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| 10:52 Uhr

Düsseldorf
Die Klügere gibt nicht nach

Düsseldorf. Die Althistorikerin Mary Beard liefert den feministischen Bestseller der Stunde. Philipp Holstein

Die Althistorikerin Mary Beard liefert den feministischen Bestseller der Stunde.

Mary Beard ist in England eine Institution, die Althistorikerin aus Cambridge moderierte die populäre BBC-Sendung "Meet The Romans". Als ein Kritiker sich über ihr ungebändigtes graues Haar, den abgetragenen Regenmantel und die unbegradigten Zähne mokierte und urteilte, sie sei "zu hässlich fürs Fernsehen", gab sie zurück: "Meine Erscheinung entspricht einer nicht überarbeiteten Frauengestalt meines Alters."

Mary Beard konnte nicht fassen, dass so etwas immer noch geschieht, deshalb veröffentlichte sie ein kleines Buch mit dem Titel "Frauen & Macht", das zum Bestseller geworden ist und Beard weltweite Popularität verschafft. Zwei längere Aufsätze sind darin enthalten, in denen sie den Bogen von der Antike bis zur #MeToo-Debatte spannt. Sie warnt davor, zu denken, es habe sich viel getan: Wenn Frauen reden dürften, dann immer noch zumeist nur als Märtyrerinnen.

Die 63-Jährige schreibt präzise, scharfzüngig und amüsant. Sie arbeitet heraus, wie stark Frauenfeindlichkeit in der Literatur verankert ist. Das erste Beispiel ist die "Odyssee". Da verbietet der junge Telemachos seiner Mutter Penelope unwirsch das Wort: "Die Rede ist Sache der Männer!", sagt er. Und sie fügt sich. In Ovids "Metamorphosen" wird die arme Io von Jupiter in eine Kuh verwandelt, so dass sie nicht mehr sprechen, sondern nurmehr muhen kann. Beard gehen die Beispiele nicht aus. Männer, schreibt sie, haben jahrtausendelange Übung darin, Frauen zum Schweigen zu bringen.

Wenn Frauen heute öffentlich redeten, würden sie oft als quakend, quiekend oder vorlaut denunziert. Deshalb hätten sich erfolgreiche Frauen in der Geschichte oft getarnt und Hosenanzüge getragen oder trainiert, tiefer zu sprechen. "Strategien der Weiblichkeitsverleugnung" nennt Beard das. Elizabeth I., Margaret Thatcher und Hillary Clinton hätten so versucht, ihre Macht zu erhalten. Auch Frauen selbst definierten Macht zumeist als männlich, so Beard. Misogynie durchwirke unsere gesamte Kultur.

Beard schreibt analytisch; sie findet, dass Feminismus ermüdend sei, wenn er im Modus der Empörung vorgetragen werde. Andererseits könne man gar nicht Frau sein, ohne Feministin zu sein. Was rät sie? Sich zu Wort melden, reden, diskutieren. Neues Bewusstsein für die Zusammenhänge schaffen. "Die Klügere gibt nicht nach."

Info Mary Beard: "Frauen & Macht", S. Fischer, 110 S., 12 Euro.