, so als betrachte man die Regenzeit von der Rückseite aus. Düsternis, die durchbrochen wird durch helle Linien und rötliche Farbspuren.

Matthias Körner mag die Regenzeit mit ihrer üppigen Vegetation. Das ist die Zeit, in der es ihn immer wieder ins ostafrikanische Uganda zieht. 2005 hatte er dort einen Lehrauftrag an der Makere Universität in Kampala.

Regenzeit aber vermittele auch eine Untergangsstimmung, die mit dem Zustand der Welt zu tun hat. Im nächsten Jahr will er gemeinsam mit dem Fotografen Alexander Janetzko eine große Ausstellung in der Galerie Haus 23 in Cottbus der Regenzeit widmen.

Hochaktuell sind seine wohl wichtigsten Arbeiten der vergangenen Jahre: Körners "Apostel", für die er zum zweiten Mal den Brandenburgischen Kunstpreis erhielt. Ein Film des griechischen Filmemachers Theo Angelopoulos über Flüchtlinge, schwarze Gestalten in der Schneewüste, hatte ihn so beeindruckt, dass ihn das Thema nicht mehr losließ.

Wie fühlt man sich, wenn man nicht weiß, wohin, Ballast herumschleppt?" Seine zwölf Apostel geben berührende, auch verstörende Antworten: Es sind Ausgestoßene, Vertriebene, Herumgeschubste, Heimatlose, Suchende. Körner erzählt, wie er der Figuren in der Landschaft nicht habhaft wurde und so auf den Gedanken kam, reale Menschen mit Reiseutensilien zu fotografieren.

Seit Jahren entwickelt er eine Technik für sich weiter, die Intagliotypie. Ein Edeldruckverfahren, das es ihm ermöglicht, Zeichnung, Malerei und Fotografie in einem Bild zu vereinen.

Fotografiken wecken dann noch einmal Neugier auf Uganda. Neben einem Schwein, das sich sichtlich wohl im Regen fühlt, Marabus. Nicht gerade beliebt sind die Vögel in Afrika. Dem Grafiker aber konnte nichts Besseres über den Weg laufen: Wie auf einem Altar breitet ein Marabu seine Flügel aus. Ein wahrhaft göttliches Bild.

Zum Thema:
Der Berliner Maler Michael Kruscha ist Ausstellungsmacher für die Kulturfabrik Hoyerswerda. Zur Eröffnung des neuen Hauses 2015 gestaltete der gebürtige Hoyerswerdaer das Café mit einem Wandbild - in Anlehnung an das Hoyerswerdaer Tanzprojekt "Eine Stadt tanzt". Der Kunstraum versteht sich als Ausstellungs - und Projektraum für zeitgenössische Kunst. Er wurde im September 2016 mit "Gebrochene Landschaften" von Thomas Kläber, Jürgen Matschie, Michael Kruscha und Andreas Schnögl eröffnet. Die Ausstellung von Matthias Körner: "Rückblick auf 25 Jahre Malerei, 1992 - 2017" ist bereits die vierte im Kunstraum. Sie ist bis 15. Oktober, Mo. bis Frei. von 10 bis 18 Uhr und zu Veranstaltungen am Wochenende in der Braugasse 1 in Hoyerswerda zu sehen. (ik) www.kunstraum-braugasse.de