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| 08:19 Uhr

Biografie
Die innere Freiheit der Margot Käßmann

Düsseldorf. Sie ist die Reizfigur des deutschen Protestantismus. Nun ist die autorisierte Biografie der früheren EKD-Ratsvorsitzenden erschienen. Franziska Hein

Jeder denkt bei Margot Käßmann als Erstes an ihren Rücktritt als EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin von Hannover 2010. Er zeigt die ganze Ambivalenz ihrer Karriere: Weil sie am 20. Februar 2010 von der Polizei kontrolliert wurde, als sie alkoholisiert nach Hause fuhr, forderten die einen ihren Rücktritt. Die anderen zollten ihr Respekt für ihre rigorose Entscheidung, was ihre Popularität nur noch steigerte. Spätestens nach dem 24. Februar 2010 kannte Margot Käßmann jeder.

Diese Episode ist sicherlich eine der wichtigsten ihres öffentlichen wie privaten Lebens. Knapp zehn Seiten nimmt sie in der nun erschienenen Biografie ein, die ihr langjähriger enger Mitarbeiter Uwe Birnstein geschrieben hat. Birnstein erzählt die Episode schnörkellos nach, berichtet, wie Käßmann sich nach dem Coup der Bild-Zeitung entschied, zurückzutreten. Der Name des anonymen Beifahrers, der sie damals begleitete, wird nicht enthüllt.

Als Biograf tritt Birnstein mehr als Chronist denn als Käßmann-Erklärer in Erscheinung. Die Biografie erzählt streng chronologisch. Birnstein wählt einen sehr persönlichen Zugang zur Figur Käßmann, lässt sie im Spiegel ihrer Familiengeschichte erscheinen. Vor allem die Schilderungen von Käßmanns Kindheit und Jugend sind eine Facette ihrer Biografie, die die Öffentlichkeit bisher so nicht kennt.

"Ihre Kindheitsgeschichte hat mich bei der Recherche am meisten überrascht", sagt Birnstein denn auch im Gespräch mit unserer Redaktion. Ihre besondere Beziehung zum Vater, der ein Genussmensch war, ihre strenge Mutter, von der Käßmann ihre Disziplin hat, und die fromme Großmutter, die stets einen passenden Bibelvers parat hatte und Paul-Gerhardt-Lieder beim Kartoffelschälen sang - diese Menschen haben Käßmann für ihr Leben geprägt.

Der Vater stirbt kurz vor Käßmanns Abitur an Bauchspeicheldrüsenkrebs, als sie gerade ein Auslandsjahr in den USA macht. Dieser frühe Verlust eines geliebten Menschen macht aus Käßmann vielleicht die gute Seelsorgerin, die später im Umgang mit Tod und Leiden die passenden Worte findet - ob bei der Trauerfeier für den Hannover-96-Torwart Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm, bei der Beerdigung eines guten Freundes oder bei einem Gedenkgottesdienst für das Findelkind "Mose". Der Säugling erfror 2008 in Hannover vor einer Babyklappe des Frauennetzwerkes Mirjam, das Käßmann gegen alle Kritik unterstützt. "Du kannst niemals tiefer fallen als in Gottes Hand" - dieser Satz ist einer von Käßmanns Leitsprüchen. Er trägt sie auch durch ihre Brustkrebserkrankung im Jahr 2006.

In Etappen schildert Birnstein den Karriereweg der Kirchenfrau Käßmann bis an die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Beiläufig erzählt er damit auch die Geschichte ihrer Emanzipation. Denn Käßmann wird als Frau und Mutter mit vier Töchtern immer unterschätzt. Sie schafft es, sich dabei treu zu bleiben. Birnstein beschreibt Käßmann als Menschen, dessen innere Freiheit ihn zu allem befähigt und Sympathie erweckt. Selbst ihre Scheidung, als sie bereits Landesbischöfin von Hannover ist, wird dadurch akzeptiert. Autonomie ist Käßmann stets wichtig gewesen: So kommt auch der Titel des Buches zustande. "Folge dem, was dein Herz dir rät" - der Vers ist dem außerkanonischen Buch Jesus Sirach entlehnt. Er ist ihr zweiter Leitspruch.

Birnsteins Nähe zu Käßmann macht an vielen Stellen eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Figur unmöglich. Die Kontroversen um das Reformationsjubiläum und Käßmanns Interpretation des Lutherjahrs werden kaum erwähnt. So fehlt der Biografie bisweilen die Tiefe. Der Erzählstil des gelernten Journalisten ist schlicht, er ordnet kaum ein oder analysiert.

Die Biografie erscheint anlässlich Käßmanns 60. Geburtstag am 3. Juni, zudem wird sie im Mai auch als Reformationsbotschafterin in den Ruhestand gehen. Das Buch erscheint also zu einem Zeitpunkt, an dem die Öffentlichkeit nicht mehr allzu viele Gründe hat, sich für Margot Käßmann zu interessieren. Zumal sie bereits vor über einem Jahr in einem Interview mit unserer Redaktion angekündigt hat, nach ihrer Pensionierung erst einmal nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten zu wollen.

Vielleicht ist die Biografie auch guter Schlusspunkt - oder insgeheim, wird sich so manch einer denken - vielleicht eher ein Doppelpunkt: Denn dass Käßmann ganz aus dem öffentlichen Diskurs verschwindet, mag man eigentlich nicht glauben.