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| 08:51 Uhr

Eurovision Song Contest
Von kitschig-schlecht bis absolut hitverdächtig

Der deutsche Sänger Michael Schulte. Nur acht Prozent der Teilnehmer der RUNDSCHAU-Umfrage räumen seinem Song eine Chance auf den Sieg ein.
Der deutsche Sänger Michael Schulte. Nur acht Prozent der Teilnehmer der RUNDSCHAU-Umfrage räumen seinem Song eine Chance auf den Sieg ein. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
Cottbus/Lissabon. Am Samstag steigt das Finale des Eurovision Song Contest in Lissabon. Hier sind die große RUNDSCHAU-Vorschau zu den Qualifizierten und die Meinung der Lausitzer über den musikalischen Wettbewerb der Nationen. Von Bodo Baumert

Man liebt ihn oder man hasst ihn. Der Eurovision Song Contest (ESC) spaltet das Publikum, auch in der Lausitz. Von 465 Teilnehmern der großen RUNDSCHAU-Umfrage sind zwei Drittel interessiert. Zwölf Prozent davon fiebern schon das ganze Jahr dem Ereignis entgehen. Etwa ein Drittel will während der stundenlangen Übertragung immer mal wieder reinschauen, ein weiteres Fünftel am nächsten Tag online nachschauen, wie es ausgegangen ist. Ein Drittel der Umfrageteilnehmer lehnt den ESC hingegen ab.

Lohnt es sich, in diesem Jahr hinzuschauen? Das beiden Halbfinals haben zumindest neugierig gemacht. Von kitschig-schlecht bis hitverdächtig war alles dabei. Durchgesetzt haben sich die erwarteten Favoriten, wie etwa Netta aus Israel mit dem schrillen K-Pop-Song „Toy“. In ihrem an Manga-Comics erinnernden Kleid lässt sich Vergleiche mit früheren ESC-Höhepunkten wie Verka Serduchka 2007 oder Guildo Horn 1998 aufkommen. Als schrulliges Maskottchen sollte man sie aber nicht abtun. „Toy“ wird bei den Buchmachern bereits als ein Favorit für den Gesamtsieg gehandelt. Mit ihrem Refrain „I’m not your toy. You stupid boy“ trifft Netta den Geist der Zeit rund um die #metoo-Debatte.

Auch Mikolas Josef aus Tschechien mit seinen ulkigen Hosenträgern, dem albernen Schulranzen und dem ungewöhnlichen Song „Lie to me“ kann unter die Skurrilitäten des Wettbewerbs gerechnet werden.

Professioneller und trotzdem lebensfroh kommt Österreichs Hoffnung in diesem Jahr daher. Cesar Sampson mit seiner Soulstimme und dem Song „Nobody but you“ strahlt Ruhe und Spaß aus - ganz so, wie es sich die ESC-Fans wünschen.

Ein Profi ist ohne Zweifel auch Alexander Rybak, der zum wiederholten Mal für Norwegen an den Start geht. Glaubt man den Nachfragen bei Google, hat er erneut beste Siegchancen. Sein Auftritt im Halbfinale wirkte zwar gelöst und souverän. Aber reicht das zum Sieg?

Sängerin Jessica Mauboy gilt in ihrer Heimat als australische Beyoncé. Im Halbfinale hat sie ihre Fans überzeugt.
Sängerin Jessica Mauboy gilt in ihrer Heimat als australische Beyoncé. Im Halbfinale hat sie ihre Fans überzeugt. FOTO: dpa / Armando Franca

Die Konkurrenz ist groß. Die Wikinger rund um den Dänen Rasmussen liefern ein tolles Bild ab. Selbst Australien darf diesmal an den Start gehen. Sängerin Jessica Mauboy gilt in ihrer Heimat als australische Beyoncé. Im Halbfinale hat sie ihre Fans überzeugt. Aber wer hat sie in dieses furchtbare Kleid gesteckt.

Die Wikinger rund um den Dänen Rasmussen haben im zweiten Halbfinale mit „Higher Ground“ ein tolles Bild abgeliefert.
Die Wikinger rund um den Dänen Rasmussen haben im zweiten Halbfinale mit „Higher Ground“ ein tolles Bild abgeliefert. FOTO: dpa / Armando Franca

Erfreulich: Es gibt einen Trend, nicht mehr nur auf Englisch als Sprache zu setzen. 13 Kandidaten versuchen es in diesem Jahr in der eigenen Landessprache, die meisten scheitern in den Halbfinals. Es gibt aber Ausnahmen: Eugent Bushpepa aus Albanien etwa. Er bringt sein rockiges „Mall“ – auf Deutsch Sehnsucht – gut auf die Bühne. Die Fans sind begeistert.

