Annekathrin Bürger hat auf vierhundert Seiten gemeinsam mit Koautorin Kerstin Decker ein bewegtes Leben zwischen die Buchdeckel gebannt, das Leben des großen weiblichen Stars der DDR. Dabei sah der Anfang gar nicht danach aus. Die Bürger liest temperamentvoll vom Beginn ihrer Karriere, die zu Ende schien, bevor sie begann. 1955 sucht Regisseur Gerhard Klein für seinen Film „Berliner Romanze“ eine „Uschi, ein echtes Berliner Mädchen zwischen 16 und 19 Jahren, bis 1,65 m groß . . .“ . Annekathrin Rammelt fährt nach Babelsberg und mit ihr 14 000 andere Uschis. Sie ist eine echte Berliner Göre vom Kudamm, die soeben durchgefallen ist bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule. Regieassistent Heiner Carow sortiert sie im Vorübergehen aus. „Dann eben nicht. Was für eine böse Stadt ist Berlin.“ So fährt sie an die Ostsee als Pionierleiterin für den ersten deutsch-tschechischen Kulturfilm „Gebirge und Meer“ . Annekathrin hat die „Berliner Romanze“ fast vergessen, bis „die drei Sonnenbrillen“ vom Film auftauchen, die immer noch keine Uschi gefunden haben. „Ist sie nicht ein wenig pummelig?“ , zweifelt Regisseur Klein, nimmt sie aber doch. Aus Annekathrin Rammelt wird Annekathrin Bürger nach ihrer Großmutter und „Berliner Romanze“ mit ihr und Ulrich Thein als Liebesgeschichte in der geteilten Stadt und mit zwiespältiger Emotionen ein Erfolg. Jetzt geht alles schnell. Sie dreht einen Film nach dem anderen, wird immer besser und schöner und erlebt mit Armin Mueller-Stahl in Frank Beyers Film „Königskinder“ einen ersten Höhepunkt ihrer jungen Karriere.
Annekathrin Bürger hat für die Saathainer Lesung sehr persönliche Erlebnisse ausgewählt, die Zuhörer erleben die erstaunliche Siebzigjährige (Kaum zu glauben!) so wie während ihrer erfolgreichen Filmkarriere: sehr natürlich, auf die Menschen zugehend, ohne jegliches Allürengetue, ungemein sympathisch. Die Zuhörer werden mit auf die Reise 1961 zum Internationalen Filmfestival in Moskau genommen, lernen mit ihr den großen DDR-Regisseur Konrad Wolf kennen und erleben „die Morgenfrische auf dem Roten Platz“ . Die Dreharbeiten zu „Königskinder“ mit der Unterbrechung, weil Regisseur Frank Beyer „zum Bau des antifaschistischen Schutzwalls abberufen wird“ , werden lebendig wie das anrührende Erlebnis bei „Fellini zu Hause“ . „Er hält meinen Blick ein, zwei Sekunden fest, er drückt mir die Hand und alles war gut.“ Von der schönen Aufbruchzeit am Senftenberger Theater und der Liebe zu ihrem Mann Rolf Römer, dem Schauspieler und Regisseur, bis zu dessen Tod 2003 liest Bürger. Die folgenden Drehtage erlebt sie „wie hinter Glas“ und hat nach ihrem eigenen Bühnenunfall Angst vor dem blauen Rundumlicht, „mit dem Rolf weggefahren wurde“ .
Jenseits jeglicher eitler Selbstbespiegelung erzählt das Buch die Geschichte einer großen Schauspielerin und vermag gleichzeitig ein authentisches, lebendiges Geschichtsbild zu malen, wenn sie von der Kindheit, vom wundervollen Vater am Kriegsende, erzählt oder von ihrem Gefühl „Vor dem Tor der Festung“ , als sie 1987 vergeblich versucht, für ihren Schauspieler-Kollegen Manfred Krug eine Einreiseerlaubnis aus dem Westen einzuholen. „Genosse Hager kann Manfred Krug nicht leiden“ , lässt die Festung wissen.
Die literarische Qualität des Buches gewinnt durch die zwei Erzählperspektiven in der Ich- und Sie-Form. Die Bürger selbst hat die sehr persönlichen Passagen in der Ich-Form mit Briefen, Erinnerungen und Selbstzeugnissen geschrieben, Koautorin Kerstin Decker lässt die Schauspielerin von außen auf sich selbst und ihre Erlebnisse schauen: humorvoll, manchmal verwundert und leicht ironisch. Ein sehr poetisches Buch.
Annekathrin Bürger sieht gelassen auf ihr Leben als „Ost-Star“ zurück und dass sie seit 1990 mit dem großen Kino nichts mehr zu tun hat. „Jeder hat seine Zeit.“ Die ist für die Zuhörer in Saathain nicht vorbei, sie schätzen die Bürger als große Schauspielerin und Sängerin und drängen sich beim Signieren des Buches, wobei sie sich Zeit zum Gespräch nimmt.

Annekathrin Bürger, Kerstin Decker: „Der Rest, der bleibt - Erinnerungen an ein unvollkommenes Leben“ , Droemer/Knaur, 2007:
ISBN 3-426-27405-1, 19.90 Euro .

Zur Person Annekathrin Bürger
 Die Schauspielerin, geboren 1937 in Berlin, spielte in über 80 Filmen der DEFA und des DFF und war fast vier Jahrzehnte lang Mitglied des Ensembles der Volksbühne. Heute ist sie dem Publikum vor allem als Frederike aus dem „Tatort Leipzig“ bekannt.
Kerstin Decker , geboren 1937, hat mit Angelica Domröse deren Autobiographie „Ich fang mich selbst ein“ geschrieben und mit Gunnar Decker „Heinrich Heine. Narr des Glücks“ .