Stattdessen begegnen dem Besucher überall die Brüche, die kleinen Makel und großen Wunden, die die Zeit geschlagen hat. Doch wer das mag, den erwartet in dem sanierten klassizistischen Bau ein atemberaubender Gang durch die Geschichte. Mehr als 60 Jahre nach seiner Zerstörung ist das knapp 20 000 Quadratmeter große Gebäude auf der Museumsinsel fertig restauriert. "Nach elf Jahren Arbeit gebe ich den Schlüssel heute nur sehr, sehr widerwillig her", scherzte der Architekt David Chipperfield am Donnerstag anlässlich der offiziellen Schlüsselübergabe an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In mühevoller Detailarbeit hatten der Brite, sein Restauratoren-Team und die Denkmalschützer der Stadt das 150 Jahre alte Gebäude, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war, Saal für Saal wieder instand gesetzt. "Wir haben über jede Wand in dem Gebäude diskutiert", erzählte Chipperfield. Ohne diese "unglaubliche Zusammenarbeit" hätte er ein dermaßen komplexes Projekt nie bewältigen können. Tatsächlich hatte Chipperfield eine höchst sensible Aufgabe zu bewältigen. Das Neue Museum gehört zu dem Ensemble aus fünf Häusern auf der Museumsinsel in Berlin. Friedrich August Stüler hatte es zwischen 1841 und 1855 als Ergänzung zum Alten Museum errichtet, um darin die Geschichte der Antike aufleben zu lassen - Wandmalereien, Deckenfresken, Mosaikböden und nachgebildete Säulen sollten den Besuchern die die Zeit der Ägypter, Griechen und Römer nahebringen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Neue Museum stark beschädigt, in Teilen sogar völlig zerstört. Zu DDR-Zeiten blieb es lange ungeschützt als Ruine stehen, bevor Mitte der 1980er-Jahre erste Bestandssicherungen vorgenommen wurden. Nach der Wiedervereinigung schrieb die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwei Wettbewerbe zum Wiederaufbau des Museums aus. Den zweiten gewann Chipperfield 1997 gemeinsam mit dem Restaurierungsarchitekten Julian Harrap. Für seine Arbeit verordnete sich Chipperfield zwei Prinzipien: die Ideen Stülers zu bewahren und mit dem vorhandenen Originalmaterial zu arbeiten. Umso irritierender fällt für viele das Ergebnis aus. Denn wo Ergänzungen nötig waren, weil etwa Mauerteile fehlten, stellt der Brite dem Historischen einen radikal modernen Stil gegenüber. Ein speziell gefertigter Beton aus Weißzement und sächsischem Marmor zieht sich in klaren, strengen Linien durchs Haus und hebt gerade durch seine Schlichtheit das ursprüngliche Stüler-Dekor umso stärker hervor. Und wo die originalen Elemente erhalten, aber beschädigt waren, beschönigt Chipperfield nichts: Im prachtvollen Nordkuppelsaal etwa, wo ab Oktober die weltberühmte Büste der ägyptischen Königin Nofretete zu besichtigen sein wird, sind die Wandmalereien unter der achteckigen Kuppel nur noch in Teilen zu sehen. Der Mosaikfußboden ist von schlichtem Beton durchzogen. Und im Treppenhaus finden sich noch die Einschusslöcher aus den letzten Kriegstagen. Überall im Haus fehlen Ecken an den Marmorsäulen, Teile der zarten Deckenmalereien oder einfach der Putz an der Wand. "Wir haben uns nicht erlaubt, etwas nachzustellen oder zu überformen", erläutert der Chef des Landesdenkmalamtes Berlin, Jörg Haspel. Das Ergebnis strahle eine "hohe Sinnlichkeit und die Poesie Stülers" aus, auch weil sich Chipperfields moderne Architektur "nirgendwo in den Vordergrund drängt und dem Historischen die Show stiehlt". Ab dem 16. Oktober werden im Neuen Museum die Exponate des Ägyptischen Museums und des Museums für Vor- und Frühgeschichte ausgestellt - 70 Jahre nach seiner Schließung. Die Nofretete, die derzeit im Alten Museum zuhause ist, kehrt dann an ihren ursprünglichen Ausstellungsort zurück. AFP/pb