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| 14:32 Uhr

Die Jüngste macht, was ihr gefällt

Unschuldig schuldig? Lucie Thiede (l.) als Absolut und Susann Thiede als Frau Habersatt in "Unschuld".
Unschuldig schuldig? Lucie Thiede (l.) als Absolut und Susann Thiede als Frau Habersatt in "Unschuld". FOTO: Thomas Richert
Cottbus. Morgen Abend hat erstmals ein Schauspiel der vielfach preisgekrönten Gegenwartsautorin Dea Loher in Cottbus Premiere. In "Unschuld" spielt Lucie Thiede das blinde Mädchen mit dem seltsamen Namen Absolut. Ida Kretzschmar

Von wegen Unschuld. Es ist eine zusammengewürfelte Wartegemeinschaft - unterschiedliche Menschen, die sich alle irgendwie schuldig fühlen. So schildert Schauspielerin Lucie Thiede das Szenario. Wer aber entscheidet über verborgene Schuld? Jeder selbst wird zu seinem strengsten Richter. So pocht in Absolut die Frage: Was habe ich verbrochen, dass ich blind zur Welt kommen musste?

Um sich auf die Rolle vorzubereiten, hat die 24-Jährige Dokumentationen über Blinde und Prostituierte angeschaut. "Eine schräge Kombination, aber das verlangt die Rolle", erläutert sie. Denn Absolut hat sich eingerichtet in ihrer Welt: Sie strippt in einer Bar für Männer, die sehen können. Bis eines Tages jemand ihr den Floh ins Ohr setzt, er könne sie wieder sehend machen.

Poesie mit krassen Bildern

Lucie Thiede hat es in den Proben getestet, wie es ist, mit geschlossenen Augen ein Raumgefühl zu entwickeln, sich Gesichter vorzustellen. Sie achtet jetzt mehr darauf, wie jemand etwas sagt, lernt Gefühle zu hören, sie gleichsam in der Luft zu spüren. "Eine ganz neue Erfahrung", findet die Cottbuserin. Auch die Poesie des Textes, mit krassen Bildern in Musik getaucht, hat es ihr angetan.

Mt ihren 24 Lenzen ist Lucie Thiede die Jüngste im Schauspielensemble. Dabei ist es ihr längst vertraut. Ist sie doch in der Theaterfamilie groß geworden. Und das auch im wörtlichen Sinne. Ihr Vater Bert Koß war hier Dramaturg, bevor er später zum Bauunternehmer wurde. Ihre Mutter Susann Thiede spielt seit vielen Jahren am Staatstheater Cottbus, im Jahre 2001 erhielt die Schauspielerin den Max-Grünebaum-Preis. Und so war es irgendwie selbstverständlich, dass Tochter Lucie nicht nur so manche Probe miterlebte, sondern von klein auf selbst auf der Bühne stand. In der Pubertät allerdings stellte sie erst einmal alles infrage: "Chemie wollte ich studieren", verrät sie übermütig.

Freilich braucht sie auch jetzt Erfindungsreichtum, muss die Chemie stimmen, um Menschen glücklich zu stimmen. "Wer glücklich ist, kann mehr erreichen als der Unglückliche. Aber mir reicht es nicht, nur zu unterhalten. Spannender finde ich, Menschen zum Nachdenken zu bringen über eine bessere Welt", sagt die junge Schauspielerin, die sich ihre ersten Sporen auch am Cottbuser Piccolo-Theater verdient hat. Gerade deshalb kann sie es sich nicht vorstellen, dass das Kinder-und Jugendtheater eine Sparte des Staatstheaters werden soll. "Die letzte Sparte ist doch schnell weggespart", sorgt sie sich um diesen Ort, der für sie mehr als nur eine Talentschmiede war.

Mit Pippi Leben in der Bude

"Das Glück hat mir zugelächelt. Schon vor dem Abitur wusste, ich, dass ich an der Schauspielhochschule ,Ernst Busch" angenommen war. Und nach dem Studium hatte ich noch mal Glück, gleich ein festes Engagement in Cottbus zu bekommen", erzählt sie.

Nun ist sie schon in der zweiten Spielzeit am Haus. Nach ihrer schönsten Rolle befragt, muss sie nicht lange überlegen: "Pippi Langstrumpf, die Heldin meiner Kindheit. Die machen kann, was ihr gefällt", sprudelt es aus ihr heraus. Selten habe sie ein Publikum erlebt, das so mitgeht: "Da ist Leben in der Bude", genießt die Schauspielerin diese besonderen Theatervorstellungen.

Wie bei "Pippi Langstrumpf" steht sie auch jetzt in "Unschuld" gemeinsam mit ihrer Mutter Susann Thiede auf der Bühne. "Das geht voll gut", versichert Lucie Thiede, wobei es für beide kein Problem ist, Berufliches und Privates zu trennen, zumal sie längst nicht mehr zu Hause wohnt, sondern jetzt mit ihrem Freund, der ihr Fenster außerhalb des Theaters öffnet. "Und doch: Ich frage meine Mutter oft nach ihrer Meinung, weil Sie extrem viel von unserem Beruf versteht. Wir reden offen über die Arbeit, da gibt es auch Kritik, aber nie so, dass sie verletzt", weiß die Tochter, die dabei dennoch nicht den Einflüsterungen von Pippi widersteht: "Mach', was dir gefällt."

Und so kann sie die Sehnsuchtsmomente in der "(Un)schulds-Gesellschaft" gut nachvollziehen. Während die einen von der Liebe träumen und andere auf Erlösung hoffen, bewegt die Schauspielerin ein utopischer Gedanke: "Wie wäre die Welt, wenn sie das Geld nicht zur Religion erklärte?"

Zum Thema:
Für die Premiere "Unschuld" morgen und die Vorstellungen am 1. (Theatertag, jeder Platz 10 Euro), 22. und 31. März, jeweils 19.30 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus Karten über das Ticket-Telefon: 0355/78242424 oder www.staatstheater-cottbus.de