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Die Melodie des Müßiggangs

Abwarten und Teetrinken war für die Besucher der Lausitzer Lesart mit Christian Brückner angesagt, der am Dienstagabend in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek den Müßiggänger Oblomow zum Besten gab.
Abwarten und Teetrinken war für die Besucher der Lausitzer Lesart mit Christian Brückner angesagt, der am Dienstagabend in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek den Müßiggänger Oblomow zum Besten gab. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Immer wieder müssen Stühle herangeholt werden in der Stadt- und Regionalbibliothek. Am Dienstagabend ist sie gefüllt wie lange nicht mehr. Ein Hauch Hollywood weht mit Christian Brückner nach Cottbus. Die Stimme von Robert De Niro aber macht hier den berühmtesten Müßiggänger der Weltliteratur lebendig: Oblomow. Ida Kretzschmar

Abwarten und Tee trinken ist angesagt, will man dem Helden aus Iwan Gontscharows Meisterwerk gerecht werden. Und Tee wird tatsächlich serviert. Uta und Hagen Stoletzki haben an diesem Abend ihre Teestube "Oblomow" in die Bibliothek verlegt, was sogleich für Gemächlichkeit sorgt bei dieser Lausitzer Lesart, zu der das Brandenburgische Literaturbüro gemeinsam mit der RUNDSCHAU und der Bibliothek einladen.

Markante Stimme

Das ist es aber nicht allein, was mehr als hundert Besucher bei diesem ungemütlichen Nieselwetter von den heimischen Sofas aufgetrieben hat. Viele sind vor allem wegen Robert De Niro gekommen. Genaugenommen wegen seiner markanten Stimme. Christian Brückner gilt derzeit als erfolgreichster Sprecher Deutschlands. "The Voice" wird der Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher gern genannt, was er gar nicht so gern hört, denn die Hollywood-Synchronisation ist nur ein Teil seiner vielfältigen Arbeit, wie Uta Jacob von der Stadt- und Regionalbibliothek verrät, als sie ihn inmitten der "Freunde gepflegten Müßiggangs" begrüßt. Zu diesen gehört offenbar auch der Lausitzer Schriftsteller Jurij Koch, den Uta Jacob unter den Besuchern entdeckt und spontan mit einem nachträglichen Rosengruß zu seinem 80. Geburtstag überrascht.

Christian Brückner, gerade 73 geworden, aber hält sich bei keiner Vorrede auf. Er schwingt sich auf das Podest mit dem Lesepult vor sich, an dem er fast zwei Stunden stehend lesen wird. Im Rücken die Ausstellung Gerd Ratteis, die mit Details aus Branitz den passenden Background aus der Welt des Adels bietet.

Iwan Gontscharows Roman ist 1859 erschienen. Oblomow verkörpert den Typus des trägen russischen Adligen, zwar begabt und gebildet, Idealen verpflichtet, aber durch Herkunft und Standesgewohnheiten in ergiebiger Faulheit resigniert. Er ist ein Mensch, der weiß, was zu tun ist, aber nicht vom Diwan herunterkommt, seine Tage verträumt und nichts zustande bringt, so hat Uta Jacob auf die Lesart eingestimmt und auf eine erstaunliche Aktualität verwiesen, habe doch der Autor mit dieser Figur einen archetypischen Menschen der Moderne geschaffen.

Neue Lebensgeister

Den jetzt Christian Brückner mit seiner unverwechselbaren Stimme zum Leben erweckt.

Wahrhaftig, denn in der vom Sprecher gewählten Romanpassage scheinen dem in schläfriger Langeweile Dahindümpelnden neue Lebensgeister zuzuwachsen. Sein Freund Stolz stellt ihm Olga vor, ein "herrliches Geschöpf, das zu großen Hoffnungen Anlass gibt."

Christian Brückner macht nicht nur all die Gefühle hörbar, die durch die Begegnung dieser beiden so unterschiedlichen Menschen über sie hereinbrechen, er macht sie geradezu spürbar. Die Qual des sich nach Ruhe sehnenden Oblomow, der postuliert, Leidenschaft müsse durch Heirat ertränkt werden. Die beharrlichen, neugierigen Blicke der jungen Dame, die Oblomow wie eine Sonne versengen. Ihre Spottlust, die auf ihn herunterprasselt. All die Nöte, kann sich Oblomow doch in seiner Trägheit kaum dazu entschließen, ihr Komplimente zu machen. Und dann dieses Beben im Körper, sodass er auf einmal nicht mal mehr an Mittagsschlaf denken kann und sich einfach ins Herz schauen lässt.

Christian Brückner gibt sich ganz der Melodie dieses Meisterwerks hin. Mit Zärtlichkeit und leiser Ironie lockt er die Zwischentöne hervor, durchlebt selbst die Erschütterung und den Widerschein eines erwachenden Glücks und Aufbruchs aus der Lethargie.

Dass dies nicht von Dauer sein wird, ahnen die Zuschauer bereits. Und doch sind sie ganz gefangen von der tragikomischen Tiefe der literarischen Gestalt. Vor allem aber von dieser Interpretation, die ihr eine besondere Dimension gibt.

"Einfach toll, wie er mit dem ganzen Körper gelesen hat", sagt der Schauspieler und Puppenspieler Werner Bauer aus Cottbus. Und seine Begleiterin Ramona Pohl fügt hinzu: "Was für eine schöne Sprache und philosophische Tiefe! Ich habe jetzt wunderbare Bilder im Kopf. Fantastisch, wie Brückner die Langeweile zelebriert hat."

Eigentlich sind die beiden wegen Robert De Niro gekommen. Sie haben alle seine Filme gesehen. Nun sagen sie: "Im Laufe des Abends haben wir Robert De Niro einfach vergessen."

Zum Thema:
Christian Brückner, geboren am 17. Oktober 1943, ist Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher. Er ist vor allem als feste Stimme von Robert De Niro, als Off-Stimme in Dokumentarfilmen sowie als Rezitator und Interpret von Hörbüchern bekannt.Gemeinsam mit seiner Ehefrau Waltraut betreibt er seit 2000 seinen eigenen Hörbuchverlag Parlando, der 2005 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde. 1990 erhielt Brückner den Adolf-Grimme-Preis Spezial in Gold für "herausragende Sprecherleistungen". 2012 wurde ihm der erstmals verliehene Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises für sein Lebenswerk zugesprochen. Iwan Gontscharows berühmter Roman "Oblomow" erschien 1859 zum ersten Mal und wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Die Lesung in Cottbus stimmt auf das Filmfestival ein.