Auch Sanja Ilić & Balkanika setzen für Serbien erfolgreich auf heimische Töne, ebenso wie die brutal harten Rocker von AWS aus Ungarn.

Sanja Ilić & Balkanika setzen für Serbien erfolgreich auf heimische Töne. Die Band jubelt am Donnerstagabend über dem Einzug ins Finale.
Sanja Ilić & Balkanika setzen für Serbien erfolgreich auf heimische Töne. Die Band jubelt am Donnerstagabend über dem Einzug ins Finale. FOTO: dpa / Armando Franca

Auch Opernsängerin Elina Nechayeva aus Estland hat sich abseits der englischen Sprache bedient - und damit bisher Erfolg. Für ihr Lied „la forza“ hat sie Texte aus italienischen Opern zusammengestellt, garniert mit einem riesigen Kleid, das als Videoleinwand dient. Sieht spektakulär aus – und könnte es auch im Finale weit bringen.

Für die Lausitzer Fans wäre auch ein deutsches Lied mal wieder erstrebenswert beim ESC. 60 Prozent wünschen sich in der großen RUNDSCHAU-Umfrage: „Deutsche Teilnehmer sollten auch deutsch singen“. Michael Schulte wird ihnen diesen Gefallen nicht tun. Der diesjährige Starter Deutschlands versucht es mit „You let me walk alone“, einer anrührenden Ballade, die – gepaart mit seinem Auftreten – schon viele Anhänger unter den Berichterstattern in Lissabon gefunden hat. Qualifizieren muss er sich nicht. Deutschland gehört zu den großen Geldgebern der Eurovision und ist damit automatisch für die Show am Samstagabend gesetzt. Das Gleiche gilt für Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien.

Aber hat Deutschland auch Siegchancen? Nimmt man die Suchanfragen bei Google im Vorfeld des Wettbewerbs als Maßstab, hat Schulte kaum eine Chance. Er schafft es nicht einmal in die Top 10. Alexander Rybak (Norwegen) und Saara Aalto (Finnland) sind deutlich beliebter.

Auch die Lausitzer sind skeptisch. „Der Song ist schön, das könnte klappen“ – das glauben gerade einmal acht Prozent der Umfrageteilnehmer. Skeptisch sind hingegen 30 Prozent, der Rest noch unsicher.

Wichtig wird sein, aus der Masse der Vorträge im Finale herauszustechen. Vieles kommt einem doch sehr beliebig vor, manches auch bekannt. Wie etwa der fröhliche 80er-Jahre-Möchtegern-Michal-Jackson namens Benjamin Ingrosso aus Schweden oder die holländische Knast-Variante von Bob Dylan. Aufällig ist, dass es vergleichsweise wenig Balladen oder ruhige Stücke von Damen in langen Kleidern ins Finale geschafft haben.

Und wie sieht es mit unseren Nachbarn aus? Polen und auch Russland mussten im Halbfinale - zurecht - die Segel streichen. Beide Darbietungen waren im Vergleich zur Konkurrenz schwach.

Wer also wird gewinnen? Darüber werden auch die politischen Gegebenheiten wieder mitentscheiden. Denn rein nach objektiven Kriterien wird beim ESC ja nie abgestimmt. Nachbarländer schieben sich gegenseitig die Punkte zu. „Natürlich ist der ESC politisch. Da wird es in diesem Jahr wohl keine Punkte aus Russland geben“, finden 79 Prozent der RUNDSCHAU-Umfrage-Teilnehmer.

Wenn sie sich etwas wünschen könnten, dann wäre es mehr Live-Atmosphäre bei den teils doch sehr gekünstelten Auftritten beim ESC. 77 Prozent der Umfrage-Teilnehmer äußern diesen Wunsch. Und da es um Gelder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geht, wären sie auch für etwas weniger Pomp und Aufwand. „Es könnte ruhig bescheidener zugehen“, wünschen sich 83 Prozent in der Umfrage.

Eurovision Song Contest FOTO: dpa / Jörg Carstensen