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Die Hüterin der Plakatkunst

Cottbus. Nach Jahrzehnten regen Sammelns, Ausstellens und Bewahrens geht die Kustodin Plakatkunst am Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk (dkw.) zum Jahresende in den Ruhestand. Barbara Martin denkt daran mit Humor und Optimismus. Ida Kretzschmar

Heiterkeit erwartet den Besucher, der Barbara Martins Büro betritt. Ein fröhliches Selfie-Plakat mit pfeffriger Chilinote erinnert an die Ausstellung "Humor. Plakate aus aller Welt" im Jahre 2009. Es macht sich gut auf der blau gestrichenen Tür mit den zehn Punkten für Zivilcourage in der Nachbarschaft. Und irgendwie spiegelt sich das auch in den lebhaften, warmherzigen Augen der Hüterin der Plakatkunst wider.

Das lichtdurchflutete Büro wird sie vermissen. "Ich hatte gehofft, ich würde noch sehen, wie der Efeu die weiße Wand auf dem Hof erobert", umschreibt sie das etwas mulmige Gefühl, das mit Abschied zu tun hat.

Bevor Barbara Martin dem Kunstmuseum nach 35 Jahren den Rücken kehrt, wird sie noch einmal "Schlaglichter" setzen. So jedenfalls sieht es das Konzept für die gleichnamige Ausstellung vor, die gemeinsam mit dem Museum Junge Kunst (MJK) in Frankfurt (Oder) vorbereitet wird.

Auf dem Wege zum Brandenburgischen Landesmuseum für zeitgenössische Kunst sollen in Cottbus außergewöhnliche Kunstwerke aus dem MJK-Bestand von deren Anfängen 1965 bis heute gezeigt werden, während im Gegenzug in Frankfurt (Oder) Kunst aus dem dkw.- Sammlungsbestand von 1977 bis zur Gegenwart in den Fokus rückt. Aufgabe der Cottbuser Kustodin Plakatkunst ist es, jeweils sieben Plakate für acht Abschnitte auszuwählen, die künstlerisch bestimmend waren in der jeweiligen Zeit.

Als die Diplomdesignerin Anfang der 80er-Jahre nach dreijähriger Pause für ihren Sohn Jörg und einem kurzen Theaterabstecher im Museum (damals Galerie für Gegenwartskunst, ab 1984 Staatliche Kunstsammlungen) ihre Arbeit aufnahm, war die Plakatsammlung kaum zwei Jahre zuvor begründet worden.

"Es war für mich keine Liebe auf den ersten Blick", gibt sie zu, aber es wurde eine tiefe dauerhafte Beziehung. "Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Plakat zu einer Perle in der Gebrauchsgrafik, die Klaus Wittkugel, einer der Pioniere dieser Branche in der DDR, als Erbe des Bauhauses mit der bildenden Kunst verzahnen wollte", erzählt die 65-Jährige. Mehr und mehr setzte es sich durch, das Plakat als Kunstgegenstand zu betrachten und auszustellen. Aber es gab keinen festen Ort. "Cottbus wurde es. Und die unterschiedlichen künstlerischen Handschriften entfachten meine Sammelleidenschaft", erinnert sie sich.

Mindestens 15 000 Plakate gehören zum Bestand, eine abgeschlossene Sammlung aus der Zeit der DDR, historische Exemplare, dazu zahlreiche Plakate, die nach der Wende neu hinzukamen. "Jedes Einzelne hatte ich in den Händen", versichert die Kustodin, muss doch jedes inventarisiert werden.

Einige wurden angekauft, teils aus Lottomitteln erworben, andere sind Schenkungen.

Unzählige Gespräche mit den Künstlern oder anderen Museen brauchte es dafür. Nach der Wende wurde es international, und Barbara Martin schob Projekte an, wie eben Humorplakate aus aller Welt oder Verlockungen, Erotik in der Plakatkunst.

"Ich würde mich freuen, wenn es jemanden gäbe, der das Metier genauso liebt wie ich selbst", sagt Barbara Martin, die sich eine geordnete Übergabe wünscht und dem Kunstmuseum Bestand.

Was sie gern hinterlassen will? Optimismus: "Ich glaube an eine Kraft in uns selbst, die uns das Gefühl gibt, alles schaffen zu können und uns nicht in die Irre führen lässt", sagt sie, die offene vorurteilsfreie Menschen mag.

