Wenn man Wölfi auf der Bühne sieht, mag man sich gar nicht vorstellen, wie es um ihn herum duftet. Wolfgang Wendland hat einen beeindruckenden Bierbauch, den er gern ohne Oberbekleidung ins Publikum streckt. Um eben diesen Bierbauch nicht zu verlieren, sorgt er für Gerstensaft-Nachschub während er singt. Wolli ist Frontman der Bochumer Punkband „Die Kassierer“. Seine Bandkollegen nennen sich Mitch Maestro, Volker Kampfgarten und Nikolaj Sonnenscheiße. Kunst? Oder kann’s doch weg?

Ohne Hose auf der Bühne

Irgendetwas fasziniert seit drei Jahrzehnten eine ordentliche Fangemeinde an dieser Combo. Klar, wer Punkmusik mag, hat in ihnen eine relativ verlässliche Bank seit immerhin 30 Jahren. Allerdings: Wer Punk mag, hat auch Alternativen; Bands, die nicht über Alkoholkonsum, Geschlechtsverkehr oder ähnlich Pöbelhaftes singen. Und Bands, deren Mitglieder auch ein wenig attraktiver anzusehen sind. Höhepunkt eines Kassierer-Auftritts ist der geplante Verlust der Hose auf der Bühne. Noch einmal: Der Bierbauch ist beeindruckend. Wie die untere Hälfte von Wolli damit harmoniert, ist nicht schwer vorzustellen.

Als die Band ihr zweites Album veröffentlicht hatte – 1993 war das und es trug den Titel „Der heilige Geist greift an“ – nahm die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften die Musiker ins Visier. Gleiches galt für das Nachfolgealbum „Habe Brille“. Vorgeworfen wurden den Ruhrpottlern unter anderem Sexismus, aber auch Gewaltverherrlichung. Dass beide Alben schließlich nicht auf dem Index landeten, war der Satire zu verdanken. Die hatte das Gremium nämlich in den Texten der „Kassierer“ erkannt.

Es fällt leicht, Grenzüberschreitungen den Stempel „Satire“ aufzudrücken und sie damit durchgehen zu lassen. Allerdings: bei den „Kassierern“ gibt es ausreichend Hinweise darauf, dass die Mannschaft um Wolli vielmehr ein Kunstprodukt ist – aus der Punkszene, das steht außer Zweifel. Aber aus der reflektierten Punkszene.

Ein Punk will in die Politik

Rückblick: „Sanfte Strukturen“ hieß das Erstlingswerk der Wattenscheider Band. Das war – auch wenn sie nicht jedem gefallen hat – Kunst und noch weit weg von dem, was nachher zum Prolo-Kult werden würde. Wendland war Kanzlerkandidat der Anarchischen Pogo-Partei Deutschlands, kandidierte für das Amt des Oberbürgermeisters in Bochum. Durchaus mit ernsthaften Zielen: Er wollte insbesondere die Jugend in der Stadt stärken, den Haushalt transparenter gestalten. Statt völlig unten durch landete er mit fast acht Prozent der Wählerstimmen auf Platz vier der Kandidatenliste. 2015 machte er es den britischen Kultclowns „Tiger Lillies“ nach und stand in einer Operette gemeinsam mit der Band auf der Bühne. „Häuptling Abendwind und Die Kassierer“ fußte auf Johann Nestoys Werk „Häuptling Abendwind“.

Durchaus ein Portfolio, das auch den Kunstliebhaber und den Politikinteressierten reizen dürfte. Selbst die Nacktheit, mit der Wolli bei Auftritten der Band höchstens noch Nicht-Kenner schockieren dürfte, setzte er in einem Interview mit dem Online-Magazin „Vice“ in einen kulturellen Zusammenhang: Im Theater, sagte er, seien zu seiner Zeit auch viele nackt gewesen. Da ist es wieder, das Schauspiel, die Kunst, die bei „Die Kassierer“ allerdings eine für viele Augen und Ohren noch ungewohnte Ausformung annimmt.

Ein Blick in die Welt zeigt: Was „Die Kassierer“ tun, ist keineswegs einzigartig. Ein Blick nach England reicht, wo die Pogues die Lust am Dreck so kultiviert haben, dass ihr Weihnachtslied „Fairytale of New York“ zum Klassiker mutierte und jeder Pub­besucher „Dirty old town“ mitsingen kann. Sänger Shane MacGowan ist nicht nur für seine fehlenden Zähne, sondern auch für seine unendlich scheinenden Alkoholeskapaden berühmt.

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Es gibt sie also, die Lust am Dreck in der Kunst. Wer allerdings mit dem Blick das nächste „Die Kassierer“-Konzert besucht, wird sich auf trinkfreudige und mitsingende Fans der Kassierer einstellen müssen. Das gehört eben auch zum Punk. Und Punks, das sind die Musiker aus Wattenscheid definitiv.

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Die Kassierer im Glad-House


„Die Kassierer“ spielen am Samstag, 16. November, im Glad-House in Cottbus. Einlass ist um 19 Uhr. Karten für das Konzert sind für 20,50 Uhr unter anderem in den Ticketshops der LAUSITZER RUNDSCHAU und online auf www.gladhouse.de erhältlich.