Faszination, Schrecken, Schuld, Einsamkeit - all das spiegelt sich in diesem Moment auf Capotes Gesicht. Allein für diese paar Sekunden schon hätte der Capote-Darsteller Philip Seymour Hoffman am Sonntag einen Oscar verdient.
In fünf Top-Kategorien geht "Capote" ins Rennen um die Oscars: Neben Hoffman als Hauptdarsteller ist unter anderem der Regisseur Bennett Miller mit seinem Spielfilm-Debüt für den Regie-Preis nominiert, sein Werk ist auch als bester Film des Jahres vorgeschlagen. Hier kommen neben einer schillernden, prominenten Titelfigur auch ein intelligentes Drehbuch, sensible Regie und fantastische Schauspieler zusammen. Der 38-jährige Hoff man ("Magnolia") agiert wie ein Insekt unter der Lupe der Kamera und macht die inneren Konflikte eines Künstlers sichtbar, der in einer Art faustischem Pakt für den Erfolg seine Seele opfert.
Der Film beginnt im Herbst 1959: Truman Capote, damals 35 Jahre alt und nach dem Erfolg seines Romans "Frühstück bei Tiffany" exzentrischer Mittelpunkt der New Yorker Gesellschaft, liest in der Zeitung von einem Mord in Kansas. Eine vierköpfige Familie wurde scheinbar "kaltblütig" von Raubmördern erschossen. Instinktiv wittert der Autor seine Geschichte. Mit einer Freundin, der ebenfalls schreibenden Nelle Harper Lee (Catherine Keener), fährt er in die Provinz. Der perfekt gestylte, geziert auftretende Homosexuelle wirkt hier so fremd wie ein Kaviar-Häppchen bei McDonalds. Dennoch gewinnt er das Vertrauen sowohl des Chef-Ermittlers als auch von Perry Smith, einem der beiden Täter, die kurz nach dem Verbrechen gefasst und dann zum Tode verurteilt werden.
Längst will Capote keine Reportage mehr über den sinnlosen Tod einer Familie schreiben. Ein Buch soll es werden, ein "Tatsachenroman", der erste seiner Art. Capote beginnt eine intensive platonische Beziehung mit Smith, dem er sich durch ähnliche Kindheitserfahrungen verbunden fühlt.
Doch der Wille des Autors, im Licht zu stehen und dort auch zu bleiben, führt ihn moralisch ins Dilemma: Für sein Werk beutet er den Todeskandidaten aus. Er verhilft Smith solange zu juristischem Beistand und Aufschüben der Hinrichtung, bis der ihm jedes Detail seiner Tat erzählt hat. Nach fünf quälenden Jahren der Recherche, der Gespräche und der Arbeit am Manuskript wünscht Capote nur noch eines: Den Tod von Perry Smith, das richtige letzte Kapitel.
Der Film nach dem präzisen Drehbuch von Dan Futterman fragt nicht nach Schuld und enthält sich jeder Moral. "Capote" zeigt einen Autor, der an seiner Sucht nach Licht, nach Lob und Anerkennung leidet, aber in seiner glanzvollen Einsamkeit nicht darüber sprechen kann. Seinen inneren Zerfall erlebt er ganz bewusst - und betäubt sich schnell mit Alkohol und Tabletten.
Das Buch "Kaltblütig" wurde 1966 veröffentlicht, einige Monate nach der Hinrichtung der Mörder von Kansas. Es geriet sofort zur literarischen Sensation. Truman Capote sagte später, er habe sich von der Anstrengung, dieses Werk geschaffen zu haben, niemals mehr erholt. Wer Philip Seymour Hoff man in seiner bisher größten Rolle gesehen hat, glaubt das sofort.

(USA 2005, FSK ab 12, von Bennet Miller, mit Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Chris Cooper)