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| 12:52 Uhr

„Auf der Bühne sterben“
Die letzte große Diva der Opernwelt

Montserrat Caballé begeisterte auch schon ihre Fans in der Lausitz.
Montserrat Caballé begeisterte auch schon ihre Fans in der Lausitz. FOTO: Toni Albir / dpa
Barcelona. Montserrat Caballé hat einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Nun wird die als „Jahrhundertsängerin“ bejubelte Sopranistin 85. Emilio Rappold

Sie gilt als die letzte große Diva der Opernwelt: Montserrat Caballé. Die Sopranistin ist eine imposante Erscheinung und hat viel Charisma  – am heutigen 12. April wird sie 85 Jahre alt. Von Gesundheits- und anderen Problemen genährte Gerüchte, sie werde ihre Karriere endgültig beenden, dementiert die Spanierin aus Katalonien immer wieder. „Ich habe vor, auf der Bühne zu sterben“, sagte sie vor wenigen Jahren der Zeitung „El País“.

Nach einem Sturz vor einigen Jahren kann die zweifache Mutter und Großmutter kaum noch gehen und ist meistens auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie tritt nur noch sitzend auf. Ihre Stimme ist auch nicht mehr die alte.  Trotzdem rastet sie nicht. An ihrem Ehrentag wird sie zunächst mit einem Galadinner in Kiew geehrt, am Sonnabend tritt  sie zusammen mit Tochter Montserrat Martí in der ukrainischen Hauptstadt auf.

Caballé wird international bewundert für ihre Vokaltechnik und ihre Interpretationen des Belcanto-Repertoires (Opern von Bellini, Donizetti und Rossini), auf das sie sich schon Anfang der 1960er-Jahre spezialisierte. Sie kritisiert, in der Oper herrsche immer mehr ein Schlankheitswahn, und dem Aussehen der Darsteller werde viel mehr Bedeutung beigemessen als der Stimme. Caballé bekennt sich in ihrer humorvollen Art stets stolz zu ihrer Leibesfülle.

Mit gesundheitlichen Problemen kämpft „La Montse“, wie sie von Fans und Medien genannt wird, vor allem seit Oktober 2012, als sie während einer Konzertreise in Russland einen Schlaganfall erlitt, ohnmächtig wurde und sich einen Oberarmknochen brach.

Im Laufe ihrer jahrzehntelangen Karriere kommt sie auf Tausende Auftritte und etwa 90 verschiedene Rollen – sie dürfte damit eine der aktivsten Sängerinnen der Operngeschichte sein. Dass „La Caballé“ auch mal nostalgisch wird, ist verständlich. Ihr Leben gleicht fast einem Märchen: Die Eltern des 1933 in Barcelona geborenen Mädchens verloren im spanischen Bürgerkrieg ihr Hab und Gut. „Wir haben Hunger gelitten“, erzählte Caballé. Irgendwann musste sie die Schule verlassen, um als Näherin zum Familienunterhalt beizutragen. Da ihr Talent schon damals zu erkennen war, fand sie Zeit, mit Hilfe von Mäzenen das Konservatorium zu besuchen und erste Auftritte zu absolvieren.

Mitte der 1950er-Jahre zog die Familie wegen der Geldprobleme als Gastarbeiter in die Schweiz. In Basel feierte die Sängerin 1956 ihr offizielles Debüt. Von 1959 bis 1962 war sie in Bremen engagiert. Nach Aufnahme mehrerer Platten wuchs ihre Fangemeinde rapide. Den internationalen Durchbruch schaffte Caballé 1965 in der Titelrolle von Donizettis „Lucrezia Borgia“ in der Carnegie Hall in New York – als Ersatzbesetzung. Sie wurde so begeistert gefeiert, dass die Metropolitan Opera sie verpflichtete.

Einen weiteren Meilenstein setzte sie 1992: Mit dem für die Olympischen Spiele geschriebenen Song „Barcelona“ wurde sie einem breiten Publikum bekannt. Sie hatte das Stück mit Rockstar Freddie Mercury aufgenommen. Caballé erinnert sich: „Da standen an der Wiener Staatsoper ganz junge Menschen am Bühneneingang. Die wollten ein Autogramm, sie haben nur gesagt: Sie sind doch die Frau, die mit Freddie Mercury aufgetreten ist.“

Caballé scheute nie den Kontakt zu anderen Genres der Musik und des Entertainments, sie trat schon als junge Frau an der Seite von Frank Sinatra auf. Neben der Karriere unterstützte sie soziale Vorhaben, förderte den Nachwuchs – sie gilt als Entdeckerin ihres katalanischen Landsmannes José Carreras.

Im Leben der Caballé gab es aber auch negative Schlagzeilen: Im Dezember 2015 wurde sie wegen Steuerhinterziehung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von gut 250 000 Euro verurteilt.

Bei allen Triumphen und Schwierigkeiten ist die Frau, die seit mehr als 50 Jahren mit dem Tenor im Ruhestand Bernabé Martí verheiratet ist, stets bodenständig, herzlich und bescheiden geblieben. Nach dem Tod ihrer engen Freundin Maria Callas im Jahr 1977 hatten viele in ihr die Nachfolgerin von „La Divina“ gesehen. Erst vor wenigen Jahren widersprach sie erneut trotzig: „Ich bin keine Diva. Mich als eine Diva zu betrachten, ist absurd!“ Das sahen viele der Zuschauer, die sie 1996 in der Stadthalle Cottbus euphorisierte, sicher ganz anders.