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| 18:04 Uhr

Theaterluft
„Sturm“ in stürmischen Zeiten

In diesem Jahr wird die neue Bühne zum Theaterschiff, auf dem die Zuschauer frechen Fischweibern, smarten Bootsmännern und wagemutigen Seeleuten begegnen, die mit ihnen zu neuen, unbekannten Abenteuern in See stechen.
In diesem Jahr wird die neue Bühne zum Theaterschiff, auf dem die Zuschauer frechen Fischweibern, smarten Bootsmännern und wagemutigen Seeleuten begegnen, die mit ihnen zu neuen, unbekannten Abenteuern in See stechen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Die neue Bühne Senftenberg lädt zum diesjährigen Spektakel mit Shakespeare und viel Maritimem. Von Renate Marschall

„Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind und unser kleines Leben ist von einem großen Schlaf umringt.“ Mit diesem Satz treten die Schauspieler des diesjährigen Theaterspektakels der neuen Bühne Senftenberg „Stürme“ am Ende aus ihren Rollen heraus und er ist zugleich Klammer des Abends. Alles nur Theater. Theater, dieses wundervolle Spiel der Fantasie, das für ein paar Stunden real werden lässt, was doch nur Traumbild, das Konturen klarer zieht, die sonst verwischen, nicht müde wird, Visionen einer besseren Welt zu propagieren, den Menschen den Spiegel vorhält und Liebespaare über Hunderte Jahre im Glück vereint. Sechs Stunden lang gab es von allem reichlich – Lustiges wie Nachdenkliches.

Schon vor, neben, hinter dem Theater geht es los. Hafennutten lassen kaum einen unbehelligt, der ahnungslos durch die Herbertstraße schlendert, freche Straßengören machen die Gegend unsicher und auf Dächern und Simsen stehen Matrosen (vom Theaterspielklub) und übermitteln mittels Winkeralphabet eine Nachricht.

Um Einlass auf das Schiff zu erlangen, mussten die Besucher eine maritime Prüfung ablegen, Segel setzen oder Kartoffeln schälen – es scheinen alle bestanden zu haben, der Saal war voll. Jedenfalls, als er schließlich geentert werden konnte.

Zuvor gab es noch diverse seemännische Einstimmungen auf der Basis von Joseph Conrads Romanen „Herz der Finsternis“ und „Schattenlinie“, Idee und Regie Frank Düwel. So etwa die berührenden Erinnerungen eines alten Seebären, der an seine Jugend zurückdenkt, spüren lässt, was ihm die Seefahrt bedeutete. Ein großartiger Heinz Klevenow in einer Rolle, die ihm auf den Leib geschriebenen scheint. Dazu der Chor der Bergarbeiter Senftenberg, der Shantys singt. Vielleicht ist das ja eine Option für die Zukunft, wo es im Senftenberger Revier heute weniger um die Kohle als um die Seefahrt geht.

Intendant Manuel Soubeyrand ließ im Saal mithilfe von Bühnenbildnerin Barbara Fumian den Naturgewalten freien Lauf, sodass die Protagonisten auf dem, was von einem einst stolzen Schiff übrig geblieben war, ziemlich hin und her flogen. Um wen es sich da handelte, war mit einem Satz schnell zusammengefasst „Die Höll’ ist leer und hier sind alle Teufel.“

Tatsächlich ist der Sturm ein künstlicher, herbeigeführt vom Zauberer Prospero, um die Reisenden hilflos auf seine Insel zu werfen. Er will Rache. Denn fast alle, die sich jetzt an ihr Leben klammern, hatten ihn, den rechtmäßigen Herzog von Mailand, entmachtet. In einem löchrigen Kahn hatten sie ihn und seine kleine Tochter Miranda ausgesetzt. Nur Dank der Hilfe des weisen Rats Gonzalo (wiederum ein überzeugender Heinz Klevenow), der sie mit Proviant, Büchern und Kleidung versorgte, konnten sie überleben auf diesem Eiland, auf dem Caliban, Sohn der Hexe Sycorax, herrschte. Wie die Eroberer aller Zeiten versklavt Prospero den in Senftenberg als Fabelwesen dargestellten Eingeborenen (Roland Kurzweg gibt ihm Würde trotz der Unterwerfung), übt sogar Folter aus, um sich Unterordnung zu erzwingen. Dann ist da noch der Luftgeist Ariel, den Prospero aus einer Fichte rettete, in die ihn die Hexe Sycorax gesperrt hatte. Aus lauter Dankbarkeit dienstverpflichtete der sich für zwölf Jahre, die eigentlich um sind.

 Mittels des Sturms hat Prospero nun die ganze  skrupellose Sippschaft auf „seiner“ Insel. Seinen machthungrigen Bruder Antonio (wunderbar verschlagen Catharina Struwe), Alonso, König von Neapel (Sybille Böversen in einer Glanzrolle), dessen leicht beeinflussbaren Bruder Sebastian (herrlich beschränkt und doch machtlüstern von Friedrich Rößiger gespielt). Sie werden begleitet von Ferdinand, dem Sohn des Königs von Neapel, der von den Ränken nichts weiß, von Gonzalo und einem Adligen.

Um seinen Plan auszuführen, braucht Prospero Ariel. Bei Manuel Soubeyrand ist der oft für Heiterkeit sorgende Luftgeist eine Trinität, sonst ginge der Abend auch nicht auf. Denn nachdem man vom Schicksal Prosperos und dessen naturkindhafter Tochter erfahren hat, begeben sich die Zuschauer an getrennte Handlungsorte – die Schiffbrüchigen sind in Gruppen auf der Insel verteilt. Ferdinand trifft auf Miranda: Liebe auf den ersten Blick. Caliban hofft auf einen besseren Herrn, nähert sich Stephano an, säuft mit ihm und Trinculo und lernt bald, dass mit denen nichts anzufangen ist.

Und dann sind ja noch die Intriganten, die sich nicht geändert haben. Jeweils über kurze Filmeinspielungen erfahren die Versprengten und Zuschauer von den Ereignissen auf der anderen Seite der Insel, um sich dann zum Finale wieder zusammenzufinden. Prospero gibt sich zu erkennen, vergibt edelmütig, wenn auch schwankend (ein sich steigernder Sebastian Volk) den Verschwörern – obwohl man nicht versteht, warum er sie nicht zur Hölle schickt. Antonio erledigt das an sich selbst. Der wahre Herzog von Mailand schwört der Magie ab, entlässt Ariel in die Freiheit und Caliban hat die Insel endlich wieder für sich.

Es ist ein kurzweiliger langer Abend, ein Märchen zudem, aber es zeigt doch, dass sich in Hunderten von Jahren, Shakespeare schrieb sein Stück 1611, nicht so sehr viel geändert hat. Fremde machen Angst, sind für viele nach wie vor schwer als ebenbürtig anzusehen. Um Macht zu erhalten, sind alle Mittel recht, und die Natur wird schamlos ausgebeutet.

Zum Lockermachen für den Nachhauseweg gab es noch ein musikalisch-satirisches Programm mit Jan Mixsa als Miranda und Mirko Warnatz als Ferdinand, die auch nach Jahrhunderten noch verliebt sind und einen sarkastischen Blick auf die heutige Welt werfen – auf stürmische Zeiten.