Und so darf bei ihr auch im Künstlerischen der Mensch hinter dem Werk nicht zurückbleiben.

"Bei Volker Pfüller ist es so. ,Bilderlust' strahlt seine aktuelle Ausstellung im dkw. aus. Heiter und skurril, ehrlich und offenherzig, so wie mir der Künstler selbst begegnet ist", kommt sie ein wenig ins Schwärmen. Barbara Martin freut sich, dass sie gerade mit seinen Arbeiten ihre letzte große Plakatschau am dkw. gestaltet hat. Gezeigt werden 165 Plakate aus dem Sammlungsbestand des Museums, die die künstlerische Vielfalt von Volker Pfüller zeigen, der mit spitzer Feder, scharfem Auge und kraftvoller Expressivität einen pointierten Stil entwickelt hat.

Neben zahlreichen Illustrationen und Original-Linolschnitten aus Künstlerbüchern sind auch Theaterzeichnungen, Figurinen und Bühnenbildmodelle zu sehen. Barbara Martin mag das Zeichnerische, die Farbbrillanz, den unverwechselbaren Strich. Sein Plakat zu Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" gehört in Farbigkeit und Ausdruck zu ihren Favoriten. Auch, wie er Picasso in knappen Strichen porträtiert, beeindruckt sie sehr, denn ihre Zuneigung gilt vor allem dem Zeichnerischen, in der bildenden wie in der angewandten Kunst. Im Plakat ist es über die Botschaft hinaus die zündende Idee und deren adäquate gestalterische Umsetzung.

Am liebsten würde sie ihre liebsten Plakate nun mit nach Hause, nach Cottbus oder Klein Döbbern nehmen. Dass das nicht geht, weiß sie natürlich: "Ohnehin sind alle Räume schon mit den Werken meines Mannes Steffen Mertens gefüllt", lacht sie. Sie braucht sich also nicht zu sorgen, dass es im Ruhestand für sie nicht genug anzuschauen und zu inventarisieren gibt. "Wobei ich auch ein bisschen Zeit für mich genießen werde, zum Beispiel, um nach langer Zeit einmal wieder selbst Keramik zu schöpfen", verrät sie.

Das Humor-Plakat in ihrem Büro gehört übrigens zur Familie. Stammt es doch von Andreas Wallat, dem Lebensgefährten ihrer Schwester, der Bühnenbildnerin Gundula Martin. Sie leben gemeinsam in einem Haus. Die Geschwister, auch ein älterer Bruder, der Musiker geworden ist, gehört dazu, sind im erzgebirgischen Schwarzenberg in einer kunstsinnigen Umgebung groß geworden.

Die Schwester ist ja auch schon im Ruhestand, was allerdings nicht wirklich zu merken ist. Gerade eben hat sie das schräge Bühnenbild für den Spielzeitauftakt am Staatstheater entworfen. So ein schräger Ruhestand könnte wohl auch Barbara Martin gefallen.

Am 30. Oktober, 16 Uhr, gibt Barbara Martin während eines Rundgangs Einblick in das Schaffen des Illustrators, Plakatgestalters und Bühnenbildners Volker Pfüller. Eine weitere Führung durch die Ausstellung "Bilderlust" findet am 10. November, 11 Uhr, statt. Am 8. Dezember, 18.30 Uhr erklärt das Künstlerduo Nicolaus Ott und Bernard Stein, wie ein Plakat entsteht.

Zum Thema:
Die RUNDSCHAU fragte die Kollegen: Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Barbara Martin in den Ruhestand geht?Ulrike Kremeier, dkw-Chefin: Ihren Fein- ebenso wie ihren Eigensinn werde ich genauso vermissen wie ihr seltenes, von einem Kichern ausgehendes, wellenartig hochschaukelndes Lachen.Elke Scholz, Servicemitarbeiterin: Ein bisschen traurig bin ich schon, dass sie das Haus verlässt, weil Barbara Martin eine sehr warmherzige, lustige und freundliche Person ist - und sehr kompetent. Ihre Ausstellungen waren immer aussagekräftig gestaltet und oft auch humorvoll.Jörg Sperling, Kustos Bildende Kunst: Insbesondere bei gemeinsamen Projekten brachte Barbara Martin eine andere Sicht auf die Werke mit ein, die mir zu denken gab, denn ihr war die ästhetische Ausrichtung einer Arbeit wichtiger und weniger deren "plakative" Schlagkraft.