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| 09:29 Uhr

Die Quadratur des Kreisels

Mittlerweile gibt es an jedem Ortseingang einen Kreisverkehr, und für gewöhnlich sind sie von Kunstwerken und Ortsüblichem besetzt. In Monheim soll nun ein Geysir in der Mitte des Kreisels entstehen. Klas Libuda

Geysire entstehen, wenn heißes vulkanisches Gestein unterirdisch auf Wasser trifft. In Monheim sind nur noch eine Machbarkeitsstudie und ein Verkehrsgutachten nötig. An der Ecke Krischerstraße/Kapellenstraße - parallel zum Rhein - soll künftig eine Quelle sprudeln. Die Stadt hat als Standort einen Kreisverkehr ausgeguckt. Im Zentrum des Kreisels soll eine Fontäne mehr als zehn Meter hoch in den Himmel schießen.

415.000 Euro wird der "Monheimer Geysir" die Stadt wahrscheinlich kosten. Es ist eine Arbeit des in Düsseldorf lebenden Künstlers Thomas Stricker. Der Schweizer hat schon einmal einen Blitz aufgestellt und in Düsseldorf eine U-Bahnstation grandios in eine Raumstation verwandelt. Nun also möchte er in einem Kreisel einen Geysir anlegen - ein Kunstwerk, der Natur nachempfunden, wäre das. Jüngst waren studentische Hilfskräfte unterwegs, um den Verkehr zu zählen. Wenn alles begutachtet und für gut erachtet ist, kann gebaut werden.

Strickers Geysir im Kreisel von Monheim (Kreis Mettmann) wäre ein Novum, ein neues Kapitel im Katalog der Kreisverkehr-Kunst. Seit Anfang der 90er Jahre ein Bauboom an den Einfallstraßen deutscher Ortschaften einsetzte und Straßenverläufe kreisförmig abgerundet wurden, ist das bisschen Fläche inmitten der sogenannten Kreisfahrbahnen zum begehrten Fleckchen Erde geworden. Heimatvereine und ortsansässige Unternehmen konkurrieren dort mit Künstlern und Gartenämtern um volle Aufmerksamkeit. In vielen Fällen soll die Kreiselmitte etwas über jenen Ort aussagen, in dem man sich gerade befindet.

In Bad Reichenhall hat sich der örtliche Salzhersteller ein Denkmal gesetzt: einen 6,50 Meter hohen Salzstreuer. In Wipperfürth schweißen Roboterarme auf einem Kreisel einen Kleinwagen zusammen, gestiftet von einer Firma für Industrieautomaten. In Langenfeld haben sie neulich die Ungeheuer-Gartenskulptur "Nessie" um ein Blumenbeet erweitert, das eine 70 bildet - pünktlich zum Stadtgeburtstag. Und in Emmerich steht ein roter Eimer, vier Meter breit, fünf Meter hoch - wie dem Stadtwappen entsprungen. Das einstige Prinzenpaar Friedhelm I. und Lisa I. übergab den Eimer einst als Geschenk an den Bürgermeister der Stadt. Im Sommer 2010 hob ihn ein Kran auf seinen Sockel, seitdem wird er dort umkreist.

Der Kreisverkehr ist ein seltsam liberales Gebilde; alles Autoritäre von Ampelanlagen ist ihm fremd. Frankreichurlauber kommen regelmäßig ins Schwärmen, denn im Kreisel regelt sich alles wie von selbst. Solange sich nicht mehr als 25.000 Autos pro Tag hindurchschlängeln, sagt die Wissenschaft. Andernfalls droht das System zu kollabieren. Im besten Fall aber ist im Kreisel alles im Fluss, vielleicht regt er deshalb so sehr die Kreativität an.

Über Sinn und Unsinn lässt sich oftmals streiten, gerade wenn es um Kunst im Kreisel geht. In Grevenbroich steht ein regenbogenbunter "Turmkater" auf einem Kreisel und ist dort zur Landmarke geworden. Oftmals aber stehen auf den Kreiseln schlichtweg Blech und Bronze, und kaum ist man rechts rausgefahren, hat man sie wieder vergessen. "Immer ist es was Modernes, Abstraktes, nie sagt er: Das ist ein Bauer auf dem Weg zum Heuen, da ist der Kopf, da ist der Leib, und das da ist die Heugabel. Der Künstler sagt: ,Sehgewohnheiten' und ,infrage stellen'", schreibt Bov Bjerg in seiner Erzählung "Im Kreisel", einer Geschichte über das Nachhausekommen. Mit der gleichen Lust, mit der Kreisverkehre gestaltet werden, wird hierzulande darüber gestritten. Es allen recht machen zu wollen, ist die Quadratur des Kreisels. Auch in Monheim ist das so. Zunächst entschied sich dort eine Kommission für den Geysir von Thomas Stricker, anschließend zog der Meinungsaustausch Kreise.

Die einen sorgen sich um Algenbefall, um die nahe Bebauung und die Kosten. Die anderen sehen die Eruptionen des Kunst-Geysirs als Metapher für den Aufbruch Monheims in eine neue Zeit. Leisten kann es sich die Stadt. Vor Jahren wurden die Steuern gesenkt, was Unternehmenszuzüge und steigende Steuereinnahmen zur Folge hatte. In Monheim sprudelt das Geld und bald eine heiße Quelle, wurde gespöttelt. Dass ausgerechnet an einem Kreisverkehr eine Ampel auf Rot schalten soll, wenn der Geysir losprustet, halten manche für Irrsinn. Lieber sollte man die alte Ölpumpe aus einer Raffinerie-Halle aufstellen, schlugen wieder andere vor.

"Wenn wir einen Springbrunnen wollen, dann lassen wir ihn von Handwerkern bauen. Mit Kunst hat das nichts zu tun", sagte ein CDU-Mann. Nie wurde in Monheim so viel über Kunst diskutiert, sagt Katharina Braun.

Braun ist in Monheim Projektleiterin für Kunst im öffentlichen Raum, sie hat den Auswahlprozess begleitet, in dem sich die Stadt auch für zwei weitere Objekte in Kreisverkehren entschied, eine Plattenspieler-Skulptur und ein skulpturales Häuserpaar. Braun ist Geysir-Befürworterin. Sie freut sich, dass namhafte Künstler Konzepte einreichten. "Ich weiß, Kreisverkehr-Kunst ist verpönt", sagt sie.

Braun meint: "Wir tun uns keinen Gefallen damit, hier beliebige Kreisel-Kunst aufzustellen." Wahrscheinlich hat sie recht. Zum mythischen Ort soll der Kreisverkehr werden, Schulklassen sollen vorbeilaufen und sich fragen, wann der Geysir zum nächsten Mal ausbricht. Ab und an soll die Fontäne schließlich gen Himmel stoßen. Jeden Sonntag, schlugen manche vor. Braun sagt, der Ausbruch soll gerade nicht zeitlich vorbestimmt sein.

Der Geysir wird damit zu einem Versprechen auf das kurze Glück. Welches Kunstwerk im Kreisel kann das schon von sich behaupten?