Der erste Kuss duftet nach sächsischem Holunder und verduftet mit Rotz und Wasser auf den Wangen gen Westen. Die Erinnerung sendet Jurij Koch Bilder noch halbkindlicher Träume, die auf dem Teppich der politischen Realität landen. Daraus schöpft der im sorbischen Dorf Horka aufgewachsene Schriftsteller, Autor und Publizist, im "kleinbergigen sächsischen Wendenland" wie er notiert, auch für sein jüngstes Buch.

Leichthin erzählt er, wie er an der neugegründeten sorbischen Oberschule in Bautzen landet und wie der Direktor dieser besonderen Schule, kaum entlassen aus Kriegsgefangenschaft in russischen Wäldern, ihn und andere Schüler mitnimmt nach Cottbus, eine ebensolche Schule zu gründen.

Zuvor aber verliebt sich Jurij Koch in Greta, die er am Bautzener Kupfergraben trifft. Mit köstlichem Humor beschreibt er, wie er sich ein paar für ihn zu klein geratene Schuhe aus Igelit kauft, um der Angebeteten zu imponieren, obwohl ihn die Mutter vor den neumodischen Botten warnte. Die Füße schwitzten darin, "wie Pisans Ochse beim Mistfahren." Greta muss ihrer Mutter in den Westen folgen, auch manch andere Liebe zerbröselt auf den Pfaden der Mannesjahre, bevor er in zweiter Ehe sesshaft wird.

Aus heutiger Sicht mitunter kauzig anmutende Begebenheiten und Skandale rufen die Gefühle, Irrungen und Wirrungen des zum Mann Heranwachsenden ins Gedächtnis zurück, holen Menschen und Dinge, politische Zäsuren aus dem Vergessen. Sie formen sich zum Bild eines Lebens. Vor allem aber zum Bild der Zeit, das er in einer Fülle von Episoden lebendig werden lässt.

Besonders anschaulich wird dabei, wie Menschen eines kleinen Volkes, dem in der Vergangenheit manches Unrecht zugefügt wurde, ihre eigenen Angelegenheiten in die Hand nehmen. Wobei mitgeschlepptes unbrauchbares Brauchtum wie bremsende Badehosen auch schon mal versenkt werden.

Und so blättert Jurij Koch in seinem Gedächtnisarchiv, in dem sich Fakten, Gerüche, Farben, Bilder eingenistet haben. Mit Sprachgewalt und Wortwitz erinnert er sich an seine Oberschulzeit in Bautzen und Cottbus, gibt tiefe Einblicke in das Studentenleben an der Journalistenfakultät in Leipzig. Nebenher ist zu erfahren: Reiner Kunze war seinerzeit dort Fakultätsassistent. Als dieser zum Rebell und Regimegegner wurde, hat Jurij Koch einige seiner listig wetternden Reime ins Sorbische übersetzt und zum Druck geschleust.

Nach dem Studium taucht Jurij Koch ein in den Redaktionsalltag in der DDR, den er zuvor schon als Volontär des Bautzener Jugendjournals Chorhoj mera (Banner des Friedens) und bei Nowy Casnik (Neue Zeitung) erlebte. Er wird Radioreporter in der Niederlausitz. Doch für Koch gibt es immer auch eine außerjournalistische Schreiberei, mit der er, wie er formuliert, "die Nase tiefer in den Lebenstrog steckt, in dem das wahre Leben brodelt". Letztlich entscheidet er sich dafür, wird freischaffend.

Doch den Reporter in sich kann er auch in diesem Buch nicht verleugnen. Es ist ein Zeugnis der Erinnerung über Zeitläufte und eigene Weltsicht, unterhaltsam, mit üppiger Beobachtungsgabe und Augenzwinkern geschrieben, aber auch kritisch und selbstkritisch betrachtend.

So lässt er seine Leser auch wissen, wie er in den Blick der Staatssicherheit geriet und sich dem Argument, dass der Staat Schutz und Sicherheit brauche und dabei auf die Mitarbeit seiner Mitbürger angewiesen sei, nicht entziehen konnte. Und keinen anderen Ausweg sah, als die Stasi schmoren und sitzen zu lassen.

Denn eher als manch anderer habe er das Knistern im Gebälk der Republik gehört und nicht den Mund halten können. Sein Stück "Die Landvermesser", in dem es um die Abbaggerung Lausitzer Dörfer geht, wird abgesetzt oder gar nicht erst gespielt. Längst ist er selbst zum geheimen Fahndungsobjekt geworden, der dennoch beim Schriftstellerkongress 1987 nicht anders kann, als den versammelten Politikern um Honecker und Hager mitzuteilen, dass er "jeden neuen Koh letagebau als Landes- und Weltbeschädigung betrachte".

Und so wird dieses so lebendige und humorvolle Erinnern auch zu einem Plädoyer gegen verschwenderische Selbstbedienung an der Erde. Verbandspräsident Hermann Kant, der später viel Gescholtene, sei der Einzige gewesen, der damals seine Rede gutgeheißen habe.

In Cottbus aber, so kam Koch zu Ohren, hielt man es für angebracht, dem Schriftsteller ein Windrad aufs Dach zu setzen. "Soll er sehen, wie er zu Wärme und Licht kommt", hieß es hämisch. Von der Kandidatenliste für den Nationalpreis wurde er gestrichen. Und wie sein alter Lehrer aufgeschnappt hatte, sollte er sogar hinter schwedische Gardinen. Mit der Wende enden die Erinnerungen leider. Der fast 80-jährige Schriftsteller bemerkt lediglich, dass er nun von seinem Arbeitszimmer unterm Dach das Windrad auf dem Bärenbrücker Hügel sehen kann . . .

Jurij Koch: Das Windrad auf dem Dach. Domowina-Verlag, 134 Seiten, 14,90 Euro